Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

27 
Nr. 18 
Gisela — „Nun hat man es ihr gesagt“, dachte er. 
Und Schritte flogen gejagt die Treppe empor — die 
Tür nebenan wurde geöffnet und verschlossen. 
Er stand ganz still, fühlte in einer Erschütterung 
seiner Seele alle Qual der letzten Jahre sich lösen. 
Nichts blieb als Liebe und Sehnsucht nach ihr, die ihm 
nun so nahe. „Gib mir ein Zeichen“, dachte er, „daß 
du meine Nähe fühlst, wie ich die deine — wie die 
Kinder waren wir und glaubten, daß auf getrennten 
Wegen das Glück bunter blühen konnte — aber wir 
waren zu tief verbunden, Geliebte.“ — Er stand 
lauschend — da hörte er nebenan aus dem stummen 
Zimmer ein hilfloses Weinen. 
Da trieb es ihn —er konnte nicht denken — da war 
sein Balkon — da die niedrige Mauer — und da die 
Loggia ihres Zimmers. Die Scheiben klirrten gedämpft 
und die weinende Frau fuhr auf. 
„Gisa, Liebe“, sagte er zärtlich und scheu, ,,hab’ ich 
dich erschreckt — ich wollte abreisen, als ich deinen 
Namen las, wollte dich nicht beunruhigen — ich konnte 
nicht, Gisela — ich liebe dich —sieh, ich stehe ganz von 
fern — gibst du mir nicht einmal deine Hand?“ 
Wie eine Blinde, schwankend, die Hände vorgestreckt, 
ging sie auf ihn zu und lehnte sich an ihn. Im breiten 
Licht des Mondes waren ihre Gesichter einander zuge 
wandt. „Liebst du mich?“ fragten ihre Seelen. Da 
sah sie in seinen Blick eine leichte Unruhe kommen. 
„Nein, ich habe ihn nie geliebt, Hans-Otto“, sagte ihre 
Stimme in die Stille hinein. „O Gisa, seit wann fühlst 
Jahrg. 26 
du meine Seele so ganz?“ „Seitdem ich dich verloren 
hatte — aber frage nur, du!“ Er schüttelte den Kopf. 
Da sagte sie noch einmal klar: „Nein, ich habe ihn 
nicht geliebt. Manchmal glaubte ich es; wenn du allzu 
ungeduldig warst, — war er Güte und Ausruhen. Aber 
als du fortgingst, da war alles in dir — o warum liessest 
du mich auch nur mit einem Gedanken zu dem andern?“ 
„Ich halte nicht, was von mir will“, sagte er und der alte 
herrische Trotz brach auf: „Wollte ich denn von 
dir?“ fragte sie leise lächelnd, „du kannst mich ruhig 
küssen. Er hat nicht einVnal meinen Mund gehabt — 
er nicht und kein anderer.“ Ein Stöhnen brach aus 
ihm — „Mein Leben gäbe ich, könnte ich dir das 
Gleiche sagen — ich habe eine wilde Zeit hinter mir, 
Gisela.“ „Laß, laß, flüsterte sie, „was war, ist nicht 
mehr für uns.“ 
„Und doch werden wir es wissen müssen, Gisa! Alles 
werden wir wissen müssen, alles, was wir falsch und 
verkehrt machten; nur so können wir neu aufbauen! 
Aber nicht heut, nicht heut, Gisa! In vierzehn Tagen 
muß ich wieder hinüber. Gisa, wenn ich dir nun 
einen Heiratsantrag machte?“ „Ich muß mich bedenken.“ 
Tausend Lichter tanzten in ihren Augen. „Nicht be 
denken“, sagte er, und zog sie jauchzend an sich. — 
„Du, deine Papiere über deine erste Ehe dürften in 
Ordnung sein. Gisa, wirst du mir noch einmal ver 
trauen?“ 
Sie sah ihn ernst und klar an; „Ich vertraue der 
Liebe“, sagte sie. 
Qds desb&ßsne 
ROMAN * VON * EL COR RE T 
Bilder: Bohl 
8. Fortsetzung 
Wäre das Versagen jeglicher aktiven Intelligenz nicht 
gewesen, der Fürst hätte nur einem kontemplativ 
lebenden Menschen höherer Geistigkeit geglichen. Er 
besaß die verfeinert reagierenden Nerven eines Dichters 
und Sehers. Er hätte unten in der Welt kaum Er 
staunen erregt. Denn wieviele solche äußerlich halt 
losen, selbstverlorenen und erstorbenen Menschen irren 
nicht durch Länder und Städte? Wer zählt die Schatten 
früherer Ichs? Wer kennt sie nicht, jene Traurigen, 
Hoffnungslosen und mechanisch Existierenden, die das 
eigene Selbst längst überlebten und unter den Stein der 
Vergessenheit begruben? Oder wer kennt nicht die 
anderen, die gen Himmel gerichteten Blicks blindlings 
über den Schotter der Straßen stolpern einem Ziele zu, 
das nur sie wissen? Das vielleicht heißt: eine keimende 
Dichtung, eine, werdende Erkenntnis, eine tyrannische 
Leidenschaft, ein einziger Schmerz — und das doch nur 
das Suchen des Überirdischen, des Erträumten, des 
innerlich Erlebten ist? Verkehren nicht Millionen 
Menschen mit den Phantomen ihrer Einbildungen? 
Liegen nicht Millionen Intelligenzen brach, überwuchert 
vom Gespinste der Selbsttäuschungen? 
War es Wahnsinn, was den Fürsten Porphyrio in die 
Einsamkeit, auf Bergeshöhen, ins Reich der Schatten 
trieb? 
Wurde er nur von höherer sublimer Erkenntnis 
geführt? 
So mußte Henn denken. Er beruhigte sich damit über 
das Wagnis, dessen er sich unterzog, mit dem Kranken 
von Ort zu Ort zu reisen und der Welt gegenüber für 
alles einzustehen. Marion streikte mehr als einmal. 
Immer wieder brachte er weinend gefälschte Briefe, die 
ihn heimriefen an das Krankenbett seiner Frau oder ans 
Sterbelager eines seiner Kinder. 
Welches Leben führten sie hier auch! Immer höher 
ging’s immer steiniger und mühsamer wurde es. Immer 
ferner rückte man dem schönen Leben. Ging es so 
weiter, so endete man in einem Adlerhorst. Und was 
wurde dann aus ,armer Marion'? 
So weit, wie ,armer Marion' es sich ausmalte, war 
man allerdings noch lange nicht. 
Nach vielerlei Kreuz- und Querzügen bewohnten sie 
endlich ein kleines, romantisches Schlößchen in Tirol, 
noch von einer tiefen Waldung umgeben, aber schon 
inmitten weltferner, schweigender Bergeinsamkeit. 
Hier war auch die erste Etappe von längerer Dauer. 
Der Fürst war einverstanden, hier zu bleiben. Hier 
fühlte er sich sicherer als anderswo. Hier sah und hörte 
man fast keine Menschen. Und tauchten solche doch 
auf, so konnte man sich sofort verbergen. Was da unten 
wie Spielschachtel-Dörfchen im Tale lag, war so fern 
und bedeutungslos, daß man darüber lächeln konnte. 
Die nahe Gebirgswelt war dagegen eine Region, deren 
Erhabenheit fast das war, was man ersehnte, lag man 
bang und fiebernd auf heißen Kissen. 
Ein Gebirgsbach stürzte nieder und fiel brausend in 
eine schwarze Schlucht. 
Hier konnte der Fürst lange, lange auf einem Stein 
sitzen und lauschen. 
„Ich höre ewige Psalmen!“ sagte er leise zu Kenn. 
Später versuchte er, sie auf seiner Bratsche nachzu 
ahmen.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.