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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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IA, 
\'r. 28 
Jahrg. ZS 
benen Freundes wohnten, war klein und aus Holz, ein 
Märchenhäuslein. Man mußte sich bücken, um über 
die Schwelle zu kommen, und überall webten Spinnen 
Fäden und Netze. 
Vita lag schmal und weiß auf ihrem Lager. Nur leis 
ging der Atem. Durchs offne Fenster zwitscherten 
Schwalben herein. Lautlos schlich Irwin heran auf den 
Zehenspitzen. 
Als er so stand und starrte, hilflos vor Weh, schim 
merte ein rosiger Schein auf dem weißen Gesicht und 
die matten Lider hoben sich. 
„Irwin“, hauchte sie, „Irwin, ich weiß . . . einen neuen 
Tanz . . . soll ich ihn tanzen?“ 
Hinter Irwin stand Renate. „Nein!“ flüsterte sie ent 
setzt. „Nein, schlaf, Vita“, befahl er; aber in seinem 
Innern brannte das Verlangen nach Vitas Tanz. 
„Geht“, raunte Vita der Nachbarin und Renate zu. 
„Geht.“ 
Einer Sterbenden Wille ist Gottes Wille. Die Frauen 
wagten kein Widerstreben. 
„Halten Sie sie“, hauchte Renate im Hinausgehen 
dem Maler zu. 
„Ja“, sagte er; und als sie hinaus waren, wich er zu 
rück bis an die Tür und rührte sich nicht. 
Nur das Vogelgezwitscher, sonst kein Ton, Tiefe des 
Schweigens. Sie sah, daß seine Augen auf den Tanz 
warteten, und ein überirdisches Lächeln stieg auf ihre 
Lippen. Mühsam hob sich Vita und blickte zu ihm 
hinüber. 
„Ach!“ ächzte sie, so matt war ihr Körper. Er kam 
nicht und half nicht; denn seine brennenden Pupillen 
tranken giergig jede Bewegung ihrer Glieder. Sein 
Atem ging stoßweis und schwer. 
Er dachte, von Wunsch, Verlangen, Entsetzen und 
schöperischer Grausamkeit durchloht: Vita, tanz . . . 
meine silberne Flamme, tanz ... 
Nun stand sie, noch schwankend, den Kopf ein wenig 
zur Seite, daß ihr helles Haar wie ein Sonnenstreif über 
die Schultern floß. Als lausche sie auf eine ferne 
Melodie, die ihrem rinnenden Blut entschwebte . . . Ein 
krampfhafter Atemzug ... in jäher, göttlicher Kraft 
hoben sich die schlanken Arme über Vitas Haupt. Weiß 
lohten sie, wie silberne Flammen. In ihren Augen 
leuchtete ein seltsam keusches, schenkendes Glück . . 
So stand sie heilig, bereit zum Opfer. Einen ganzen, 
ewig langen Atemzug. Nun durchrann ein Zittern die 
weiße Gestalt; sie bäumte sich und taumelte. Irwins 
Arme umschlossen sie. Er hob sie auf und legte sie 
auf das Lager, brennend vor Liebe, Schmerz und Dank 
barkeit. Flüsterte ihr wilde, wehe, inbrünstige Worte 
ins Ohr. 
„Vita, meine Priesterin, Vita, meine Offenbarung . . .“ 
Auf Vitas weißem Gewand rieselte Blut. 
Entsetzt ließ er sie und stürzte irr zur Tür hinaus. 
„Helft ihr, wenn ihr könnt — sie stirbt!“ schrie er 
rauh die Frauen an. Dann keuchte er mit seiner Staffe 
lei und den Farben durch den Wald . . . 
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Bis zum Herbst malte er; dann sah man in der Aus 
stellung das Bild der toten Vita. Im weißen Gewand 
der Vesta, von Unschuld verklärt, stand sie mit beten 
den, erhobenen Armen vor dem Feuer der Göttin . . . 
und dies Feuer wob silbern erstrahlend einen Kranz 
um ihr Haupt . . . 
Darunter stand: Silberne Flamme . . . 
„Und der Maler?“ fragte man. Geheimnisse raunten 
um Irwins Namen. 
„Der Maler?“ kam Antwort von irgendwem. „Der ist 
blind geworden ... so lange hat er über dem Bilde 
gesessen . . .“ 
Rull wußte, wie es gekomen war. Aber Rull schwieg. 
Das Wiedersehen 
USA HON ROTH-LÖWE 
on dem kleinen Holzbalkon aus sah 
man die stumme Fläche des grünen 
Landes flach dem leisen Meere ent 
gegengehen. Aber diese Stille hier 
gedämpftes Leben. Und der 
verhaltene 
der Helle 
war 
leichte Wind ging und 
Vogelstimmen waren 
des Abends. 
m 
Zum ersten Male seit Jahren, daß 
er wieder einmal ein Gefühl hatte wie Heimat-Zuhause 
sein. Draußen, in den Stunden der Einsamkeit, die der 
fremde Erdteil so oft über ihn warf, hatte er es zum 
ersten Male wieder gespürt. Und nun brachte dies 
Stück Erde hier alles zurück, die Erinnerung an Gisela, 
an die Zeit, da ihre Ehe reich und blühend gewesen, da 
einer dem andern sein Wesen mit Inbrunst untergeord 
net hatte, nicht starr auf sich beharrte, wie später. 
O wie waren sie schön gewesen, die ersten Monate 
ihrer Liebe. Noch sah er Giselas bräunliches, locken 
des Knabengesicht über dem Kornblumenblau des 
leichten Sommerkleides. Besinnungslos hatte er sie ge 
liebt, vielleicht war er darum so starr ihren Fehlern 
gegenüber gewesen, weil sie seine Liebe zu tief trafen? 
Aber war es nicht auch viel, viel, was er ihr zu tragen 
gegeben? 
Die Stille des Landes war plötzlich wie Hohn gegen 
die schmerzliche Unruhe seines Blutes. Gerade wollte 
er ins Zimmer zurücktreten, da kamen Schritte die 
kleine Steintreppe herab, drei Frauen in hellen Kleidern, 
— sie sprachen, er fühlte sein Gesicht fahl werden ■— 
unter Tausenden hätte er die eine schwingende, warme 
Stimme wiedererkannt — Giselas Stimme. Und da ging 
sie — wiederum in einem bläulichen Kleide — den 
Wiesen zu. Er sah den goldenen Schimmer ihres Halses, 
sie ging jung und weich in den Hüften. „O, noch bist 
du mein, wie einst“, dachte er in einem jähen, wilden 
Mannesgefühl, „nie kannst du einem andern so zu eigen 
sein wie mir, dem deine erste Frauenliebe gehörte, nie 
mand besitzt dich, wie ich es heut in der Erinnerung 
noch tue — und wenn es selbst der andere ist.“ 
Mit zwei Sätzen war er die knarrende Holztreppe 
hinunter an der Hoteltafel, überflog die kurze Reihe der 
Namen — sein Herz schlug triumphierend — „Nr. 27 
Frau Gisela Grote sie trug noch seinen Namen, 
kam hierher auf diese Insel der Erinnerung, — ein 
übermütiger, wilder Gedanke lohte in ihm auf — und 
schon stand es da — „Nr. 28 Doktor Hans-Otto Grote.“ 
So, nun mochte sie es wissen, er war hier. Er dachte 
gar nicht daran abzureisen, wie sein erster, ritterlicher 
Instinkt ihm. eingegeben — was Ritterlichkeit — hier 
brachte sich ihm das Leben noch einmal entgegen. Und 
er nahm den Kampf auf! 
Das Licht des Mondes kam breiter über das abend 
liche Wasser, da hörte er in der Stille die Frauen 
stimmen näherkommen, sich trennen, nun gingen ferne 
Schritte — und Giselas Stimme blieb allein in dem 
stillen Gärtchen. Das breite Platt der Wirtsleute ant 
wortete — ein jäher, unterdrückter Ausruf von
        
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