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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nt. 28 
Jafirg. 28 
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sich zwei Menschen, die sich lieben, nicht alles sagen 
können?“ 
„Es ist so lächerlich ... ich habe meine Brieftasche 
am Strande verloren . . . wurde telegraphisch dringend 
nach Berlin gerufen . . . bin allerdings morgen abend 
wieder zurück . . .“ 
„Ich darf Ihnen doch mit einigen hundert Mark aus 
helfen, Graf. Das ist doch selbstverständlich.“ 
„Ich kann nicht . . . Ihre Güte beschämt mich . . .“ 
Schließlich nahm er doch an. Felicitas triumphierte. 
Nun war er ihr verpflichtet — und er war sogar ein 
Graf . . . wie würden die anderen sie beneiden . . . 
Noch in der Nacht fuhr der graue Herr ab. 
Am nächsten Morgen tranken die drei Damen gerade 
wundervolle Schokolade, als der Wirt mit zwei Herren 
an ihren Tisch trat. 
Die Herren hielten den entsetzten Damen ein furcht 
erregendes Blechschildchen vor: Kriminalbeamte. 
„Verzeihen Sie gütigst“, sprach der eine der Herren, 
„Sie haben doch sicherlich den Kaufmann Willy Schröter 
gesehen und vielleicht Gelegenheit gehabt, mit ihm 
einige Worte zu wechseln. Das ist in einem Bade doch 
so üblich. Wir suchen den Herrn nämlich, weil er einer 
der gerissensten Hochstabler ist und gern unter allein 
stehenden Damen seine Opfer sucht.“ 
Die drei schüttelten verwundert den Kopf. 
„Er ist in den besten Jahren“, fuhr der Beamte fort, 
„trug zuletzt einen grauen Anzug . . .“ 
„Baron Keil!“ schrie Ilse auf und behielt das reizende 
Mündchen offen. 
„Fürst Romanow“, sagte Grete entsetzt und stierte 
den Beamten mit großen, verständnislosen Augen an. 
„Graf Astard“, flüsterte Felicitas schmerzlich und 
setzte mit ersterbender Stimme hinzu: „ist gestern Nacht 
nach Berlin abgereist.“ 
Die silberne Flamme 
—i—■ 
LISA BARTHEL-WINKLER 
M it dumpfem Schmerzenslaut warf Irwin Pin 
sel und Palette ins Gras und legte die Hände 
über die glühenden, stechenden, vom grellen 
Sonnenlicht fast blinden Augen. 
Rull, der im Grase lag, zog die Beine an. Sein Hemd 
war weit am Halse offen; glührot von der Sonne 
schimmerte ein Dreieck auf der weißen Haut. 
„Ich kann nichts mehr sehen — und doch ist Vitas 
Licht noch blendender!“ klagte Irwin. 
„Nein“, sagte Rull, der Bummler, gelassen. Rull, der 
Landstreicher, der Tagedieb, der Gedichte machte; wie 
ein gewöhnlicher Mensch zur Nacht träumte, eksta 
tisch, unwirklich und dennoch spukhaftesten Lebens 
voll. „Nein, Knabe Irwin. — Sie ist nicht blendender, 
sie ist verklärter.“ 
„Gibt es lichteres, verklärteres Licht als das?“ 
jammerte Irwin und deutete, die Rechte über den ge 
quälten Augen, mit der Linken nach der Sonne. 
„Male sie im Mondlicht.“ 
Irwin fluchte; ein wilder Zorn über sein Nichts 
können barst ihm aus der Seele. Er warf sich in die 
Knie und schlug die Stirn in die duftenden Wiesen 
blumen. Rull half einem Käfer, der auf den Rücken ge 
fallen war, sorgsam auf die Beine. 
„Du kannst sie überhaupt nicht malen; du mußt sie 
dichten“, besann er sich. Und dann sagte er mit sehr 
zärtlicher Stimme, Augen, Mund und Leib der Erde 
zugewandt: 
„Über erschrockenen Herzen schrillt sie auf. 
Schrillt auf wie die Zikade, 
Singend mit einem Laut, so süß und so hell, 
wie eine silberne Flamme.“ 
Irwin zuckte auf und war mit einem Raubtiersatz bei 
ihm. 
„Sag das noch einmal!“ fuhr er den Dichter Rull 
an. 
„Jetzt kann er wieder laufen“, schmunzelte Rull ver 
gnügt und half dem Käfer auf einen duftenden, roten 
Kleestengel. 
„Sag das noch einmal.“ 
„Ich bin keine Drehorgel.“ 
„Es war Blödsinn!“ murmelte Irwin. „Aber ein Ton 
war darin, das war der, den ich suche ... Die silberne 
Flamme!“ 
„Wünsche wohl zu speisen!“ erwiderte Rull feierlich, 
stülpte seinen Sonnenhut auf den Zigeunerkopf, nahm 
seinen Knotenstock und trollte sich in den Schatten 
des Waldes. 
Irwin streckte sich auf der Erde aus und atmete tief 
die Sommerluft ein. 
* 
Schlief er? 
Da war in seinem Hirn eine dumpfe, ärmliche Stube 
wachdämmerig, lichtlos. Eine Nähmaschine ratterte; 
zwei Buben balgten sich. Dürftigkeit, Fadheit, sauer 
süßlicher Armleutegeruch. Witwen- und Waisenschaft. 
Zwei rotgeweinte Augen in farblosem Hungergesicht 
richteten sich auf den Maler Irwin, den Freund des 
verstorbenen Mannes; 
„Was soll ich nur tun! Tänzerin will sie werden — 
bei ihrer Schwäche — und ihre Lungen sind so 
schwach!“ 
Matter Trost, kühlfremde Abwehr; er kam, um Geld 
zu geben, nicht Herz. Da sprang, wie vom Frühlings 
wind aufgerissen, von draußen die Tür auf und Vita 
stand auf der Schwelle. 
Vita, die Tänzerin. Siebzehn Jahre. Und mit ihr 
schwebte das Unnennbare, Körperlose, Jenseitige. Das 
er nie zu fassen, nie zu malen wußte, das nur Ahnung 
war ... 
Der Maler Irwin dehnte seinen Körper auf der heißen 
Erde und murmelte Rulls Worte in sich hinein wie 
einen kühlen Trank: Silberne Flamme . . . ! 
Und schoß in die Höhe mit entstelltem Gesicht; 
zornbleich: Wahnsinn! Eine Flamme brennt — feuer- 
rot — 
Seine Augen schleuderten Haßblitze in die Sonne. 
Da kam mit erhobenen Armen Rull durch den Wald 
gelaufen und hinter ihm, noch im Schatten der Bäume, 
Renate, Vitas Schwester. 
Mit abgewandtem Gesicht fühlte Ir win die Kommen 
den. Aber all sein Wehren half nichts. 
„Komm schnell. Vita stirbt.“ 
Aschfahl und mit schweren Armen griff Irwin nach 
der Staffelei! Rull half ihm. Renate rang nach Luft. 
„Blutsturz“, sagte sie heiser. „Die Nachbarin ist bei 
ihr. Ich wollte zum Arzt, traf Rull. Rull will für mich 
gehen. Irwin, kommen Sie mit.“ 
«r 
Das Häuschen im Walde, in dem der Maler und der 
Dichter zur Sommerszeit bei den Frauen des verstor-
        
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