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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. 28 
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ma a Geld hat.“ „Glaubt’s net, daß i immer so war, 
aber i will a was vom Leben haben.“ 
Und die seligen Dichter tauschten nach jedem Worte 
verständnisinnige Blicke. Das Sittenbild mußte gut ge 
raten, wenn man das Glück hatte, ein solches Modell 
zu finden. Als Mizzi ihren traditionellen Rausch hatte, 
waren die Dichter am seligsten. Da begannen sie die 
Worte des Mädchens zu notieren. „Oes seid’s aber fad, 
Kinder!“ schrie sie in einem fort. „Herrgott, ist das 
Mädel aus dem Leben!“ erklärte jauchzend vor Be 
geisterung Paul. Sie ließen sich von Mizzi noch aller 
hand erzählen. Mizzi nahm jetzt Rücksicht auf die 
Unbescholtenheit der Dichter, sie gab sich, wie sie war, 
sie ließ ihre Individualität ausleben. Sie erzählte vom 
Kahlenberg, vom Heurigen, kurz, von allem, wovon 
die Mizzis erzählen. Ein besseres Literaturrequisit hätten 
sich Peter und Paul gar nicht wünschen können. Vor 
Freude ließen sie Mizzi hochleben . . . Und die guten 
Dichter setzten dann das süße Mädel, das ihnen so gute 
Literaturdienste geleistet hatte, schön in einen Wagen, 
wo sie sofort einschlief. Sie schieden von ihr, die ihre 
Muse gewesen, voll literarischer und ohne jede mensch 
liche Teilnahme. 
Die brave Mizzi wollte bloß gut soupieren, die Dichter 
wollten Naturlaute, es interessierte sie sozusagen nur 
die artistische Seite des Abenteuers. „Herrliche Sachen 
hat sie gesprochen!“ riefen beide glückstrahlend aus. 
Und jetzt erst berauschten sie sich an ihren feinen 
Schultern, an ihrer runden Taille, an dem hübschen 
Haisauschnitt und an dem Lachen, das man in Musik 
setzen sollte. Und noch an demselben Abend zer 
stritten sie sich — natürlich aus Iberischen Gründen. 
Jeder erklärte, dies Sittenstück allein zu schreiben, da 
es seiner Geistesriohtung besser liege, als der des andern. 
Es blieb nichts anderes übrig, als die Naturlaute, die 
Bodenständigkeiten unter den Kompagnons des Erleb 
nisses — ehrlich aufzuteilen. Peter bekam um ein paar 
urwüchsige Wendungen mehr, da er separat eine Torte 
und einen Käse gezahlt hatte. Auch die Abschiedsworte 
des Mädchens erhielt er, denn er hatte den Wagen 
genommen. 
Einer versuchte nun hinter ,dem Rücken des anderen, 
Mizzi ganz für die Literatur zu gewinnen. Man konnte 
sich das aus den zukünftigen Tantiemen leisten. Auch 
wollte Peter den Baron der Choristin nicht mehr in dem 
Stück haben. Dagegen hatte Mizzi ihre literarischen 
Bedenken. Und eines Tages warf Mizzi Peter zur Tür 
hinaus, gerade als er im Begriffe war, die erste Szene 
zu schreiben. Einen Tag vorher hatte Paul vom Baron 
eine Ohrfeige bekommen. Peter erhielt sie einen Tag 
später. Für die Ohrfeige hatten die Dichter passende 
Verwendung, sie sollten in dem Stück den ersten Akt 
schluß bilden. 
Vom ganzen schönen Erlebnis blieb nichts wie ein — 
Sittenstück . . . 
Die achtbeinige Tugend 
FRITZ Z 
n einem sonnenüberströmten Juni 
tage des Jahres 1775 ersann der 
lebenslustige Herzog von Lauzun 
eine Kurzweil, daß er mit einigen 
guten Freunden und jungen Frauen 
zimmern an die grünen Gestade der 
Seine hinausfuhr. Auf einer Weide 
ließ man die Wagen zurück, er 
handelte auch von dem weißhaarigen 
Schäfer etliche Lämmlein, daß sie mit possierlichen 
Sprüngen der ländlichen Kleidung und den mitge 
brachten Hirtenstäben der jungen Damen den rechten 
Sinn verleihen sollten, wanderte schließlich ein paar 
Schritte stromabwärts, bis man eine köstlich entlegene, 
von allerlei Gesträuch umsäumte Wiese antraf, und ließ 
die Diener hier ein delikates Picknick anrichten. 
Wie nun der schwere Duft von Klee und Gras und 
einem Akazienbaum süß in die Sinne der heiteren Men 
schen stieg und wie zugleich aus den geschliffenen 
Pokalen ein lodernder Brand aus Burgund in die Adern 
rann, wurde man des Löbens einer freundlichen Natur 
und des Getändels mit den wolligen Tierlein bald über 
drüssig. Man rückte im Schatten eines wilden Rosen 
busches näher zueinander, daß zwischen den seidenen 
Fräcken und den schlanken Taillen kein Raum mehr für 
die Pokale und Flaschen blieb, diese vielmehr zu einer 
stattlichen Batterie auf dem grünen Tischtuch der 
Natur aufgebaut werden mußten, das inmitten der 
ländlichen Tafelrunde verblieb. 
Und wie sich nun hier und dort ein Sonnenstrahl 
durch das Buschwerk stahl und das kristallene Gerät 
funkelnd entzündete, geschah es bald, daß man auch 
allerlei Reden schliff und die Facetten in einem rethori- 
schen Brillantfeuerwerk aufblitzen ließ. „Die Treue ver 
dummt die Frauen!“ verkündete Herr von Beaujolais 
und erntete nicht geringe Zustimmung, die von einer 
frivolen Lachkaskade seiner schönen Nachbarin anmutig 
gekrönt wurde, daß er nun seinerseits in eine ent- 
E L ESC H 
zückende Lobpreisung seiner Favoritin verfiel. Etliche 
Augen wandten sich dieserhalb zu dem Marschall von 
Boncourt, der immerhin des schönen Mägdleins Onkel 
war. Der sah mitnichten erbost auf den jubilierenden 
Verliebten, vielmehr strich er behaglich mit den 
Blicken über die Schulterlinie der gepriesenen Nichte 
und murmelte: „Ich hoffe, sie wird uns viel Kummer 
bereiten!“ Derweilen berichtete der Sohn der Marquise 
Desmoulins, mit welchem genialen Glückwunsch ihn 
seine Mutter in die große Welt eingeführt hatte; „Nur 
einen Rat habe ich dir zu geben: Verliebe dich in alle 
Frauen!“ Und da man den jungen Poeten Latour tadelte, 
daß er einer aussichtsreichen Liaison ausgewichen war, 
klagte er lächelnd: „Was kann ich dafür, daß ich die 
Frauen lieber habe, die ich liebe, als jene, die ich nicht 
liebe?“ 
Mit solchen Reden verflog die Zeit und es strich ein 
Wölklein der Ermüdung über die Gesellschaft an der 
Seine. Da rettete der kleine Poet seinen bedrohten Ruf, 
indem er einen Vorschlag machte, der gleich einem 
erfrischenden Winde das Wölklein Langeweile zerblies. 
Der Gastgeber, Herr von Lauzun, sollte sein erstes 
Liebeserlebnis enthüllen. Man richtete sich auf, die 
Worte flogen hin und zurück, alle waren sich darin 
einig, daß der berühmte Liebhaber eine erlesene Delika 
tesse zu servieren habe. 
Der Herzog von Lauzun lächelte zu der wachsenden 
Dringlichkeit, mit der von allen Seiten der Wunsch be 
stätigt wurde. Indem entging es seinen Freunden nicht, 
daß er ein wenig verlegen wurde. Er hob die Hand zu 
einer abwehrenden Geste, daß die lange Spitzenman 
schette zurückfiel. „O meine Freunde“, versetzte er ge 
messen, „lang und schwer ist der Weg zum Erfolg. Ich 
fürchte, Sie zu enttäuschen, und mich selbst der Lächer 
lichkeit preisgeben zu müssen!“ 
Aber nun war die Neugier mitnichten erloschen, und 
es blieb dem Gastgeber nach mancherlei Hin und Her
        
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