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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jahrg, 2t 
Florence verlebte die Tage in fieberhafter Erregung, 
immer auf der Lauer, in Tissas Nähe aber auch die Ge 
währ für Porphyrios Rückkehr erblickend, öfter denn 
je umschlich sie das kleine, graue Palais, besessen von 
ihrer Angst, hier vergebens zu warten, vergebens diese 
leeren und elenden Tage hinzuschleppen, vergebens 
diese Demütigung zu ertragen, hier gleich einer Ver 
schmähten zu schmachten. 
Unverhofft führte sie der Zufall mit Tissa zusammen. 
Tissa saß während eines Gewitterregens, der durch die 
Bäume rauschte und auf die Veranden niederprasselte, 
im Lesezimmer des Hotels. Wer Tissa früher gesehen 
hatte, dem mußte auffallen, wie verändert sie eigentlich 
war. Die eigentümliche Blässe, die von schlaflosen 
Nächten herrührt, lag auf ihrem Gesicht und ließ es 
gereifter erscheinen. Ihre Brauen waren etwas zusam 
mengeschoben, während sie flüchtig die Zeitungen 
durchblätterte. 
Lautlos kam die Fürstin auf ihren hohen Stöckel 
schuhen über den Teppich und blieb an Tissas Tisch 
stehen. 
Tissa blickte auf, und ihre Augen verrieten das Er 
schrecken, das sie beim Erblicken der schwarzen Ge 
stalt empfand. 
„Man sieht Sie selten, Miß Brownson!“ sagte Florence 
mit verbindlichem Lächeln, die Lorgnette vor den 
Augen. „Fast glaubte ich, Sie seien schon abgereist!“ 
Tissa begnügte sich nur damit, das Haupt etwas zu 
neigen. Sie empfand es in ihrer souveränen Lebensauf 
fassung, zu der die freie amerikanische Erziehung den 
Grund gelegt hatte, durchaus nicht als besondere Aus 
zeichnung, daß die fürstliche Frau sie so vertraulich an 
sprach und jetzt bei ihr Platz nahm. Sie empfand diese 
Annäherung im Gegenteil als Belästigung, denn ihr war 
nicht entgangen, daß die Fürstin schon lange dieses Zu 
sammentreffen gesucht hatte. Der Grund war ihr klar. 
Und sie glaubte sich gewappnet. 
Die Fürstin aber ergriff eine Zeitschrift, betrachtete 
eingehend ein Modebild und sagte dann plötzlich in 
ihrem eleganten Französisch und mit ihrem gewinnend 
sten Lächeln: „Wie charmant, daß Sie meinen Schwa 
ger kennen! Oder ist es indiskret von mir, darüber zu 
sprechen, Miß Brownson?“ 
Diese direkte Herausforderung brachte Tissa doch 
im ersten Augenblick aus dem Gleichgewicht. Aber sie 
faßte sich und entgegnete auf englisch: „Durchlaucht 
nehmen Interesse an mir?“ 
„Naturellement!“ betonte Florence mit einem kleinen 
Gelächter. „Und weshalb soll ich nicht wissen, was man 
hier allgemein weiß! Mein Schwager hat einen guten 
Geschmack! . . . Gedenken Sie seine Rückkehr hier ab 
zuwarten?“ 
Tissa hatte Mühe, ihre grenzenlose Bestürzung zu ver 
bergen. Die Worte der Fürstin gellten ihr in den 
Ohren. Wer mochte denn über sie sprechen? 
beiden Sie an 
Sommersprossen 
so wenden Sie sich vertrauensvoll an 
Gertrud Hasselhorsf, Hannover^ 
Schliefefach 206„ 
Auf die Frage der Fürstin sagte sie kaum vernehm 
lich: „Es ist noch unbestimmt, wie lange wir bleiben!“ 
Die Fürstin erhob sich. Ihr kreidiges Gesicht war zu 
einer Art Grimasse, die vielleicht ein Lächeln bedeuten 
sollte, verzerrt. Sie berührte mit der Lorgnette ganz 
leicht Tissas Wange und zischte ihr zu: „Die Kleine ist 
verwirrt, wie ich sehe . . . Sie hätten Ihr Geheimnis 
besser hüten sollen . . . Und auch Ihr Herz . . . Kyrius 
Porphyrio ist auch nicht beständiger wie andere Män 
ner . . 
„Sie hätten Ihr Geheimnis besser hüten sollen . . . Und auch Ihr Herz“ 
Und ohne daß sich ihre grinsende Miene änderte, 
verließ Florence den Raum. 
Erst nach einer Weile erhob sich Tissa. 
Was sie in diesen Minuten empfunden und erkannt 
hatte, das begriff sie erst viel später. Sie hatte vorerst 
nur das Gefühl, aus einem unruhigen, wiewohl schönem 
Traum gerüttelt zu sein und sich in Lebensgefahr zu 
sehen ... 
Ihr stolzes Selbstbewußtsein hatte jäh einen fürchter 
lichen Stoß erlitten; sie kam sich gebrandmarkt und 
erniedrigt vor. 
In furchtbarer Eile ging sie hinauf in ihr Zimmer. 
Hastig, ohne etwas zu verschweigen, berichtete sie der 
Tante von der Annäherung und Verleumdung der 
Fürstin. 
Tante Klara hörte still zu, sah durch die Brille scharf 
die Nichte an, sagte lange nichts und stellte dann nur 
die Frage: „Wann wollen wir abreisen?“ 
„Sobald ich Nachricht habe!“ antwortete Tissa und 
warf sich in den Schaukelstuhl. „Es war auch sofort 
mein Gedanke!“ 
„Dann ist’s gut!“ meinte Fräulein Kalkbrenner. Sie 
verriet nicht, wie hart sie getroffen war von der Wen 
dung der Dinge. Tissa bloßgestellt zu sehen, empörte 
ihr Herz <aufs äußerste. Sie liebte die Nichte zu sehr, 
um dieser je etwas ernstlich zu verargen oder ihr gar 
Vorwürfe zu machen. Sie schalt vielmehr auf die 
Klatschsucht und den Neid der Umwelt. 
„Wer mag dich nur beobachtet haben?“ sann sie. 
„Ich habe Wollfsheil in Verdacht!“ antwortete Tissa. 
Sie sollte jedoch bald den Beweis erhalten, daß ihre 
Vermutung nicht zutraf. Es war andern Tags, als sich 
Wollfsheil bei den Damen melden ließ. 
Tissa war allein und hatte kein Bedenken, ihren 
Verehrer zu empfangen. Eine gespannte Blässe bedeckte 
ihr Gesicht. Sie hatte das Vorgefühl, Wollfsheil kam, 
um vom Fürsten zu ihr zu sprechen. Hochaufgerichtet 
stand sie und begann sofort: „Meine Tante ist leider 
abwesend; aber ich will gern hören, was Sie zu uns führt, 
Herr Graf!“ 
„Abschied nehmen! antwortet Wollfsheil vielsagend. 
Dabei starrten seine kleinen, tiefliegenden Augen 
unter vorstehenden Stirnknochen Tissa mit einer Glut 
an, die man diesem rhachitischen Menschen niemals 
zugetraut hätte. 
„Sie reisen ab?“ 
„Ja! Man ruft mich ans Sterbebett meiner Mutter!“ 
„Oh — meine Teilnahme!“ 
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