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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr.l 
Jahrg. 28 
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gebracht von einer aus den Tiefen des Lebens, die 
vielleicht in einer von Wein oder Sommer trunkenen 
Laune irgend eines großherrlichen Gebieters für einen 
Augenblick vom Wege aufgehoben worden war 
Woher denn sonst plötzlich der glühheiß aufgelohte 
Haß, die wache Bewußtheit um seine Niederheit, seine 
Garstigkeit? Woher sonst die fremden Gedanken und 
Sehnsüchte, die nie die seinen hätten werden können? 
Sommerabende glommen auf vor ihm, voll Täterätäh- 
Bumbum, voll eklen Schreiens und Getöses wie dieser 
da. . . Dörfer, Flecken, Kleinstädte strichen vorüber, 
auf denen er Schaustellungen gegeben, von Kindheit an. 
Immerzu. Ohne Unterbrechen. Immer vor den Toren 
der Menschensiedelungen, immer da draußen irgendwo, 
ausgestoßen von den anderen. Wer ihn dazu gemacht? 
Ob seine Ungestalt künstlich hervorgebracht war, eine 
Beute gewinnsüchtiger Finder? Was wußte er davon? 
Nichts, nichts mehr hing in seinem Gedächtnis, als diese 
immer gleichen Bilder, diese immer gleichen Plätze, 
Gerüche, Gelärme, Buden und Menschen wie diese da, 
wie diese nun gehaßten da vor ihm. Bis zu denen vor 
den Pforten dieser Stadt, die ihm gewesen wäre gleich 
allen anderen: ein Name, der wie ein Stein in die Flut 
seiner Erinnerungsbilder gestürzt wäre, um nur durch 
einen Zufall vielleicht wieder einmal an der Oberfläche 
zu erscheinen, wenn nicht .... Ja, wenn hier nicht die 
Eine gewesen wäre, die Üppige, Schneeweiße, Blond- 
mähnige, die mit spottenden und doch sinnenden Augen 
sein Dasein zu bemerken geruht hatte. Sie, deren 
Schönheit ihm die ganze grauenvolle Widrigkeit seiner 
Frau, seine eigene klägliche Mißgestalt vorgehalten hatte 
wie einen nie gekannten Spiegel der Wahrheit. 
Wenn er das Rätsel nur lösen könnte! Das Rätsel 
ihres abendlichen Hierseins, im Beisein des großen, 
schnauzbärtigen, schwarzen Burschen! Damals, als sie 
zuerst das Wort an ihn gerichtet, mit ihren bloßen, 
weißen Sammetarmen, der königlichen Büste unter dem 
dünnen Batist ihn gestreift, ihn behext hatte, war ein 
Sturm von Fragen über sie hingebraust: 
„Wer bist wie heißt du?“ 
„Was schert es dich?“ 
„Wer ist der Schwarze, dein Bruder, dein Liebster?“ 
„Bin ich dir Rechenschaft schuldig?“ 
„Gefällt unsere Schau dir so, daß du jeden Abend 
aufs neue sie dir ansiehst?“ 
„Du, du gefällst mir . . . Dummköpf . . . Weshalb 
denn sonst käme ich und spräche mit dir?“ 
Und ihre Blicke züngelten wie stahlblauer Blitz in 
sein Augeninneres. . . zündeten .... 
Seit jenem Abend war es, daß er die Nächte umher 
irrte auf Äckern, über denen die Winde murrten, bis 
zur Stadt hin, die in steinerner Ruhe befangen lag. 
Daß er die Nächte dalag mit weitgeöffneten Augen, 
schaudernd neben der durch Billionen Meilen von ihm 
getrennten Gattin. Und in dem fernen Rauschen der 
Lüfte, dem Säuseln der Baumwipfel, dem Knarren und 
Ächzen der Geräte um ihn her, inmitten seiner arm 
seligen Umwelt, dem Kreisen seines Blutes und seiner 
Gedanken in all der finsteren Einsamkeit, träumte er 
— in Inbrunst: gleich einem Kinde, einem Dichter, 
einem Heiligen, einem Verliebten — das Wunder. Ihm 
wars, die Hülle seines unschönen Körpers glitte an ihm 
nieder, ein mißkleidend Gewand nur, wie im Märchen. 
Der Körper streckte sich. Und nicht mehr Prinz Liliput, 
der Zwerg aus der Schaubude, nein, ein schlanker, 
schöner Prinz von Gebürtes und Gottes Gnaden, ginge 
er, die Schönste, die Geliebte sich einzuholen. Denn 
ach, wie alle Verliebten, in vollster Torheit, vermeinte er 
nicht anders, als daß eben nur dies, was ihn bedrücke, 
das alleinige Hindernis zur Glückseligkeit sei. Und ahnte 
es nicht, der arme Tropf, daß jeder Sterbliche an irgend 
einer sichtbaren oder tiefversteckten Stelle einen Höcker 
mit sich herumtrage, der ihn für immer von der Er 
füllung seines Sehnens ausschließe, daß Glück immer 
nur im Traume sich gewähre . . . 
Über die bleichen Geleise dieser schmerzenden Er 
innerungen fielen plötzlich lebensgroße Schatten. Und 
in zuckender Freude und Ängsteschauern sah er sich 
der Herbeiverlangten Auge in Auge gegenüber. 
War er immer noch der Spielball seiner Vor 
stellungen? Phantastische Bilder? Oder hatte sie wirk 
lich im Vorübergehen sich dicht an ihn gedrängt, ihn wie 
strauchelnd, einen Augenblick lang mit beiden Armen 
umstrickt, daß er in der Nähe ihrer weichen Glieder 
zu vergehen meinte? Ihm wirklich zugeflüstert, daß sie 
ihn heute hinter der Bühne noch sprechen müsse . . , 
Sein Körper bebte und schnellte wie eine mit voller 
Kraft geschwungene Saite. Drinnen johlte die Menge 
zu den frechen Sängen seiner Lebensgefährtin. Mit 
erstorbenen Gliedmaßen und umschattetem Bewußtsein 
kroch er langsam wie ein wundes Tier durch einen 
Seitenweg zur Bühne zurück: die Zeit seines Auftretens 
war gekommen. 
Er hatte das Gefühl, mit seinen Tellern, Messern, 
Leuchtkugeln und Bällen zusammen in der Luft zu 
schweben, zu flimmern, zu fallen. Seine Augen irr- 
lichterten. An seinen Händen klebte schleimige 
Feuchte. Die Lungen pfiffen. Aber nichts mißlang. 
Mit einer hohlen Stimme, die er selbst nicht er 
kannte, verkündete er nun, daß er ungenannten Leuten 
aus dem Publikum Gegenstände aus den Taschen 
zaubern wolle. 
Er schritt den Zuschauerraum ab, blieb hier stehen, 
dort, betrat von neuem das Podium. 
Unter beschwörenden Floskeln und Firlefanz, unter 
Gesichterverrenken und Hokuspokus kamen Kämm- 
chen, Dosen Knöpfe, Zigarrenhalter aus seinen 
Ärmeln, aus dem Turban, aus den Schuhen, durch 
seine Ohren, ja selbst durch die Nase in seine Hände 
geflogen. Die Menge unten saß schweigend da, wie von 
einem einschläfernden Druck befangen. Dann brach sich 
ihr Staunen lärmend Bahn. 
Einzeln traten sie vor, reckten die Hände, nahmen ihr 
Besitztum wieder zu eigen. 
Fressende Feuer ergossen sich aus seinem Herzen in 
sein Blut, seine Adern. Endlich, endlich durfte er die 
Bühne verlassen, endlich der berauschenden Süße ihrer 
Glieder nahe sein. 
Da stand sie ... Mit den ängstlichen Augen eines 
Hundes, der seinen Herrn fürchtet, glitt er wimmernd 
zu ihr hin. Sie sah ihm mit einem unaussprechlichen 
Blick entgegen, mit einem Blicke, der ihn zurückweichen 
machte. War es Hohn, Schauder, Herrschsucht, was ihm 
daraus entgegengrinste? Doch im gleichen Augenblick 
umgriffen ihn zwei seidige Arme, rissen ihn ins Finster, 
in eine Ecke zurück. Er sank, sank in irgend welche 
blutroten abgründigen Tiefen — — Ein weher Seufzer 
entquoll seinem Munde ... Er näherte ihn dem ihren. 
Da plötzlich ein paar gellende Pfiffe vor, hinter der 
Schaubude ... Und schon sah er sie flüchten, umfror 
ihn Kälte des Alleinseins. 
Und wieder Pfiffe, ganz nahe . . . Ein Lichtstrahl von 
aufgerissenen Türen und drei, vier Polizisten um ihn 
und sie. 
„Sie vergaßen etwas abzuliefern, Herr Prinz . . .“ 
schallte die strenge Stimme eines Polizeimanns. 
„Unmöglich!“ stammelte der Zwerg. 
Doch schon suchten ihn ein paar eifrige Hände ab, 
zogen siegesstolz eine goldene, mit Saphiren ausgelegte 
Damenuhr hervor. 
„Und das Sonderbarste ist, daß die Dame, der sie ge 
hört, sie schon beim Eintritt in Ihre Schau vermißte. 
Gerade als Sie sinnend auf dem Vorbau standen. Da 
hätten wir also den vielgesuchten Taschendieb der 
letzten Tage . . . Forschen Sie weiter, meine Herren, 
im Gerümpel, im Schlafraum, überall! Und nun zu
        
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