Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

35 
Nr. 32 
JaBrg. 27 
deinen Wünschen angepaßt, ich habe mein wildes Blut 
gezügelt.“ — 
„Bei anderen beruhigt“, warf er ein. 
„Auch das“, was blieb mir denn anderes übrig. Aber 
nun — ich kann nicht mehr still sein — ich sage es dir 
— ich werde dieses Frauenzimmer erwürgen!“ 
„Das wirst du hübsch bleiben lassen, denn dann 
würde man dich einsperren.“ 
„Das ist mir gleichgültig — wenn sie nur tot ist.“ 
Rolf hatte sich erhoben. Mit verschränkten Armen, 
ein hohnvolles Lächeln um den Mund — eine Pose auf 
der flimmernden Leinwand, die er besonders liebte — 
trat er vor sie hin. „Bist du nun fertig?“ 
Verwirrt sah sie ihn an. 
Jetzt erhob er die Stimme. „Ob du fertig bist, frage 
ich dich?“ 
„Fertig? Womit?“ stammelte sie. 
„Mit der Szene, die du soeben aufgeführt hast.“ 
„Rolf — du weißt, daß ich ohne dich nicht leben 
kann —“ 
„Du wirst es müssen. Du bist mir ekelhaft. Mach, daß 
du fortkommst.“ 
Sie kniff die Lippen zusammen, daß sie blutlos 
wurden. Ein funkelnder, tückischer Blick traf ihn. Ihre 
Fingernägel bohrten sich in ihre Handflächen ein. Das 
schien sie zu beruhigen. Ihre verzerrten Züge glätteten 
sich. Ihre Augen blickten sanft, und ihre Stimme wurde 
weich und flehend. „Rolf — ich will alles ertragen — 
jede Strafe, die du über mich verhängst — nur — 
schicke mich nicht ganz fort — du bist heute nicht bei 
Laune — vielleicht bin ich es, die dir die Stimmung 
verdorben hat — ich werde gehen — aber — laß mich 
wiederkommen — ich werde nicht mehr eifersüchtig 
sein auf die Frau, die du liebst — ich verspreche es 
dir — bist du nun zufrieden?“ 
„Du bist ein verrücktes Frauenzimmer.“ Er griff in 
die Zigarettendose, zündete sich eine Zigarette an und 
warf sich wieder der Länge nach nieder. 
Zögernd schritt sie zur Tür, dann drückte sie leise, 
wie um ihn nicht zu stören, die Klinke in das Schloß. 
Rolf blies kleine, blaue Rauchkringel in die Luft und 
sah ihr sinnend nach. 
Senta, seine Geliebte! 
Wie sonderbar, daß der Wunsch, sie zu besitzen, nicht 
in ihm aufgestiegen war. Täglich saßen sie ein paar 
Stunden dicht nebeneinander, oft hatte er die Be 
rührung ihres Körpers gefühlt, aber nie hatte er das 
Verlangen gespürt, sie an sich zu ziehen. Er erinnerte 
sich jetzt, daß vor ein paar Monaten ihn ein toller 
Rausch erfaßt hatte, gerade diese Frau, die ihn stets 
ihre Überlegenheit fühlen ließ, die von eisiger Gleich 
gültigkeit ihm gegenüber war, — daß er diese Frau 
zwingen wollte, sich ihm hinzugeben. Hingeben, ohne 
Liebe, ohne Leidenschaft, nur weil er sie begehrte. 
Recht hatte sie getan, sich ihm zu versagen. 
* 
Als Rolf und Senta anderen Tages eine Weile ge 
fahren waren, sagte Rolf plötzlich: „Warum forderst du 
mich eigentlich nie auf, dich zu besuchen?“ 
„Wir sind doch alle Tage zusammen.“ Er merkte, wie 
ihre Stimme unsicher klang. 
„Hast du wirklich keinen besonderen Grund?“ 
Lauernd sah er sie an. 
„Was sollte ich denn für einen Grund haben?“ 
„Nun, vor unserer Abreise — du wirst dich erinnern 
— es war gemein von mir.“ 
Sie lachte leicht auf. „Es war allerdings eine Gemein 
heit — aber — ich habe es nicht so schwer genommen 
— du bist verwöhnt — und — so zügellos. — Übrigens 
hatte ich diese deine Dummheit wirklich vergessen.“ 
„Weil du eben nie an mich gedacht hast.“ 
„Ich hatte wirklich keine Ursache dazu. Filmhelden 
zu bewundern fehlt mir die Begeisterung — und sonst 
— als Mensch —“ 
.. . Ich werde dieses Frauenzimmer erwürgen! 
„Senta, du wirst wieder stachlig. Wir haben doch die 
ganze Zeit so gute Kameradschaft gehalten, und du 
hast jetzt wohl auch eine andere Meinung von mir be 
kommen — du ich habe heute keine Probe. Darf ich 
dich besuchen?“ 
„Gewiß darfst du das. Komme nur. Vielleicht sage 
ich auch Bender, daß er kommen soll.“ 
„Du willst nicht mit mir allein sein. Du traust mir 
nicht?“ Er beugte sich zu ihr und suchte ihren Blick. 
Ihre Augen wichen ihm aus. Da packte er ihre Schulter. 
„Du — warum willst du nicht mit mir allein sein — 
sage es —“ Tortsetzung folgt. 
Die Novelle: Wie Messer Ippolito aus Siena die 
„Schöne Aussicht“ findet. Von Pietro Fortini ist dem 
im Paul Stangl-Verlag, München-Pullach erschienenen 
Werk: „Novellen der italienischen Renaissance“ aus 
gewählt und ins Deutsche übertragen von Luigi 
Redaelli u. G. J. Wolf. Ganzleinen nur M. 3.— ent 
nommen. 
Köstlich sind diese Novellen, wie verlebendigen sie 
uns Menschen, Sitten und Denkungsart der Renaissance! 
Man wirft ihnen Laszivität vor — ist doch die große 
Mehrzahl von ihnen über amoureuse Themata auf 
gebaut, und gibt es doch nur sehr wenige, welche der 
sinnlichen Liebe nicht irgendwie Erwähnung Tun! Wer 
aber ob dieses Umstandes gegen diese Novellen An 
klage erhebt, ist ein einfältiger Tor, ein kurzer Denker, 
ein Mensch, der keinen Kulturhorizont hat. Die Sitt 
lichkeit des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts 
vor das Tribunal der Sittlichkeit des zwanzigsten Jahr 
hunderts zu ziehen, ist ein eitles Unterfangen . . . 
siiiiiiitmiiiitiifumiiiHtitiimntiiHiiiiiiEfmuiuiitittftmtnititfitisimmiiiuifHmnimrmiiiiHä 
I Der Wunsch jeder Dome? I 
5 Schlank zu werden und zu bleiben! Dl*. ilOllftOOerS l|€$, ÖCSdl § 
= EntfettlingStäDIetteil sind ein seit Jahren erprobtes und erfolgreiches 1 
s Mittel., welches einen aus der Meeresalge gewonnenen, fettzersetzenden 5 
5 Stoff enthält und daher nicht mit ähnlichen Präparaten zu vergleichen i 
5 welche starke Abführmittel oder gar Schilddrüsen enthalten. ’ 5 
i Dr. Holfbauers EntlettlUlgStQbletten wirken auf kein Organ’ i 
= wie Herz oder Niere, sondern nur auf vorhandenes, überschüssiges Fettt = 
5 kein Diätzwang. — Verlangen Sie kostenfreie ausführl. Broschüre ml) s 
5 Anerkennungen durch den General vertrieb: 
= Elefanten-Apotheke, Berlin SW19, Leipziger Str. 24 (Dönhoffplaix 5 
niniiimiimmiinuftiiitinmiiiitiiiiitiiiHiiiiiiiiifmtittiiiiiififmimmimuKmiiuitimiimiiir;
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.