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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 32 
London i/ersaHle-Band s i£'* Mercedespalast 
..Oh mein Gott“, stöhnte sie, „das ist es ja, was mich 
so «jtiüJt Ich fühle es, daß meine Kräfte nachlassen. 
Dieses viek Probieren und Studieren hat meine Glieder 
geschwächt. Mich befällt jetzt oft eine Ermüdung, die 
ich früher nicht gekannt habe.“ 
„Da hast du es — da hast du die Überanstrengung! 
Wenn diese Anzeichen dich nicht vernünftig machen 
— dann — na, dann ruiniere dich eben.“ Er gab dem 
Wagen wieder eine erhöhte Geschwindigkeit. 
Eine Weile schwiegen sie. 
„Mit Bender habe ich mich auch schon verkracht“, 
sagte Senta nach einer Weile. 
„Deswegen?“ 
„Er meinte, ich solle mich nicht an Sachen heran 
wagen, die ich einfach nicht leisten kann.“ 
„Also einen Freund deiner Verrücktheit auch schon 
geopfert.“ 
„Ach, er kommt schon wieder, wenn ich ihn rufe. 
Aber, Rolf — ich bitte dich“ — ihre Stimme wurde 
jetzt ganz weich und leise — „sprich nicht von meiner 
Verrücktheit. Es ist eben ein Streben — mehr, immer 
mehr zu erreichen — das ist doch keine Verrücktheit.“ 
„Im Grunde nicht. Aber bei dir ist das zu einer fixen 
Idee geworden und darum nenne ich es eine Verrückt 
heit. Weißt du was? Du solltest auch lernen ein Auto 
zu führen, das brächte dich auf andere Gedanken.“ 
Da mußte sie lachen. „Du scheinst das für ein All 
heilmittel zu halten! Weil es dich dazu veranlaßt hat, 
deine Nächte im Bett zuzubringen und zu schlafen, 
glaubst du, es würde auch auf mich eine heilsame 
Wirkung ausüben? Nun, ich kann es ja versuchen. 
Willst du mein Lehrmeister sein?“ 
„Donnerwetter, ja — das will ich. Also, halte dich 
alle Morgen um acht Uhr bereit. Und während dieser 
Lehrzeit wird die Verrücktheit in die Ecke gestellt. Ver 
standen?“ 
„Es wird mir ja nichts anderes übrig bleiben“, seufzte 
sie. 
Als sie sich beim Frühstück gegenüber saßen, blickte 
sie ihn eine Weile an. 
„Was siehst du mich so verwundert an? Fängst du 
endlich an, Gefallen an mir zu finden?“ 
„Ja, so wie du jetzt bist, gefällst du mir. Du bist ja 
ein ganz anderer Mensch geworden.“ 
Er hob sein Glas und trank ihr zu. „Also, dann auf 
gute Kameradschaft, Senta.“ 
„Einverstanden, mein Lehrmeister.“ 
* 
Eine Woche hatte Alexandra geschwiegen. Hatte 
ihren ganzen Groll in sich hineingezehrt. Nun hielt sie 
es nicht länger aus. Ihr Zorn schäumte über. 
Rolf war von der Probe gekommen und lag ermüdet 
auf dem Diwan, als Alexandra ins Zimmer trat. 
„Nun, wie geht es dir, Alex?“ sagte er freundlich und 
streckte ihr die Hand entgegen. 
„Wie soll es mir ohne dich gehen“, erwiderte sie 
unliebenswürdig. Die ausgestreckte Hand schien sie 
nicht zu sehen. Schweigend drehte er sich um und 
wandte ihr seinen Rücken zu. Ganz nahe trat sie an 
ihn heran. „Seit acht Tagen begleitet dich bei deinen 
Ausfahrten die Sand — mich scheinst du ganz ver 
gessen zu haben.“ 
„Wenn du gekommen bist, um mir eine Szene zu 
machen, so kannst du wieder gehen.“ 
„Ich werde nicht gehen — ich werde hier bleiben — 
i c h werde morgen bei dir im Wagen sitzen.“ — 
Mit einem Ruck wandte er sich um, hob seinen Ober- 
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Chr. Adt. Kupferberg & Co., Mainz 
körper in die Höhe und sah sie voll Erstaunen an. 
„So, weißt du das so genau?“ 
Seine Ruhe versetzte sie in grenzenlose Wut. Sie 
packte seine Schulter, rüttelte ihn und zischte ihn an: 
„Sie ist deine Geliebte — gestehe es nur!“ 
„Und wenn’s so wäre, was geht es dich an?“ 
„Ich lasse mich nicht verdrängen“, fuhr sie leiden 
schaftlich fort, „ich bin still gewesen — ich habe mich 
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