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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 32 
Jaßrg. 27 
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— aber — du verläßt mich nicht ganz — Liebling, — 
versprich es mir.“ 
„Schön — ich verspreche es dir — aber nun •— laß 
mich in Ruhe. Jetzt wartet die Arbeit wieder auf mich. 
Gehe jetzt.“ 
„Und wann sehe ich dich wieder?“ 
„Wir werden uns telephonisch verständigen.“ 
Als Alexandra das Zimmer verlassen hatte, stampfte 
er zornig den Fußboden. „Verdammtes Frauenzimmer.“ 
Dann raffte er die Scheine, die sie hatte liegen lassen, 
zusammen und steckte sie in die Brieftasche zurück. 
Ich werde ihr einen Schmuck dafür kaufen und dann 
ist Schluß. 
• 
Rolf gab sich dem Autosport mit einem Feuereifer 
hin, den er sich selbst nicht zugetraut hatte. Es dauerte 
nicht lange, so war er imstande, den Wagen ruhig und 
sicher zu lenken. Allerdings saß der Lehrmeister noch 
neben ihm. Den mußte er schon noch eine Weile an 
seiner Seite dulden, denn er mußte mehr lernen, als nur 
auf glatter Bahn das Fuhrwerk zu steuern. Er mußte 
Hindernisse nehmen, den Wagen gegen einen Bauöi 
schleudern und ihn im letzten Augenblick zurückreißen 
können. Alles das war im Film vorgesehen. Es galt 
ein tolles Fahren. Er war mit einer Geliebten auf der 
Flucht und wurde von einem anderen Auto verfolgt. 
Das Ende der tollen Fahrt war ein Zusammenstoß der 
beiden Wagen. 
Jeden Morgen rasten sie hinaus in den Grunewald, 
um dort ihre Probefahrten zu machen. Dann brachte 
ihn das Auto ins Glashaus zu den Filmproben, wo er 
sich in seinem Dreß bewundern ließ. Die Frauen und 
das Spiel hatte er, seit ihn der Eifer für das Autofahren 
erfaßt, vernachlässigt. Alexandra hatte keinen Grund, 
eifersüchtig zu sein. Sie zeigte Interesse und Bewunde 
rung für seine Fortschritte und bat ihn oft, sie mitzu 
nehmen. Da sie ihn nicht mit ihrer Liebe belästigte, 
hatte er nichts dagegen einzuwenden. Ja, er war sogar 
froh darüber, eine Zeugin seiner Geschicklichkeit zu 
haben. Auch die Hindernisfahrten machte sie mit. Sie 
fürchtete sich nicht. Jauchzend schrie sie auf, wenn der 
Wagen über einen quer über den Weg gelegten Baum 
stamm hopste. Sie tat alles, um seine Leidenschaft zu 
fördern. Von ihrer Liebe zu ihm sprach sie nie mehr. 
Nur in ihren oft heiß aufflammenden Augen las er, daß 
sie ihm noch immer mit Leib und Seele gehörte. Das 
schmeichelte seiner Eitelkeit. Solange sie ihn nicht be 
lästigte, wollte er sich ihre Liebe gefallen lassen. Nur 
keine Forderungen sollte sie an ihn stellen, oder ihn zu 
hindern suchen, sich einer anderen Frau zu nähern. 
Durch das Zurückhalten ihrer Leidenschaft erreichte 
Alexandra, daß er oft und gern mit ihr zusammen war. 
So konnte sie ihn beobachten. Und so wußte sie auch, 
daß noch keine neue Liebesaffaire ihn beschäftigte. 
Aber, wie lange würde diese Ruhe dauern? Sie zitterte 
vor dem Tag, da er einer anderen Frau angehören 
wurde. Wie oft hatte sie versucht, von diser entsetz 
lichen Leidenschaft, die sie peinigte und quälte, loszu- 
kommen. Aber sie fand nicht die Kraft dazu. Noch nie 
mals hatte sie für einen Mann Liebe empfunden. Sie 
hatte sich hingegeben für Geld. Dem, der am zahlungs 
fähigsten war. Rolf war der erste gewesen, dem sie 
ein Gefühl der Leidenschaft entgegengebracht hatte. 
Diese Leidenschaft aber hinderte sie nicht, sich auch 
anderen Männern hinzugeben. Sie brauchte diese 
Männer ja, um nicht zu verhungern. An Luxus gewöhnt, 
konnte sie ohne Seide, Spitzen und Diamanten nicht 
leben. 
Was Rolf verdiente, brauchte er für seine persön 
lichen Bedürfnisse. Die Frauen, die um ihn waren, 
durften ihm nichst kosten. Oft war es sogar der Fall, daß 
sie seine Spielschulden bezahlten oder daß sie ihm kost 
bare Geschenke machten. Mit gelassener Selbstver 
ständlichkeit nahm er die Beweise der ihm entgegen 
gebrachten Liebe entgegen. 
Als Rolf eines Tages zur Filmprobe erschien, sah er 
Senta Sand in einem phantastischen Kostüm gegen 
einen hohen geschnitzten Sessel gelehnt stehen und 
der zu stellenden Szene zuschauen. 
„Senta“ — er war auf sie zugetreten und streckt ihr 
die Hand entgegen — „auch dich hatte ich ganz ver 
gessen!“ Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die 
Stirn und blickte sie groß an. 
„Ich bin dir nicht böse darum.“ 
Er lachte auf. „Natürlich — die Abwehr.“ 
„Du sagtest: auch. Wen hast du denn noch ver 
gessen?“ 
„Alles, was Weib heißt.“ 
Als sie ihn erstaunt ansah, fuhr er fort: „Wahrhaftig, 
du kannst es mir glauben. Aber nicht aus Überdruß, 
sondern — weil ich etwas anderes habe, das mich be 
schäftigt. Ich autle.“ 
„Und das nimmt dich so in Anspruch, daß du darüber 
sogar die Liebe vergißt?“ 
„Du — der Sport kostet Nerven. Wenn man die 
Nächte herumlumpt, dann wird man schlapp und die 
Nerven versagen.“ 
„Du siehst gut aus. Viel frischer als sonst.“ 
„Die viele frische Luft, die ich mir um die Nase gehen 
lasse, hat meine Haut gebräunt.“ 
„Na, wenn es mit dem Film nicht mehr geht, dann 
kannst du dir als Chauffeur dein Brot verdienen.“ 
„Was soll das heißen? Warum soll es nicht mehr 
gehen? Meinst du etwa, daß es mit mir vorbei ist? Du 
— ich merke davon nichts. Weißt du, was man mir für 
Gagen zahlt?“ 
„So rege dich doch nicht auf. Ich habe es doch nur 
so hingesagt. Aber gut ist es doch immer, wenn man 
zwei Eisen im Feuer hat.“ 
„Übrigens hast du ganz recht. Wenn ich nicht Rolf 
Roderich wäre, dann möchte ich wohl als Chauffeur 
durch die Welt jagen. Übrigens werde ich dich mit 
nehmen. Hast du Lust?“ 
„Mitnehmen? Wie meinst du das? Bei deiner Jagd 
durch die Welt?“ Sie lachte ihn an, daß ihre kleinen 
weißen Zähne zwischen den grellroten Lippen hervor 
blitzten. 
„Auch das, wenn es so weit kommen sollte. Aber, vor 
läufig lade ich dich nur zü einer Spazierfahrt ein. Oder 
geht deine Abneigung gegen mich so weit, daß du 
meine Einladung nicht annehmen kannst?“ 
„Ich nehme an. Wann soll es sein?“ 
„Morgen früh um acht Uhr gondeln wir los.“ 
„Herrgott, so früh? Um diese Zeit gingst du sonst 
erst zu Bett.“ 
„Ich lebe eben jetzt anders als früher.“ 
„Das scheint so zu sein.“ 
„Also — abgemacht? Du kommst mit?“ 
Sie nickte bejahend. 
„Um acht stehe ich vor deiner Tür und tute, daß dir 
die Ohren gellen sollen.“ 
„Um Gotteswillen, scheuche nicht die ganzen Mitbe- 
bewohner aus dem Schlaf.“ 
„Ist mir wurscht! Mögen sie doch früh aufstehen.“ 
„Nein, wie munter du geworden bist. Ich kann dich 
nur anstaunen.“ 
„Himmeldonnerwetter, Roderich, da stehen Sie im 
Autodreß und ich warte, daß Sie hier im Salonanzug 
auftreten sollen.“ Die Stimme des Regisseurs donnerte 
zu ihnen hinüber. 
„So probieren Sie inzwischen eine andere Szene“, 
schrie Rolf, „ich habe mich eben verschwatzt.“ 
Der Regisseur wollte auffahren, bezwang sich aber, 
brummte nur etwas vor sich hin und wandte sich um. 
Rolf ging in seine Garderobe. 
* 
Punkt acht Uhr stieg Senta zu Rolf in den Kraftwagen. 
In wenigen Minuten waren sie im Grunewald. Dort 
verlangsamte er die Fahrt. Außer dem Gutenmorgen-
        
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