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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 32 
Jahrg. 2? 
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„Burg der Genießer“ waren ihnen ja stets ein Dorn im 
Auge. Und nun kommt noch hinzu — das ist das Tollste 
an der ganzen Geschichte — dieses Zusammentreffen 
— Baßwitz hat sich gestern Abend erschossen. Mitten 
in einer Zecherei zieht er plötzlich den Revolver aus 
der Tasche und schießt sich eine Kugel durch die 
Schläfe. Er war sofort tot. Die Hedda hat ein Mords- 
eschrei erhoben. Heute, in aller Frühe, war sie schon 
ei mir. Das freche Ding ist ganz verängstigt.“ 
„Und weiß man, warum er es getan?“ 
„An der Börse gibt es nichts zu verdienen. Er hat 
uns ja gesagt, wer leicht verdient, muß auch leicht aus 
geben. Nun ist er auch leicht in den Tod gegangen. 
Hätte ihm eigentlich den Mut nicht zugetraut. Du 
kannst dir also denken, daß der Skandal und das Ge 
schrei groß ist. Wir sind den Leuten jetzt gleichbe 
deutend mit der Pest. Wir tun also gut, uns hier nicht 
mehr lange aufzuhalten.“ 
„Und wo sollen wir hin? Ich habe nur noch wenig 
Geld. Es wird gerade langen, meine Rechnung zu be 
zahlen.“ 
„Unsere Geschäfte gehen von heute ab alle auf Halb 
part. Alle — verstehe mich recht. Es fließt alles in 
eine gemeinsame Kasse, an der jeder zur Hälfte be 
teiligt ist. Ich denke, du bist damit einverstanden. Zu 
nächst wollen wir nach Berlin und dann gehen wir 
weiter in die Welt hinaus. Fühlst du dich wohl genug, 
um morgen früh abreisen zu können?“ 
„Meinetwegen können wir heute fahren.“ 
„Dazu ist es zu spät. Wir fahren morgen mit dem 
Dampfer nach Hamburg. Dort will ich mit dir über 
nachten.“ — 
In Berlin hatte Ninon an den Bruder ihres Mannes 
geschrieben und um die Herausgabe ihrer Sachen ge 
beten. Umgehend wurden die Wäsche und Kleidungs 
stücke gesandt mit einem Begleitschreiben ihres 
Schwagers, daß jegliche Beziehungen zwischen ihnen 
abgebrochen wären, daß sie nach dem strengen Befehl 
ihres toten Mannes niemals die Kinder sehen dürfe und 
daß sie keinerlei Ansprüche, nach keiner Richtung hin 
zu stellen habe. Sollte sie es dennoch wagen, irgend 
welche Forderungen zu stellen, so würde er sie als Ehe 
brecherin und Mörderin seines Bruders brandmarken. 
Ninon hatte den Brief verächtlich in den Papierkorb 
geworfen. Lächerlich. Sie selbst war es ja, die keine Be 
ziehungen zu jenen mehr wünschte. Unter das alte 
Leben hatte sie einen Strich gezogen. Nun begann das 
neue. Das reizvolle, das gefahrenreiche. Sie lebte weiter 
in Luxus. Versammelte um sich einen Kreis von elegant 
angezogenen Menschen. Aber ihre scharfen Augen, ihr 
Instinkt, sahen und fühlten die widerliche Fäulnis, die 
diese Hüllen verbarg. Und Elisabeth von Tellmann, die 
nun ganz Ninon de Barry sein durfte, fühlte wie sie 
auf schlammigem Boden stand und wie sie immer tiefer 
sank. 
„Man hatte mir ein bequemes Leben bereitet, aber 
T" C i- zi t i es vor ’. e ' n bewegtes zu führen“ — sagte sie 
plötzlich laut aus ihren Gedanken heraus — „wenn ich 
zugrunde gehe wen geht es etwas an, als nur mich 
selbst. 
• 
Es waren verschiedene Engagementsanträge, die 
Fritz Wunderlich seinem Herrn vorlegen konnte. Rolf 
fragte zunächst nach den Honoraren. Das war es, was 
ihn am meisten interessierte. Sie bewegten sich in be 
deutender Höhe. Von einem Abnehmen seiner Zug 
kraft war noch nichts spüren. Er konnte zufrieden sein. 
„Und hier ist ein glänzendes Anerbieten, wenn Sie sich 
entschließen könnten, selbst ein Auto zu führen. Die 
Gesellschaft will Sie auf ihre Kosten zum Autoführer 
ausbilden lassen.“ 
„Aber natürlich — wird gemacht! So ein Autodreß ist 
sehr kleidsam. Die Weiber werden hoch verrückter 
werden. Also, geben Sie her, was zu unterschreiben ist. 
und dann vor allen Dingen schaffen Sie Vorschuß 
heran. Ich muß den Schneider in Nahrung setzen und 
— na, man hat ja immer Ausgaben.“ 
Als Wunderlich gegangen war, gab es eine ausgiebige 
Besprechung mit dem Schneider, und dann überfiel ihn 
Alexandra. 
Rolf war wütend. Er wollte sie nicht hereinlassen. Sie 
aber stieß Franz beiseite und drang in Rolfs Schlaf 
zimmer ein. 
„Was soll das heißen, daß du mich einfach beiseite 
schiebst!“ schrie sie ihn an, „ich lasse mir das nicht ge 
fallen, merke dir das. Gestern, am Telephon, kann man 
Er hatte seine Brieftasche ergriffen, langte mit hastigen Fingern hinein und 
ließ die Scheine auf das Bett flattern. 
mir nicht sagen, wo du dich aufhältst und heute willst 
du mich vor deiner Tür stehen lassen.“ 
„Alexandra — wir sind sechs Wochen zusammen ge 
wesen. Von morgens bis abends und auch noch die 
Nächte. Nun will ich meine Freiheit wieder haben, das 
sage ich dir.“ 
„Deine Freiheit? Du bist an mich gebunden, das hast 
du wohl vergessen?“ 
„Nein, ich habe es nicht vergessen!“ brüllte er. „Da 
— da — da hast du deinen Mammon zurück, mit dem 
du mich an der Strippe halten willst —“ Er hatte seine 
Brieftasche ergriffen, langte mit hastigen Fingern hin 
ein und ließ die Scheine auf das Bett flattern. „Nimm 
die Lappen zurück — Ist es genug? Ist es genug? So 
zähle doch, ob es auch stimmt! Du hast doch sicher 
alles genau verbucht?“ 
Sie stand wie versteinert und rührte sich nicht. Als 
er aber noch einmal schrie: „So nimm, sage ich dir!“ 
sank sie schluchzend auf einen Stühl. „Ich nehme das 
Geld nicht.“ 
„Du wirst es nehmen, ich will es. Du bist nicht die 
Kreatur, von der man sich etwas schenken lassen kann. 
Du nicht.“ 
„Wer denn?“ Sie sprang auf, trat neben ihn und 
zischte noch einmal: „Wer denn? Du — du liebst eine 
andere Frau.“ 
„Was geht es dich an?“ 
„Ich kann es nicht ertragen, daß du eine andere 
liebst — Rolf —“ Sie klammerte sich um seinen Hals. 
„Nein — nein — laß mich doch — ich kann ohne dich 
ja nicht sein — du liebst die Abwechslung — nun gut
        
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