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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 32 
Jahrg.27 
24 
In diesem Augenblick fiel draußen die Korridortür 
ins Schloß. „Meine Frau ist nach Hause gekommen“, 
sagte der Dichter und blitzartig schoß ihm eine Idee 
durch den Kopf. „Gehen Sie, bitte, einen Moment hier 
ins Nebenzimmer, Herr Lewinsky. Sie gestatten doch, 
daß ich Ihren Pudel einer kleinen Prüfung unterziehe.“ 
„Aber mit dem größten Vergnügen.“ 
Herr Lewinsky zog sich diskret zurück und Frau 
Weinlaub rauschte, in eine Wolke von Parfüm gehüllt, 
herein. 
„Du hast fleißig gearbeitet, mein Lieber, wie ich 
sehe!“ 
„Jawohl, mein Herzchen“, antwortete er voll harm 
loser Liebenswürdigkeit, „und was hast du getrieben?“ 
„Ich .... ich . . . das weißt du doch . . . ich war bei 
meiner Schneiderin.“ 
Der Hund spitzte aufmerksam die Ohren. 
„Und dann?“ 
„Dann . . . dann besuchte ich mit einer Freundin 
eine Konditorei am Kurfürstendamm.“ 
Der Pudel stellte sich auf die Hinterfüße und tanzte 
wie eine Primabellerina. 
„So —“ Befriedigt blickte Weinlaub auf den Hund. 
„Und dann ?“ 
„Und dann .... dann .... Gott, bist du neugierig 
dann begleitete ich meine Freundin nach Hause.“ 
Der Pudel drehte sich wie ein Kreisel. 
„Jetzt will ich dir einmal etwas sagen“, Emil Weinlaub 
war aufgestanden. „Du lügst du lügst infam .... 
du warst mit einem Mann zusammen.“ 
So energisch hatte Frau Weinlaub ihren Gatten noch 
nie gesehen. Sie wurde kreideweiß. Aber mit dem 
letzten Aufgebot von Kraft leugnete sie. „Es ist er 
bärmlich von dir, mich so zu verdächtigen. Ich schwöre 
dir “ 
Wieder begann der Pudel voll graziöser Drolerie zu 
tanzen wie ein aufgezogenes Spielwerk. 
„Gib dir keine Mühe, mich zu täuschen. Ich habe 
Beweise.“ 
„Beweise? Darauf wäre ich neugierig.“ Sie rang 
nach Luft. 
„Bitte — dieser Pudel hier hat dich verraten.“ 
Jetzt erst wurde Frau Weinlaub auf den Hund auf 
merksam, der sie vom Bubikopf bis zu den Shimmy 
schuhen musterte, als wollte er sagen: „Donnerwetter, 
kannst du aber schwindeln!“ 
„Wie kommt dieser Pudel hierher? Was soll das 
überhaupt alles bedeuten?“ Ihre weibliche Neugier war 
geweckt. 
„Sehr einfach. So oft jemand die Unwahrheit sagt, 
beginnt der Hund zu tanzen. Ich habe bei dir das 
Experiment gemacht. Es ist geglückt. Ein unbezahl 
bares Tier. Ein Wunder der Dressur. Das passendste 
Hochzeitsgeschenk!“ 
„Was du nicht sagst. . . Und du bist also nun fest 
überzeugt, daß ich dich betrüge.“ 
„Felsenfest.“ 
„Nun gut, mein Lieber. Und wenn dem so wäre? 
Bist d u mir denn immer treu gewesen?“ 
„Ich?* Ängstlich schaute Weinlaub auf den Pudel, 
der verdächtig die Ohren spitzte. 
„Aber selbstverständlich, mein Schnuckelchen. Wie 
kannst du daran zweifeln!“ 
Der Pudel begann wie toll zu tanzen. Emil Weinlaub 
warf ihm wütende Blicke zu. Frau Weinlaub lächelte 
ironisch. 
„S° — so — und mit der russischen Tänzerin vom 
Metropol-Cabaret hast du vielleicht kein Verhältnis?“ 
„Nein — ich . . . ich schwöre dir“ 
Der Pudel hörte überhaupt nicht mehr auf zu 
tanzen 
♦ 
Wenige Minuten später flog Herr Lewinsky mit 
seinem Pudel in elegantem Bogen die Treppe hin 
unter 
Der Pudel tanzte, noch auf der Straße weiter 
Mehancho fische Gedanken 
Bei der Besichtigung eines schönen Mädehs 
Wenn ich dich ansehe, 
Muß ich immer an das Dawes-Gutachten denken 
Oder meinetwegen auch an den Indischen Ozean, 
Da, wo er am tiefsten ist, 
Oder an die gestern abend Ecke Friedrich- und Jäger 
straße 
Gekaufte Bockwurst. 
Du kommst mir auch immer so ein bißchen ,Je ne sais 
pas‘ vor, 
So geheimnisumwoben, 
So unergründlich, 
So undurchsichtig, 
Ich weiß nicht recht, wo ich dich hintun soll. 
Deinen verflixten Funkelaugen nach zu urteilen, 
Könntest du ganz gut eine von’s Kino sein, 
Eventualiter sogar von’s Theater, 
So ein Mittelding zwischen Intrigantin, 
Grande Cocotte, Salondame und besserem Stuben 
mädchen. 
Vielleicht täusch’ ich mich auch 
Und du bist bloß Verkäuferin 
In einem Herrenwäsche- oder Handschuhgeschäft; 
Oder du mußt am Hausvogteiplatz als Probierdame 
(Auf deutsch: Mannequin) 
Der großen Kundschaft die allerneuesten Kreationen 
vorreiten 
Und mußt Kleider tragen, die dir nicht gehören, 
Die dir aber (zum Teil wenigstens) 
Gehören könnten, 
Vorausgesetzt, daß sich ein Kerlchen fände, 
Das sie bezahlte. 
Mit deiner markierten Gefühlskälte übrigens 
Kannst du mir auch nicht die Bohne imponieren. 
Sowas macht sich in der breiten Öffentlichkeit ja ganz 
gut, 
Und ehrwürdigen Generalsuperintendenten gegenüber 
Könntest du damit vielleicht sogar Eindruck schinden. 
Bei mir indessen ist nischt zu machen, 
Ich bin auf diesem Gebiete kein blutiger Laie mehr. 
Ich habe schon mal ein Mädel gekannt 
Aber das tut ja schließlich nichts zur Sache 
Und kann mir ebenso piepe sein wie dir. 
Im übrigen: was gehen mich deine schon einmal er 
wähnten 
Verflixten Funkelaugen an, 
Desgleichen deine reichlich wilden Haare 
Und deine unverschämten Beißerchen 
Zwischen den etwas hochmütig geschwungenen Lippen? 
Ich bin ein verheirateter Mann, 
Habe eine Frau, eine Schwiegermutter, 
Und dabei schul- beziehungsweise noch nicht schul 
pflichtige Kinder, 
Ich habe moralische Grundsätze und ein ebenso be 
scheidenes Einkommen, 
Also sehe ich nicht ein, 
Wodurch du mich fesseln könntest. 
Um allen Mißverständnissen die Spitze abzuhrechen, 
Versichere ich hierdurch an Eidesstatt, 
Daß ich an dir höchstens ein etymologisches. 
Allenfalls ein ästhetisches Interesse nehme, 
Daß du mir aber über dieses hinaus 
Vollkommen und restlos schnuppe bist. 
Damit glaube ich genug gesagt zu haben 
Und darf mir wohl weitere Erklärungen verkneifen. — 
A propos, wenn du jetzt nicht 
Aus meinem Gesichtskreis verschwindest, 
Schrei ich um Hilfe. Tranz K.
        
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