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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jabrg. 27 
Nr. 32 
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du dir eigentlich? Geschäfte machen mit mir! Du 
wirst dich wundern!“ Die Wirtin flüchtet, Lona immer 
zu hinter ihr her; „Laß doch deine Hurentochter das 
machen. Mit mir ist kein Geld zu verdienen.“ Jetzt 
ist die Wirtin am Ende ihrer Geduld. Mit einem kur 
zen Ruck schüttelt sie das Mädchen von sich ab, schlägt 
ihr die Faust zwischen die Rippen: „Na warte, du. 
Deshalb habe ich dich aufgelesen. Na warte, morgen 
übergebe ich dich der Polizei. Dann kommst du unter 
Sitte. Hier mir Vorschriften machen wollen!“ 
Ich rufe Rolf. Wir müssen dem Mädchen helfen. 
Er soll schnell ein Auto holen. Ich werde die Ge 
sellschaft schon so lange im Zaume halten. Lona muß 
sich unterdessen schnell anziehen, und dann bringen 
wir sie fort. Rolf klopft mir auf die Schulter: „Alter 
Junge, werde nicht romantisch. Wie ich die Kleine 
einschätze, gibt es gleich eine Überraschung. Sie ist 
doch vorhin mit dem Braunen schon hier oben ge 
wesen. Paß auf!“ 
Lona kauert auf der Erde. Wir stehen alle um sie 
herum. Sie hebt den Kopf mit tieftraurigen Augen. 
Sieht uns an, als ob sie uns noch nie gesehen hätte. 
Plötzlich schlägt sie eine gellende Lache an, springt auf, 
umarmt Max, der ganz verdutzt ist. Mit ihrer schrillen 
Stimme kreischt sie, den Mann wild abküssend: „Sie 
hat ja so recht so recht. Was liegt schon an mir. 
Geld ist die Hauptsache. Geld will ich sehen. Dann 
mache ich alles, was du von mir verlangst. Ihr auch, 
alle zusammen. Alle könnt Ihr mich haben. Aber das 
kostet Geld, Geld, Geld. Ich will einen ganzen Berg 
von Geld haben!“ Dann zieht sie den Mann in die 
nächste Kabine. Die Tür wird abgeriegelt. Drinnen 
fällt ein Tisch um, das Licht knipst auf, das Sofa kracht. 
Alles stürzt auf den Korridor und äugt in den Spiegel. 
Die Wirtin kommt. Unter dem Arm hat sie noch 
Lonas Kleiderbündel geklemmt. „Nun“, lacht sie be 
häbig und schlägt Rolf und mir auf die Arme: „Habe 
ich zu viel versprochen. Sie ist wirklich erst achtzehn 
Jahre. Aber eine Kanaille. Den Trick mit der Flen 
nerei hat sie mir erst beigebracht. Das wirkt auf die 
Männer, was? Nachher sind sie bloß umso verrück 
ter!“ Rolf grinst: „Wenn ich das aber jetzt gleich den 
anderen sage, dann geht’s Euch schlecht!“ Die Wirtin 
tätschelt seine Hand: „Du wirst doch das Geschäft 
nicht verderben als treuer Freund. Die anderen sagen 
ja auch nichts. Der Trick ist ja nur für die paar Neuen, 
die kommen. Also ärgert mich nicht!“ 
Ich habe reichlich genug. Rolf ist einverstanden, daß 
wir gehen. Das geht hier doch so die ganze Nacht 
hindurch. Wir steigen also wieder hinunter. Fritta 
sieht uns nach: „Ihr seid aber auch zu abgebrüht!“ 
Dabei möchte ich Frittas Erfahrungen haben. Vor 
einem halben Jahr tanzte sie noch hier. Aber jetzt 
ist sie mit ihren mageren Knochen allen zu bekannt 
geworden. 
Unten ist es fast leer. Nur die paar ganz alten 
Stammgäste tanzen unermüdlich. Sie kennen oben den 
Rummel schon zur Genüge. Die beiden Privatschütz 
linge trinken immer noch. Sie müssen heute abend 
etwas in den Magen gegossen haben!! Ihr Quartier 
haben sie jetzt in den Korridor verlegt. Um diese 
späte Stunde muß man Überraschungen Vorbeugen. 
Sie brüllen uns irgend etwas nach, was „Gute Nacht“ 
heißen könnte. 
Hermann öffnet uns die Haustür. Der arme Junge, 
er hat keine schöne Beschäftigung. Aber immerhin 
fließt das Trinkgeld reichlich. 
Ah schön, die Luft ist herrlich kühl. Rolf blickt 
ärgerlich um sich: „Natürlich kein Wagen zu haben!“ 
Zwischen dem Mantelkragen frage ich Rolf: „Sag 
mal, glaubst du, daß das von Lona wirklich nur ein 
Trick war. Vielleicht war es ernst und die Wirtin hatte 
nur Angst vor Krawall? 
Rolf zuckt mit den Schultern. 
DER TANZENDE PUDEL 
LOTHAR SACHS 
er Dichter Emil Weinlaub saß an seinem 
Schreibtisch und kaute an seinem Feder 
halter. Erstens aus Mangel an Inspira 
tion, zweitens aus Nervosität. Er zer 
brach sich nämlich voll selbstquäle 
rischer Eifersucht den Kopf darüber, 
mit wem ihn seine Frau betrügen 
könnte. Während er noch in Gedanken 
die Namen all seiner Freunde und Be 
kannten, die in Frage kamen, Revue passieren ließ, 
meldete das Mädchen den Besuch eines Herrn: Kurt 
Lewinsky Hundezwinger, stand auf der Visitenkarte. 
Kurz daruf betrat ein älterer Herr, lang und hager, den 
Kopf steif im Kragen, mit einem weißen Pudel das 
Arbeitszimmer des Dichters. 
„Womit kann ich dienen?“ wandte sich Emil Wein 
laub, sichtlich erstaunt, an seinen Besuch und erhob sich 
aus seinem Schreibtischsessel. 
„Es handelt sich um diesen Pudel hier.“ Ohne Um 
schweife kam Herr Lewinsky auf den Zweck seines 
Besuchs zu sprechen. „Sie haben jüngst eine so reizend 
empfindsame, lyrisch-zarte Novelle geschrieben, in der 
ein weißer Pudel die Hauptrolle spielt. Sie sind be 
stimmt ein großer Tierliebhaber. Ich erlaube mir daher 
die Anfrage, ob Sie den Pudel nicht kaufen wollen. 
Sie werden den Kauf nicht bereuen.“ 
„Aber erlauben Sie einmal!“ fiel ihm der Dichter 
ziemlich schroff ins Wort, „ich habe auch schon manche 
.empfindsame, lyrisch-zarte* Novelle über Frauen ge 
schrieben und bin doch kein Frauenliebhaber. 
Im Gegenteil. Ich hasse sie, die Frauen .... diese 
diese aber, was interessiert Sie das?“ Emil Wein 
laub malte sich voll griesgrämigen Mißtrauens in seiner 
Phantasie wieder einmal recht üppig aus, welches ga 
lante Abenteuer seine Frau gerade in dieser Stunde 
wohl durchlebte. Sein Besuch erriet seine bohrenden 
Gedanken und stellte sich mit psychologischem Fein 
gefühl darauf ein: „Sie haben zweifellos Enttäuschungen 
erlebt, verehrter Herr Dr das ist das Los aller 
Ehemänner. Trösten Sie sich! Aber von heute an werden 
Sie mit Ruhe und Überlegenheit jede Situation in Ihrem 
Eheleben meistern. Verlassen Sie sich ganz auf mich! 
Jede Komödie, die Ihnen Ihre Frau verspielen will, 
wird an der Unbestechlichkeit und Zuverlässigkeit 
dieses Pudels scheitern.“ 
„Ach, ich verstehe“, warf der Dichter ärgerlich ein, 
„das ist wohl so eine Art Polizeihund, der auf Lieb 
haber dressiert ist. Ein vierfüßiger Detektiv. Danke 
vielmals.“ 
„Sie irren sich. Der Spürsinn dieses Hundes löst viel 
kompliziertere Aufgaben. Er ist ein Wahrheitsfanatiker 
unter den Tieren. Wenn Ihnen jemand eine Unwahr 
heit sagt, stellt er sich auf die Hinterbeine und be 
ginnt zu tanzen.“ 
„Nicht möglich!“ Emil Weinlaub betrachtete sich 
jetzt amüsiert und interessiert den Pudel, der jovial 
mit dem Schweife wedelte, als wollte er die Aussagen 
seines Herrn bestätigen.
        
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