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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 32 
Rolf zieht mich in den Vorraum. Dort liegt noch der 
geheimnisvolle Aktenbogen. Wir lesen: „Geselligkeits 
verein Harmonie E. V. § 1. Der Verein Harmonie ist 
ein e. V. § 2- Der Verein verfolgt keine politischen 
oder konfessionellen Ziele. § 3. Der Mitgliedsbeitrag 
beträgt monatlich M. 2. § 4. Der Vorstand setzt sich 
aus drei Herren und drei Damen zusammen, die jährlich 
von der Vollversammlung gewählt werden. § 5. Jährlich 
findet eine Generalversammlung statt, zu der der 
Kassenwart den Jahresbericht zu geben hat. § 6. Jedes 
Mitglied, auch der Vorstand, hat bei Generalversamm 
lungsbeschlüssen nur eine Stimme.“ Es folgen noch 
einige Paragraphen über Mitgliedsbeträge und eine 
eventuelle Auflösung des Vereins. Neben diesem 
Aktenbogen liegen in einer Schachtel die Mitglieds 
karten. Ein weißes bedrucktes Papier. Natürlich sind 
die Karten alle unbeschrieben. Nur auf der obersten 
sind mit Bleistift eine paar unleserliche Buchstaben 
gekritzelt. „Nun“, lacht die Wirtin, „was sagt ihr 
dazu? Ein geradezu genialer Einfall, nicht? Stammt 
von dem blonden Zivilpolizisten,“ Und sie macht ver 
liebte Augen zu ihm rüber. 
Plötzlich hat es begonnen. Rolf und ich haben es 
beide gleichzeitig, gesehen. Die kleine, neue Blonde 
war uns schon lange aufgefallen. Gut angezogen, 
schwarze Seide. Sehr schlank, schmale Fesseln, hüften 
los. Höchstens achtzehn Jahre konnte sie alt sein. 
Sie hatte viel mit dem Bubi da getanzt, mit dem ge 
leckten Jüngling. Offenbar eine neue Akquisition. Seine 
zurückgescheitelten braunen Haare liegen wie ange 
gossen an dem flachen Schädel. Sie hatten schon eine 
ganze Zeitlang recht einig miteinander getan. Er preßte 
sie 'beim Tanzen an sich und sie schmiß, den Mund 
weit geöffnet, und mit geschlossenen Augen ihren Kör 
per pegen ihn. Da — jetzt hat er schnaufend mit dem 
Tanf; auf gehört, greift sie an beiden Armen und stürzt 
mit ihr aus d^m Zimmer. „Oben ist also doch schon 
auf", meint Rolf. Die anderen scheinen das alles gar 
niert bemerkt zu haben. Ein paar Minuten vergehen 
—- die Musik spielt gerade einen Tango — da kommen 
die neiden wieder in den Saal, tanzen, lächeln sich an. 
Rolf ruft Willy. Wir wollen zu dreien nach oben. 
Vom Vorraum aus geht die kleine Stiege in die erste 
Etage hinauf. Dort ist erst wieder ein kleiner Vorraum. 
Hier sitzt ja Fritta, die Tochter der Wirtin. „Nanu, was 
ist das?“ Fritta ein geschmeidiger schwarzer Balg mit 
dem schönsten Hals unter einem Katzengesicht und 
einem Wuschelkopf, grätscht die Beine: „Tja Kinder, 
das kostet jetzt Entree. Also bezahlt gutwillig.“ Wir 
zahlen und treten ein. 
Es ist fast dunkel. Lauter kleine Kabinen rechts 
und links in dem langgestreckten Korridor. Richtige 
Badekabinen, aber die Wände reichen nicht bis zur 
Decke. Oben ist ein größer Spiegel, der hängt schief 
nach vorne, so daß man vom Korridor aus alles sehen 
kann, was in den Kabinen vorgeht. Sie sind schon fast 
alle besetzt. Dabei ist nicht einmal Sonnabend. 
Es begibt sich nur das übliche darin. Man sieht 
die verkrampften Körper, hört das Stöhnen und Kichern, 
bemerkt die Kragen, Schlipse und Röcke bunt durch 
einander auf dem Boden liegen. 
Rolf ist empört. Er stürzt zu Fritta. „Was ist denn 
das für eine Nepperei hier, Fritta. Wird denn der 
Tanzsaal nicht aufgemacht?“ Aber Rolf solle doch 
nicht so schreien, nach einer Viertelstunde werde er 
schon sehen. Und Fritta grätscht die Beine über den 
Strumpfbändern. 
Wir gehen in den Tanzsaal. In der Mitte liegt die 
ovale Parkettscheibe, an den Seiten die Logen. Da 
schnauft ja schon die Wirtin herauf! Hinter ihr der 
halbe Saal von unten. Schnell sind die Logen gefüllt. 
Die Wirtin stellt sich auf geplustert in die Mitte: „Also 
Kinder, ich habe etwas ganz neues für euch. Lona heißt 
sie. Sie wird vor euch tanzen. Lona, komm her!“ 
Lona kommt. Sieh, da; das ist die kleine Blonde, 
Schwarzseidene von vorhin. Lona stellt sich ernsthaft 
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in die Mitte des Tanzraumes. Zieht sich aus. Blitz 
schnell ist alles herunter, Schuhe, Strümpfe, das 
Schwarzseidene. Ballt alles zu einem Knäul und wirft 
es der Wirtin zu, die an der Eingangstür steht. Ein 
plissiertes goldfarbenes Seidentrikot bedeckt den Leib 
bis zu den Knien. Nur die Beine sind nackt und die 
Arme, die sie über der Brust verschränkt. Sie ist makel 
los gewachsen, ohne Zweifel. Das Licht spiegelt sich 
auf der aalglatten Haut ihrer Arme, und süße Füße 
hat sie mit kleinen, kecken Zehen. 
Lona tanzt mit geschlossenen Augen. Ohne Musik. 
O, sie kann was, man sieht es auf den ersten Blick. 
Ganz langsam schreitet sie mit auf den Rücken ge 
legten Armen und vorgestreckten Brüsten: das war die 
Promenade. Dann bleibt sie stehen, hebt sich auf die 
Fußspitzen, preßt die Hände an die Brust. Ihr Gesicht 
bekommt dabei einen schmerzlichen Ausdruck. Diese 
Pose verfehlt auch nicht ihre Wirkung. Schon hört man 
aus den Logen das Schnaufen der Männer, aber noch 
hält man an sich. 
Minutenlang steht Lona. Plötzlich, die Arme in die 
Luft werfend, fällt sie auf den Boden, die Beine weit 
auseinanderstreckend. Dabei lacht sie schrill auf. 
Das ist das Ende. Die Erregung läßt sich nicht mehr 
dämmen. Max, sein Beruf ist selbst seinen besten 
Freunden unklar, er hat die Figur eines Schwer 
gewichtsringers, hat zuerst die Fassung verloren. Er 
schwingt sich prustend über die Logenbarriere und 
wirft sich auf Lona, die immer noch mit den weit aus- 
emanderklaffenden Beinen auf der Erde liegt. 
Aber die anderen sind auch nicht faul. Der Jüng 
ling mit dem geleckten braunen Haar ist hinter Max 
her, faßt ihn am Rock und brüllt: „Fort da. Sie gehört 
mir. Ich war schon vorher mit ihr oben. Sie hat es 
mir versprochen.“ Max platscht ihm ins Gesicht, daß 
er zurücktaumelt. Lona springt auf, stürmt gegen ihn 
an. Die anderen ergreifen teils Lonas, teils Maxens 
Partei. Im Augenblick ist die Prügelei im Gange. 
Rolf packt mich am Arm: „Sieh mal, was ist das? 
Die Lona weint ja.“ Richtig, Lona steht auf dem 
Tisch. Die hellen Tränen laufen ihr das Gesicht her 
unter. Das ganze Körperchen zittert. Auch die an 
deren bemerken das jetzt, werden unruhig. Lona 
schluchzt; „Ihr Schweine, was wollt ihr von mir? Ich 
bin nicht zu eurem Vergnügen da. Versteht ihr mich? 
Ich tue das, was ich will!“ Grenzenloses Gelächter. 
Lona, springt herunter, fegt auf die Wirtin zu, fährt 
ihr mit den Nägeln ins Gesicht: „Du Aas, was denkst
        
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