Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg, 27 
Nr. 32 
20 
NACHTS 
J. HEINZ 
J ir zwei, Rolf und ich, stehen vor dem unschein- 
\ j baren kleinen, grauen Haus. Die Mäntel hoch- 
\J\j gezogen, denn es weht häßlich um die Ecke. Ich 
y ▼ schlage frierend die Hacken zusammen, ab und zu 
klopfen wir an die Tür. Nichts. Zwei Burschen, die an 
der gegenüberliegenden Straßenecke stehen, schleichen 
heran: „Sie wollen hinein?“ „Ja, doch schnell, es ist 
kalt!“ Rolf schlägt ungeduldig mit dem Stock an die 
Türklinke. Der eine Bursche murmelt durch die Zähne: 
„Sind Sie bekannt hier?“ Rolf wird böse: „Ja doch, 
zum Donnerwetter, sehr sogar!“ Die beiden glotzten 
uns mißtrauisch an, aber wir haben Glück. Sie klopfen 
an die Tür, zischen durchs Schlüsselloch: „Hermann!“ 
Lautlos geht die Tür auf. Hermann steht dahinter. 
Der Flur ist ganz dunkel. Hermann leuchtet mit der 
Taschenlaterne herum, aha, dort sind die Treppen. 
Kleine Tür, kleiner Vorraum, marmorne Ständer, ein 
paar verkümmerte Palmen. Da liegt das Lokal. 
Die beiden großen Stuben der Wirtschaft sind noch 
nicht sehr gefüllt. Wir sind reichlich früh gekommen. 
Am Bartisch ist es noch am gemütlichsten. Dort 
braucht man auch keinen schlechten Sekt zu trinken. 
An Schnäpsen ist nicht viel zu verpantschen. 
Die Wirtin hinter dem Ladentisch. Man sieht sie 
durch den dicken Puder lächeln. Ihr Kleid steht halb 
offen. Sie haut die nackten Arme auf den Tisch und 
beugt sich ganz nahe an mich heran. „Nun, was trin 
ken wir heute?“ „Curacao, mein Kindchen! Und ist 
heute oben was los?“ Sie rückt so dicht heran, daß 
ihr Busen mein Kinn streichelt: „Feste! Aber erst in 
einer Stunde. Etwas ganz Neues habe ich da. Moment 
mal!“ Sie holt eine Flasche Sekt aus der Theke, füllt 
zwei Gläser damit und blinzelt verheißungsvoll in die 
Ecke. Jetzt erst sehe ich dort die beiden Männer an 
dem Tischchen sitzen. Der eine ist blond, schmal und 
trägt Bridges und Ledergamaschen. Der andere ist 
dick, dunkel und hat einen gewöhnlichen Sakko an. 
„Hier Kinder“, schreit die Wirtin, „was Extrafeines, 
französisch, hm!“ Der alte wacklige Ober stolpert 
herbei, bringt ein großes Tablett und Schnitzel, Beef 
steak und Spargel, überreicht es den beiden Herren, 
unausgesetzt sich verbeugend. 
Rolf ist ganz verwundert. Er blickt die Wirtin an, 
die grinsend den beiden Herren zutrinkt. „Wer sind 
denn die?“ Die Wirtin wird ganz würdevoll und flüstert 
uns ins Ohr: „Pst, Polizei in Zivil. Persönlicher Schutz. 
Mehr verrate ich nicht. Fein gemacht die Sache, was? 
Ihr werdet schon später sehen, prost!“ 
Die Räume füllen sich. Wenig neue Gesichter. Erich 
ist da. Er sieht sehr komisch aus in seinem neuen 
Smoking, der ihm viel zu sehr auf Taille sitzt. Er hat 
ein ganz krebsrotes Gesicht vor Atemnot. Zwei neue 
Brillantringe trägt er auch an den Händen. „Die Grä 
fin“ besitzt heute einen feschen Reiherhut. Richtig, 
ihr neuer Bräutigam ist ja ein Pariser, den sie sich in 
der Schweiz gechartert hat. Ein mikriges Männchen, 
sonst sehr jugendlich mit den zurückgekämmten Haa 
ren, den allzuneuen Schuhen. Im übrigen dieselben 
Mädchen mit den schwarzen Spitzenkleidern auf den 
nackten Körpern und den Gesichtern, die sich an 
strengen müssen zu lachen oder zu sprechen, weil sonst 
die Schminke abplatzen könnte. Der kleine dicke 
Kapellmeister hopst vergnügt auf seinen Beinchen her 
um. Er hat ein paar neue Noten erwischt. Alles tanzt 
begeistert. 
Die Wirtin hat zu tun bekommen. Sie rumort ge 
schmeidig herum. Das linke Achselband ist ihr her 
untergefallen. Donnerwetter, sie hat ja ein richtig 
gehendes Spitzenhemd an und ganz neu ist es auch 
noch dazu. Wohl wegen der beiden persönlichen 
Schützlinge. Den blonden Schmalen mit den weichen 
Mundwinkeln meint sie sicherlich. Ich kenne ihren 
gout. Gut, daß ich’s nicht bin! Bei aller Gutmütigkeit 
fällt sie wie eine verrückte Tigerin über einen her, hat 
sie’s einmal gepackt. Und wehe, wenn man Widerstand 
leistet! 
Das Tempo wird flotter. Der Kapellmeister hüpft 
pausenlos auf seinem Podium herum. Die Paare packen 
sich fester. Schon wird das Spiel offener, brutaler. Die 
Frauen kreischen auf und pudern sich rasch die von 
den Männerfäusten rot gepreßten Arme und Schultern 
weiß. Die Augen werden flackernder. Sekt, Schnaps, 
Likör, Cognac, Drinks werden ohne Übergang hastig 
hinuntergespült. Rolf bufft mich in die Seite und 
grinst; „Gleich beginnt’s!“ 
Plötzlich gibt es eine Bewegung an der Eingangs 
tür. Donner und Doria! Da stehen Polizisten. Die 
übliche Nachtpatrouille. Die Wirtin strafft sich. Mit 
einem Ruck zieht sie das Achselband wieder auf seinen 
Platz, blickt einen Augenblick herüber zu den beiden 
Zivilpolizisten und geht dann wiegend auf die Pa 
trouille zu. Dabei zischt sie jedem, der ihr in die Nähe 
kommt, zu; „Ruhig so tun, als ob ihr gar nichts merkt, 
recht harmlos aussehen!“ Wir tanzen und tun alle, 
als ob wir die Patrouille überhaupt nicht gesehen 
hätten. Neugierig schiele ich herüber: Die Wirtin 
verhandelt leise, auf die beiden Polizisten einredend. 
Jetzt reicht sie ihnen einen großen Aktenbogen. Die 
beiden lesen aufmerksam. Dann zieht sie die Wirtin 
in eine dunkle Nische des Vorraums, schüttelt ihnen 
fest die Hand. Die Beamten grüßen lässig, machen 
kehrt und verschwinden im Hausflur. 
Mit einem unnachahmlichen Lächeln stolziert die 
Wirtin wieder hinter den Bartisch. „Was war denn 
los?“ „Ach nichts Besonderes. Die beiden Kerle 
waren ja vollständig plemplem. Auf schreiben wollten 
sie uns. Ich hab’s ihnen aber gegeben. Zwei lumpige 
Beamte können uns überhaupt nichts. Schlimmsten 
falls hätte mein Privatschutz eingegriffen. Seht euch 
doch mal den Aktenbogen draußen an, feines Ding. 
Ihr werdet euch totlachen!“
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.