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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jafirg, 37 
Nr. 4 
D er Sälen der russischen Fürstin Lisavera lag in 
magischem Dunkel. Die tiefverschleierten Lampen 
erloschen plötzlich bis auf die eine riesige Stehlampe 
in der Ecke des Zimmers. Die Lampe stellte eine 
bronzene Schlangentänzerin vor, deren Körper von den ge 
schmeidigen Gliedern einer Boa constrictor umschlungen 
war. Der riesige, grellgelbe Lampenschirm goß warme 
Sonnenlichter auf die ineinander verstrickten Glieder des 
Weibes mit der Schlange und beleuchtete die Gruppe wie eine 
Theaterszene. Es wurde im Zimmer kein Wort gesprochen. 
Die erlesene kleine Gesellschaft, welche zu nächtlicher Stunde 
bei Lisavera vereinigt war, saß lautlos um einen runden Tisch 
mitten im Salon. 
Die ringgeschmückten Finger der Russin ruhten in der wohl 
gepflegten Hand des Amerikaners Tommy, der ihr zur Linken 
saß, während an Tommys anderer Seite die blasse, farblose 
Gesellschafterin Lisaveras saß. Dann kam der junge Inder mit 
den Antilopenaugen, den die Gesellschafterin anbetete, wäh 
rend der junge Inder dem Sportgirl Lissy seltsame Dämmer 
stunden in seinen teppichbelegten Zimmern verhieß, in die 
kein Laut der Außenwelt drang, wenn er mit seiner ver 
schleierten Stimme seinen Dichter Tagore rezitierte. Lissy 
saß neben dem Inder und stieß kleine seltsame Schreie aus, 
der dänische Telepath Preben Andressen hatte sie in Trance 
versetzt, 
Lisavera war dem Spiritismus mit Leib und Seele ergeben. 
In ihrem internationalen Salon war Welt und Halbwelt wahllos 
durcheinandergewürfelt, nicht di© Stellung in der Welt war ihr 
maßgebend, sondern die Persönlichkeit. Wovon die seltsame 
exotische Frau lebte, wußte niemand, niemals trug sie dasselbe 
Kleid zweimal, und ihre schmalen, juwelengeschmückten Hände 
hatten wohl niemals den Staub des Alltags gestreift. Wie ein 
bunter Vogel war sie eines Tages aufgeflattert, das große 
heilige Rußland hatte sie ausgespien, wie tausend andere 
Existenzen auch. 
Der sonst so phlegmatische Amerikaner hatte hier große 
Eindrücke, restlos erlag er dem Zauber dieser seltsamen 
Stunde. Der blonde Wuschelkopf der Aristokratin lag willen 
los, in unbewußter Hingabe an seiner breiten, gepolsterten 
Schulter, ihre aufgeworfenen Lippen waren wie eine voll 
erblühte rote Rose, ihre Zähne, die durch das Korallenrot der 
geschminkten Lippen schimmerten, gaben dem Gesicht den 
Ausdruck eines schönen, wilden Raubtieres, 
Lissy, das Sportgirl, plauderte in der Hypnose Dinge aus, 
Dinge, die ein moderner Romandichter nicht zu sagen gewagt 
hätte, aber die Drolerie und der Charme ihrer Jugend gab 
allem, was sie sagte, unwiderstehlichen Reiz. Das Goldlicht 
der Lampe warf Lichtreflexe auf das stahlblaue Haar des 
Inders, in dessen dunklen Augen die Märchen und Wunder 
seiner Heimat schliefen. Wundervoll reagierte Lissy als Me 
dium, sie tat blindlings alles, was der schlanke junge Telepath 
ihr befahl; der schwere Tisch tanzte unter ihren Händen. 
Geister, von ihr zitiert, erschienen und verschwanden, und 
selbst eine längstverstorbene Geliebte Tommys gab ihm 
zärtliche Kosenamen, wie sie das im Leben niemals getan hatte. 
Immer weicher wurden die, Bewegungen der russischen 
Fürstin, immer flackernder das Feuer ihrer dunklen Augen. 
War es das leise scheue Entgegenkommen einer verliebten 
Frau, welche ihre Hand in der Hand des Amerikaners leise 
zittern ließ, oder war es nur die aufreizende Erregung der 
Hypnose, der alle erlagen. Tom war es, als hätte er Flügel, 
er fühlte sich gehoben, von Erdenschwere befreit, in exoti 
schen Duft gebadet. Di© Fürstin liebte starke Parfüms. 
Eine weiße Narcisse schwebte von der Decke herab, niemand 
wußte, wer sie geworfen hatte, sie duftete kühl und herb, und 
welkte, kaum auf dem Tisch liegend, in der überhitzten 
Atmosphäre. Und der Inder sprach mit leiser Stimme in der 
Sprache seiner fernen Heimat, es war, als ob er Lissy alle 
Geheimnisse einer fremden Welt zu Füßen legte. Lissy aber 
merkte es nicht, sie war tief im Dämmerzustand der Trance 
und sprach mit halb erloschener Stimme von einem blonden 
Athleten, der ihre Träume beherrschte. Der Inder horchte 
auf, erschrak, und krallte seine Finger in die Hand des 
Mädchens, das plötzlich erwachte und wie gequält um sich 
sah. Der Schrei hatte den Bann gebrochen, alle erwachten, 
Tom schüttelte den entnervenden Traumzustand ab, wie etwas 
Lästiges, Qualvolles, und atmete auf; der Duft der hinsterben 
den Blumen nahm ihm den Atem, Die schwüle Atmosphäre 
des Raumes bedrückte ihn, er löste seine Hände fast gewaltsam 
aus dem Ring, der ihn wie Krallen umschloß, erwachend 
folgten alle seinem Beispiel; Lisavera gebot ihrer Gesell 
schafterin, die Türen und Fenster zu öffnen, die kühle, er 
frischende Nachtluft wehte herein. 
Die Tür zum Boudoir der Fürstin war weit geöffnet, eine 
kleine, mit weißen Fellen belegte Treppe führte zu dem breiten 
Diwan, der mit tausend Kissen bedeckt, auf einem Podest 
stand, die großen Spiegel gaben die kostbare Einrichtung ver 
hundertfacht zurück; es schien eine Flucht von Räumen, in 
welche man hineinblickte. In der Ecke brannte eine alte 
Kirchenampel mit bunten Glaswänden, ihre seltsamen Reflexe 
beleuchteten das schöne Muttergottesbild, das aufleuchtete 
und verlosch. 
Tommy trat über die Schwelle des Gemaches, er war wie 
berauscht, er trat zu dem geöffneten Fenster und überließ 
seinen heißen Kopf dem Nachtwind, der mit seinen Haaren 
spielte und die glattgebürstete Tangofrisur verwirrte. Es 
wunderte ihn nicht, als Lisavera plötzlich neben ihm stand 
und die Tür zum Nebenzimmer, in dem sich die Menschen 
lärmend verabschiedeten, sich wie von unsichtbaren Händen 
bewegt, leise schloß. Lisavera, klein und zart wie ein exotisches 
Vögelchen, reichte ihm kaum zur Schulter, und er mußte sich 
tief bücken, als er ihre Lippen mit einem zärtlichen Kuß 
schloß, die seltsame Nacht mußte so enden. 
Als er ein paar Stunden später durch den dämmernden 
Park seinem Hotel zuschritt, war sein sonst so nüchterner 
Sinn voll von den Wundern der erlebten Nacht. Niemals hatte 
ein Weib ihn mehr berauscht als diese seltsame Frau, niemals 
ein Weib ihn heißer geküßt als diese kühle Aristokratin mit 
der Feuerseele. Wer war sie, was war sie. War sie wach, 
als sie ihm ihre heißen Lippen bot, war sie in der Hypnose, 
als sie ihn plötzlich wortlos von sich stieß? Er mußte die 
Mysterien ihrer Seele erfahren, er mußte sie Wiedersehen. 
Einen ganzen Garten voll kostbarer Blumen wollte er ihr zu 
Füßen legen, rote Rosen sollten ihre Räume durchduften und 
auf ihr Lager sinken, wenn sie träumte. Nichts als Blumen 
sollte sie haben, denn Geschenke anderer Art dieser hoheits 
vollen Frau, die so königlich schenkte, unmöglich, der Ge 
danke schon sträflich I 
Als er dem Nachtportier in seinem Hotel, der ihm das Haus 
aufschloß, eine Belohnung geben wollte, fehlten aus seiner 
Brieftasche die Dollarnotenil!
        
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