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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 32 
Jafirg. 27 
16 
menen Flugzeug nach Petropawlowsk zu fahren und 
zu versuchen, dort irgend ewas von Damenbekleidung 
aufzutreiben. 
In dieser Nacht, wie in manch späterer, tat weder 
Harald noch Edsel ein Auge zu, aus Angst, der andere 
könne währenddessen auf heimlichen Pfaden wandeln. 
Als das Flugzeug schon startbereit war, sagte Harald 
plötzlich und gab sich Mühe, dabei ganz harmlos aus 
zusehen: „Es ist eigentlich Unsinn, daß wir beide 
fahren. Außerdem fühle ich mich nicht recht wohl 
heute. Es genügt auch, wenn du allein fährst!“ 
„Das könnte dir so passen, old fox! Fahr du doch 
alleine!“ 
Also fuhren sie beide. Angekommen, durchkramten 
sie die ganze Stadt, und was dabei herauskam, war be 
zeichnend für die Gesellschaft dieser kleinen Hafen 
orte des fernen Ostens. Sie fanden die allerfeinste 
Luxuswäsche aus crepe de chine mit echten Spitzen, 
kostbare Abendkleider, sehr, sehr ausgeschnitten, 
hauchdünne Seidentrümpfe, dazu die raffiniertesten 
Parfüms, aber rein gar nichts von Kleidung, wie sie in 
diesen Breiten für eine wirkliche Dame angemessen ist. 
Trotzdem kauften sie beinahe alles, was sie kriegen 
konnten, zu mindesten von jedem ein Dutzend, und 
fuhren, ohne dem Tingeltangel auch nur einen Blick 
geschenkt zu haben, am nächsten Morgen schleunigst 
wieder ab. 
Ma Hiawa war zwar von ihren Einkäufen nicht gerade 
begeistert, denn einmal erwies sich vor ihren kundigen 
Augen doch alles als drei Jahre hinter der Mode zurück, 
und zum anderen wäre ihr statt all der kostbaren 
Luftigkeiten eine einzige gute Leinenausstattung lieber 
gewesen. Sie bedankte sich jedoch herzlichst und trug 
die Sachen auch einstweilen. Unterdessen nähte der 
Expeditionsschneider, geschickt wie alle chinesischen 
Handwerker, unter ihrer genauesten Anleitung aus Roh 
seide, die sich Walter Brandmeier früher einmal ge 
kauft hatte, einfache, aber angemessene Unterkleidung. 
Tolle Wochen folgten für die beiden jungen Männer. 
Ma behandelte sie wie zwei jüngere Brüder. Aber trotz 
dem oder vielleicht deswegen stieg ihre Verliebtheit 
ins Ungemessene und ihre gegenseitige Eifesucht nicht 
minder. Zu offenen Feindseligkeiten kam es nur des 
wegen nicht, weil sich keiner auf die Dauer bevorzugt 
sah. Sie hingen aneinander wie die Kletten, bloß damit 
der andere nicht womöglich einen Augenblick mit der 
Angebeteten allein sein könne. Wenn einer einmal, wie 
es ihre junge gesunde Natur verlangte, eine Nacht fest 
geschlafen hatte, betrachtete er den anderen am Morgen 
mit äußerstem Argwohn. Tatsächlich gelang es mal dem 
einen, mal dem anderen nächtlings seinem Nebenbuhler 
zu entwischen. Er umschlich dann Mas Baracke, wagt 
es wohl gar ans Fenster zu klopfen und flüsternd zu 
rufen. Aber höchstens ein ärgerliches „Mach, daß du 
ins Bett kommst!“ war sein Lohn. 
Jp seiner Verliebtheit kam Edsel auf einen ihm groß- 
artig dünkenden Einfall. Er bestach Mas Boy und dieser 
überlieferte ihm für zwanzig mexikanische Silberdollar 
ein getragenes Spitzenhöschen seiner Herrin. Dieses 
zarte Gebilde aus crepe de chine und Valencienne- 
spitzen trug der glückliche Besitzer in der Brusttasche 
seines Rockes anstelle eines Taschentuches; und führte 
dann schließlich das Verhängnis herbei. 
Eines Tages, als Ma sie beide schlecht behandelt und 
einfach fortgeschickt hatte, saßen sie beieinander und 
trösteten sieb in reinem Wisky. Zufällig hing der seltene 
Taschentuchersatz etwas zu weit heraus und Edsel 
wollte ihn zurückstopfen. Dabei blieb er mit einem 
Diamantring an den Spitzen hängen und ungewollt kam 
ein ganzes Hosenbein zum Vorschein. Harald sprang 
auf, faßte zu. 
„Was ist das? Wie kommst du daran?“ 
Edsel lachte höhnisch. Schweigend in Haß und 
Wut sahen sie einander an. 
„Das muß ein Ende haben!“ stieß Harald zwischen 
den Zähnen hervor. 
„Ja! — Einer von uns muß aus dem Wege! — Willst 
du freiwillig weichen?“ antwortete Edsel. 
„Und du?“ ’ 
„Laß Ma entscheiden!“ 
„Nein, das Los soll entscheiden!“ 
„Gut! Wen’s trifft, der soll schwören Ma Hiawa nie 
mehr zu begegnen!“ 
„Und wenn ich ans Ende der Welt ginge, es zöge 
mich doch dahin zurück, wo Ma ist!“ 
„So muß einer sterben!“ entschied Edsel. 
„Und zwar jetzt gleich!“ bekräftigte Harald. 
Harald nahm zwei völlig gleiche Pistolen. Das 
Magazin der einen entleerte er ganz, das der anderen 
lud er mit einem Schuß. Beide Pistolen spannte er und 
warf sie in einen großen leeren Sack, den er mehrmals 
hin und her schüttelte. Dann hielt er den Sack dem 
schweigend zuschauenden Edsel hin. 
„Wähle!“ 
Edsel nahm eine Pistole heraus und Harald die übrig- 
bleibende. 
„So, jetzt nehmen wir jeder einen Zipfel dieses 
bpitzenhöschens in die Linke und —“ damit legte er 
seine Taschenuhr auf den Tisch vor ihnen — „wenn der 
Sekundenzeiger genau auf sechzig springt, drückt jeder 
ab!“ 
Sie standen, die Pistole in der Rechten auf den 
Gegner gerichtet, in der Linken je einen Zipfel des 
zwischen ihnen straff gespannten Höschens, und 
starrten auf die Uhr. 
57 _ 58 — 59 — 
In dem Augenblick flog die Tür auf und hereinkam 
— Ma Hiawa. 
„Was ist hier los?“ Sie übersah die Lage und fing an 
zu lachen. 
„In meiner Baracke laß ich einen ganzen Haufen von 
solchen Höschen zurück! Um euch darein zu teilen, 
braucht ihr wirklich keine Pistolen!“ 
Die überraschten Duellanten standen wie Ölgötzen 
und starrten sie an. Da trat hinter Ma Walter Brand 
meier hervor. 
„Meine Herren!“ sagte er, „ich habe Ihnen mitzu 
teilen, daß unsere Arbeiten hier zu einem vorläufigen 
Ziel gekommen sind. Ich fahre sofort mit dem Flugzeug 
nach Petropawlowsk und von dort morgen früh nach 
Seattle weiter zu einer Besprechung mit Ihren Herren 
Vätern. Bis auf nähere Order muß ich Sie bitten, hier 
Platz zu halten. Miß Hiawa begleitet mich! — Auf 
Wiedersehn, meine Herren!“ 
„Auf Wiedersehn, boys!“ fügte Ma hinzu und winkte 
mit der Hand. 
Edsel S. Fergusson und Harald Mc Pherson sahen 
mit nicht gerade schlauen Gesichtern hinter den beiden 
her. Dann fielen sie auf ihre Stühle zurück. Krr — das 
Höschen zerriß; jeder behielt ein Bein in der Hand. 
Draußen surrte das Flugzeug ab. 
„Idiot!“ sagten beide wie aus einem Munde. Unklar 
blieb, ob sie sich damit meinten oder ihr Gegenüber 
oder den, der da abschwirrte. Die größere Wahrschein 
lichkeit spricht für das erstere. 
Wir Beginnen in affer Kürze mit dem Ahdruch des 
ausgezeichneten Romans von Otfried von HaBnstein 
„Der fäcßehde Tod” 
und machen unsere Leserinnen und Leser schon 
heute auf das Werh dieses Schriftsteffers aufmerksam.
        
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