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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 32 
Jahtg. 27 
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und lallte von Regierungsgewalt und weitermelden. 
Schließlich warf ihn Harald in eine Ecke. Dann durch 
suchten sie den Ort und fanden bald die betreffende 
Hütte. Dem Polizisten, einem Tschukuten, der sie 
hindern wollte, nahm Edsel einfach das Gewehr fort. 
Ein kunstgerechter Fußtritt sprengt die Tür. Drinnen 
war es halbdunkel. 
„Pray, gentlemen“, sagte eine weibliche Stimme, 
„treten Sie nicht näher. Ich konnte mich acht Tage 
nicht waschen. Besorgen sie mir bitte ein Gefäß mit 
Wasser, damit ich mich etwas reinigen kann. Und 
einen Spiegel!“ 
Bald brachte ein Kuli mit Hilfe der dienstbereiten 
Einwohner einen Holzeimer mit Wasser. Dann hörte 
man drinnen plätschern. Harald blieb als Posten vor 
der Tür stehen. Edsel ging zur Regierungshütte um 
einen Spiegel. Der Beamte hatte sich mittlerweile er 
nüchtert. Er überschüttete Edsel mit einem Schwall 
von Worten, die dieser glücklicherweise nicht verstand, 
und versuchte, ihn sogar anzugreifen. Ein wohlgezielter 
Kinnhaken warf ihn jedoch zu Boden, und Edsel nahm 
in Gemütsruhe den Spiegel von der Wand, suchte sich 
noch etwas, das als Handtuch dienen konnte und ging. 
Von der Vertretung der Regierung haben sie danach in 
Trasnakoje nichts mehr gesehen. 
Über eine Stunde spazierten die beiden Ritter einer 
Unbekannten vor der Hütte auf und ab. 
„Hm?“ sagte Harald gerade zum siebzehnten Mai, 
„ich bin doch gespannt, was da schließlich für eine 
Schreckschraube zum Vorschein kommt“ — als die 
junge Dame aus der Tür trat und lächelnd mit einem 
unbekümmerten „How do you do? freue mich, Sie hier 
wiederzusehen!“ ihnen beide Hände hinhielt. 
Harald wich zwei Schritte zurück: „Verzeihung, einen 
Augenblick!“ — strich sich mit der Hand übers Ge 
sicht, kniff sich in den Arm. „Aber ich habe heute doch 
wirklich noch nichts getrunken?!!“ 
Edsel stand mit offenem Munde und starrte die Er 
scheinung an. Dann ließ er sich einfach hinten über 
fallen, schlug einen Purzelbaum und gab ein Gebrüll 
von sich wie zehn Tiger auf einmal: 
„Ma Hiawa!“ 
Sie zogen ihre Pistolen und feuerten das ganze 
Magazin in die Luft. Es war unbeschreiblich. Ma brach 
unter ihren Umarmungen beinah zusammen. Noch nach 
Jahren werden die Schamanen an den entlegensten 
Lagerfeuern Sibiriens von dem Opferfest der beiden 
Amerikaner singen: hundert Menschen hätten sie ihrer 
wiedergefundenen Göttin geschlachtet und zehn davon 
in der Glut des brennenden Dorfes gebraten und ver 
speist! 
Endlich setzten sie jedoch Ma Hiawa auf ein Pferd 
und ritten ab; zuerst auf die Suche nach den Koffern, 
die am Strande liegen geblieben waren. Aber außer 
einem verdorbenen Spitzensonnenschirm fand sich 
keine Spur mehr. 
„Das ist sehr unangenehm!“ bemerkte Ma. „Was ich 
an Wäsche auf dem Leibe habe, sind im wahrsten Sinne 
des Wortes nur noch Fetzen!“ 
Unterwegs übereiferten sich die beiden Freunde in 
Ritterdiensten und bewachten einander mit einem 
Knurren im Blick. Ma unterhielt sich köstlich damit, 
mal den einen und mal den anderen scheinbar zu be 
vorzugen. In Wirklichkeit hatte sie jedoch kaum mehr 
als ein kameradschaftliches Gefühl für beide. Diesen 
Typ Männer kannte sie aus ihrem Leben als Tänzerin 
zur Genüge. Wenn man sie in intimen Stunden oder 
auch hier in der Wildnis ihres goldenen Rahmens ent 
kleidet, waren sie doch nur — gewiß gutherzige, aber 
schrecklich langweilige Tölpel! Sehr zu leiden waren sie 
ja immerhin, und man konnte sie zeitweise ganz gern 
haben, ihnen auch mal den Gefallen tun, weil sie so 
sehr darum baten und bettelten —- siehe Allan 
Fleishower — und weil es durchaus nicht unangenehm 
ist sich lieben zu lassen. Aber um sie zu lieben, so zu 
lieben, wie ein Weib sich sehnt zu lieben, dazu waren 
sie zu fade. 
An einem Nachmittag war es, als sie im Lager an 
kamen. Haralds und Edsels Anordnungen erregten 
eine wahre Wirrnis. Bis Walter Brandmeier erschien. 
Nach Vorstellung und Begrüßung gab er in seiner 
ruhigen bestimmten Art kurz Befehle. Die Kulis flo 
gen. Binnen einer halben Stunde war eine Baracke 
hergerichtet und mit allen im Lager zu erreichenden 
Bequemlichkeiten versehen. Ma zog sich bis zum 
Dinner zurück. 
Edsel und Harald stürzten sich auf ihre Koffer und 
holten aus deren tiefsten Tiefen die bisher vergessenen 
Dinneranzüge hervor. Die Boys wurden hin und her 
gehetzt. Der chinesische Schneider der Expedition 
mußte kommen, und als sich erwies, daß er keine 
modernen Anzüge aufbügeln konnte, bemühten sich die 
beiden Millardärssöhne eigenhändig. Zuletzt sahen sie 
aber doch beinah so aus wie in New York, wenn das 
große Gong in der Halle seine dumpfe Stimme er 
schallen ließ. Die Kulis staunten mit weitaufgerissenen 
Augen. 
In dieser Tracht begaben sich die beiden Löwen zur 
Ingenieurmesse. Das war ein kahler Raum neben der 
Baracke des Chefingenieurs, der mit einem auf Holz 
blöcken gelegten Tisch und zusammengezimmerten 
Schemeln ausgestattet war. Über eine Weile erschien 
auch Ma Hiawa. Angetan war sie mit einem langen 
geschlossenen chinesischen Herrenmantel aus Seide, 
der außen kostbar gestickt und innen mit weichem 
Maulwurfsfell gefüttert war. 
„Entzückend!“ beeilten sich die beiden Anbeter zu 
versichern. 
Man dankte freundlich lächelnd. „Aber so viel Glanz 
habe ich hier hinten in Kamtschatka nicht erwartet!“ 
sagte sie mit einem etwas spöttischen Blick auf die 
strahlenden Hemdbrüste. 
Indem erschien Walter Brandmeier. Er trug seinen 
täglichen Velvetanzug. Als er die anderen Herren sah, 
verbeugte er sich toternst: 
,Ich bitte sehr um Entschuldigung, aber mein schwar 
zer Anzug befindet sich bei meinem großen Gepäck in 
Petropawlowsk.“ 
„Reden Sie doch keinen Unsinn!“ antwortete Ma 
lachend, „als ob es hier darauf ankäme! Ich danke 
Ihnen übrigens sehr für dies prächtige Gewand!“ 
„Keine Ursache! Ich freue mich sehr, wenn es Ihnen 
dient und gefällt!“ 
Nach dem Essen, für das der chinesische Koch nicht 
mir hier belobt worden wäre, saßen sie rauchend und 
lustig plaudernd beim Schein einer Petroleumlampe 
um den prasselnden Kanonenofen. Es herbstete stark 
und war abends darum in diesen nördlichen Breiten 
schon sehr kalt. Ma schilderte mit viel Laune ihre 
traurigen Erlebnisse mit dem Allgewaltigen von Tras 
nakoje. 
Im Eifer des Erzählens schlug sie die Knie überein 
ander. Der Mantel teilte sich und zeigte bis weit hin 
auf ein sehr gut geformtes, aber — nacktes Bein. Die 
Füße steckten in chinesichen Schuhen. Schnell deckte 
Ma den Mantel wieder über die Blöße. 
„Ja, — meine Strümpfe haben vor lauter Zerrisenheit 
keine Füße mehr. — Und überhaupt habe ich meine 
Unterkleidung schleunigst ins Wasser stecken müssen. 
Ich hoffe, der chinesische Schneider kann sie dann halb 
wegs wieder zusammen flicken. — Eigentlich müßte ich 
ja solange im Bett bleiben. — Aber dieser Mantel ist 
so schön warm.“ Dann errötete sie ein wenig verlegen 
und schielte unter gesenkten Lidern nach Walter Brand 
meier. Sie traf seinen Blick. 
Die Herren überlegten, wie dem offenbaren Mangel 
schnellstens abzuhelfen sei. Leider war Ma so zierlich, 
daß es auch notbehelfsweise unmöglich erschien, ihr 
irgendwelche Bekleidungsstücke der Männer anzu 
ziehen. Edsel und Harald beschlossen darum, in der 
Frühe des nächsten Tages mit dem gerade angekom-
        
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