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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 32 
12 
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Das Dut,(£ llb&rni Spä^n^ösc^e/z 
Crzääfung uon Ibruno ßerdert 
uerst fanden sie es ganz interessant 
und eine angenehme Abwechslung 
gegen ihr etwas sehr bewegtes New - 
Yorker Bummelleben. Sie trieben 
Sport, ritten meilenweit und ver 
suchten sogar, sich an der Arbeit zu 
beteiligen; sahen aber ein, daß der an- 
gestellte Chefingenieur, Walter Brand 
meier, mehr davon verstand. Sie 
nannten sich ja zwar auch Ingenieure, doch verdankten 
sie ihre Grade wohl in der Hauptsache den reichen 
Schenkungen ihrer Väter an die betreffenden Hoch 
schulen. 
Also die ersten Wochen verliefen ganz angenehm; 
dann wurde es aber ziemlich langweilig. Sie versuchten 
es mit Kartenspielen und nahmen sich wechselseitig all 
ihr Geld ab, zankten sich und boxten sich grün und 
blau. Schließlich erfand Edsel S. Fergusson ein neues 
Unterhaltungsspiel. Sie lagen auf den Feldbetten in 
ihrer gemeinsamen Wohnbaracke und schossen mit 
automatischen Pistolen nach den Fliegen. Ihre Fertig 
keit im Schießen wurde erstaunlich. Wenn einer von 
ihnen nur irgend etwas in die Hand nahm, ein Glas 
oder seine Pfeife, gleich schoß es ihm der andere weg. 
Als aber ein vorübergehender Kuli von einem durch 
die Wand geschlagenen Geschoß ernstlich verwundet 
worden war, erhob Walter Brandmeier gewichtigen 
Einspruch. Das war also auch wieder vorbei. 
Trotzdem saßen sie herum und dösten vor sich hin. 
Zuweilen versuchten sie sich durch Erzählung ihrer 
Weibergeschichten zu ermuntern. Aber es war besser, 
nicht an Weiber zu denken. Manchmal, wenn die 
Langeweile gar nicht mehr zu ertragen war, fing 
Harald Mc Pherson an zu fluchen: und das dauerte 
dann mehrere Stunden. Er fluchte kunstgerecht! — 
Hätte sein Vater, der sich rühmte, der frommste 
Börsenmann der Welt zu sein, und der täglich in die 
Gebetstunde ging, — hätte er ihn gehört, er hätte ihn 
auf der Stelle enterbt. Harald fluchte und verfluchte — 
ein alter Korporal wäre errötet wie ein Schulmädchen 
— erst das Weltall im Großen und darauf im Ein 
zelnen: Zum Schluß, aber dann hatte er den Fluch 
ins übermenschliche gesteigert: seinen Vater, das 
Platin und ganz Kamtschatka! 
Platin! Das war der Grund, um dessentwillen die 
beiden Leuchten des ultramondainen New York hier im 
tiefsten Inneren Kamtschatkas saßen und schier ver 
zweifelten. Ihre beiden Väter, Spekulanten und Unter 
nehmer weltweiten Stils, hatten von der russischen Re 
gierung nach langwierigen Verhandlungen eine 
Mutungskonzession erhalten. Niemand, auch nicht die 
russische Regierung, hatte eine Ahnung, um was für 
ein besonderes Metall es sich handelte. Woher den 
beiden Milliardären die Kunde von etwaigem Platin 
vorkommen an bestimmten Orten Kamtschatkas ge 
kommen war, wird wohl ewiges Geheimnis bleiben. 
Jedenfalls rüsteten sie eine Expedition aus; und, viel 
leicht weil sie sich gegenseitig nicht trauten, vielleicht 
weil sie gewohnt waren, überhaupt niemand zu trauen, 
vielleicht aber auch, weil sie den Hintergedanken 
hatten, daß eine solche Abwechslung ganz heilsam 
wäre, hatten sie beschlossen, ihre beiden Söhne mit 
zuschicken. Wohlweislich überantworteten sie jedoch 
die Leitung einem als besonders tüchtig und ent 
schlossen bekannten Mineningenieur, namens Walter 
Brandmeier. Edsel S. Fergusson und Harald Mc Pherson 
waren aus irgendwelchen romantischen Gefühlen her 
aus wider Erwarten begeistert dabei — und nun saßen 
sie da, abgeschlossen von der ganzen Welt. Nicht ein 
mal der sonst nur verachtete Unterhaltungsrundfunk 
reichte bis hierher. Der nächste Ort, Kosyrewskaja, 
und das waren nur ein paar Eingeborenenhütten, war 
Tageritte entfernt. Zwar flog alle Woche das Ex 
peditionsflugzeug nach Petropawlowsk, und sie waren 
auch schon mal mitgefahren nach dieser „Haupt- und 
Hafenstadt“, aber reumütig schleunigst wieder zurück 
gekehrt. Einfach auszureißen wagten sie nicht. Ihre 
Väter verstanden in allen Dingen, die mit Geschäft zu 
tun hatten, nicht den mindesten Spaß. Also half nichts, 
ausgeharrt mußte werden. 
Das schlimmste aber war: es gab keine Frau! — In 
ganz Kamtschatka kein einziges Weib, das ihren schon 
herabgeschraubten Anforderungen auch nur ein klein 
wenig entsprochen hätte. Die Kamtschadalenweiber — 
brr! Dann die Weiber aus dem Tingeltangel von 
Petropawlowsk — doppeltes brr! Soviel konnte man 
gar nicht trinken, daß sie einem annehmbar erschienen 
wären. Und all die kleinen Freundinnen daheim 
weigerten sich entschieden, in ein Land so gänzlich 
out of fashion zu kommen. Verflucht, dreimal ver 
flucht! Was blieb übrig wie Fluchen — und wenn 
Harald das gründlichst besorgt hatte, sagte Edsel aus 
der Tiefe des Gemüts: Amen! Danach waren sie dann 
wenigstens für ein paar Stunden erleichtert. 
Wie aber hätten sie erst geflucht, nein nicht geflucht 
— wortlos hätten sie Wut geschäumt, wenn sie gewußt 
hätten 
Wenn sie gewußt hätten, daß zu eben dieser Zeit ihr 
Kumpan Allan Fleishower aus Chikago auf seiner 
Lustyacht im Pacific kreuzte, und daß Herrin war an 
Bord — Ma Hiawa! Ma Hiawa, die göttliche Tänzerin, 
der zu Füßen lag die ganze goldene Jugend der Staaten, 
und deren eifrigste Umwerber waren Edsel S. Fer 
gusson, Harald Mc Pherson und Allan Fleishower. 
Edsel und Harald waren von der Bildfläche ver 
schwunden und infolgedessen und dank seiner rühren 
den Beharrlichkeit hatte Allan obsiegt. So gern er sich 
aber im Neid der Kumpanei gesonnt hätte, zog er es 
doch vor, sein Glück an Bord seiner Dampfyacht 
„Golden Seagull“ sicher zu stellen. Er überredete Ma 
zu einer Rundfahrt im Pacific. Durch den Panama 
kanal waren sie gefahren nach Samoa und den Tonga 
inseln, hatten Hawai besucht; dann, weil Ma etwas 
Kühle wollte, hinauf zu den Aleuten und ein bißchen 
hinein ins Beringmeer; und jetzt nahmen sie Kurs 
längs der japanischen Küste nach Japan. 
Da eines frühen Morgens kam Ma Hiawa in ihrem 
verführerischsten Schlafanzug auf die Brücke. Während 
der Kapitän nach den Offenheiten ihrer Bekleidung 
schielte, sah sie gelangweilt hinüber zur asiatischen 
Küste, gähnte ausgiebigst und wandte sich kurz zu dem 
Schiffer: 
„Fahren Sie so schnell wie möglich nach Seattle!“ 
„Aber —“ 
„Was aber?! Ich will nach Seattle!“ sagte sie ärger 
lich und ging von der Brücke. 
Gewohnt, daß alle Wünsche der Dame an Bord Be 
fehl waren, begnügte sich der Goldbetreßte die Achseln 
zu zucken und gab entsprechende Anweisungen. Die 
Yacht wendete langsam. 
Mr. Fleishower kam an Deck, ziemlich mißgelaunt, 
wahrscheinlich von heimlichen Mißerfolgen. 
„Warum die Kursänderung?“ fragte er. 
„Miß Hiawa hat befohlen nach Seattle!“ 
„Wer hat hier zu befehlen?! An Bord meines 
Schiffes hab nur ich zu befehlen! Verstanden!?“ 
In diesem Augenblick kam Ma aus der Tür des Deck 
salons hervorgeschossen. *
        
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