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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 32 
Jahrg. 27 
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ehe sie noch den Arm erhoben hatte, war der Mann 
auf sie zugesprungen und hatte sie in eine Ecke ge 
schleudert. Eudoxia wollte auf den Knien aus dem 
Zimmer entfliehen, da hob Maximus die Peitsche. Die 
Kaiserin zuckte zusammen, den Hieb erwartend . . • 
Da riß ein Bote die Türe auf: „Die Barbaren 
kommen!“ 
♦ 
Träge und schwerfällig schoben sich die Massen der 
Vandalen gegen die Stadt. Kein Pfeil oder Speer 
sauste ihnen todbringend entgegen. Starr standen die 
römischen Wachen auf den Mauern. Bis auf zwei 
hundert Schritt waren die Barbaren an den ersten 
Graben herangekommen. Da öffneten sich die Tore 
und heraus schritt unter purpurnem Baldachin Papst 
Leo I. Vor ihm schritten in feierlichem Gange Chor 
knaben, die Weihrauchkessel schwangen und Kirchen 
fahnen trugen. Geiserich gab seinem Trompeter ein 
Zeichen. Schauerlich schrie das Vandalenhorn dumpfe 
Töne in die Luft. Es klang wie Todverkündung. Die 
eisenklirrenden Massen standen. Und durch die 
finsteren Reihen der Krieger schritt mit bittend er 
hobenen Händen der Christenheit würdevolles Ober 
haupt. Der Papst kam zum heidnischen Heros, um 
Frieden und Gnade zu erbitten! 
Geiserich sagte Schonung der Stadt, der Kirchen und 
der Einwohner zu. Unter dem Jubel seiner Mannen 
zog er in die Stadt ein. Rom, das stolze Rom hatte 
sich ohne einen Schwertstreich den Barbaren ergeben. 
Im Kapitol erwartete Maximus, Eudoxia und ihre 
gleichnamige Tochter den Sieger. 
Mit großen Schritten trat der König ein. Zehn seiner 
edelsten und stärksten Fürsten standen ein wenig ab 
seits. Es waren wilde, sehnige Gestalten mit mächtigen 
Leibern, muskelstarken Armen und gewaltigen Stier- 
nacken, die dem Schwächling Maximus, der schönen 
Eudoxia und ihrer liebreizenden Tochter gegenüber 
standen. 
Der König wies mit der Hand auf Maximus: 
„Dieser Mörder wollte Kaiser werden! Hängt ihn 
auf!“ Vier nervige Fäuste packten den entthronten 
Herrscher Roms und zerrten ihn hinaus. 
Die Kaiserin und ihre Tochter warfen sich vor dem 
Barbaren auf die Knie. Geiserich blickte auf die 
schönen Frauen nieder. In den Augen der Kaiserin 
las er die Befriedigung, die sie empfand, nun sie von 
ihrem Peiniger befreit war; er las in diesen großen, 
schwarzen Augen das Verlangen des Weibes nach der 
Liebe dieses hünenhaften Vandalen. In den Augen 
der Tochter 4s er jungfräuliche Scham und ängstlich 
tastendes Vertrauen. Eine reife, vollerblühte Frau und 
ein holdes, zartes Mädchen lagen vor dem König. 
Der sprach: „Eudoxia, du warst Kaiserin. Jetzt bist 
du meine Sklavin. Deine Tochter ist jung und zart 
und wird in meinen Armen nicht weniger leidenschaft 
lich sein, als du. Du hast ein schönes, junges Weib ge 
zeugt und aufgezogen. Sie wird mir als Geisel folgen, 
denn der rohe Fremdling spürt Lust, eure Kultur zu 
nächst bei diesem Mädchen auszukosten. Führe also 
deine Tochter in dein Schlafgemach und schmücke sie 
für mich. Bin ich mit dir unzufrieden, lasse ich dich 
von meinen Hunden zerreißen! Bin ich mit dir zu 
frieden, darfst du dich in einem Kerker von Karthago 
ausruhen.“ 
Die Kaiserin umschlang des Königs Knie. Der stieß 
sie von sich und sagte kurz: „Gehorche!“ 
Die beiden Ritter, die Maximus herausgeführt hatten, 
kamen zurück und meldeten: „Der kaiserliche Mörder 
hängt!“ 
it 
Und Eudoxia opferte ihre Tochter dem trunkenen, 
erbarmungslosen Sieger. Ein Weib, dessen Schönheit 
eines Maximus niedere Instinkte zur grausigen Tat ge 
trieben, die erste und letzte Ursache eines Kampfes 
zwischen römischer Kultur und vandalischem Barbaren 
tum war, mußte ihre Liebe, die einer Bewunderung der 
ungebändigten Wildheit und heroischen Kraft des 
hinkenden Königs und einer tiefen Leidenschaft für den 
Erretter aus Schmach und Schande entsprang, zurück 
drängen in die geheimsten Tiefen ihrer verlangenden 
Seele. Die verliebte Kaiserin hatte Glück erhofft und 
ein elendes Hinsiechen zwischen kalten Kerkermauern 
stand ihr bevor. Sie wurde zur Nebenbuhlerin ihrer 
Tochter. Und so steht die ganze Tragik eines Weibes 
in ihrer Ungeheuerlichkeit vor uns, in dessen Herzen 
die Mutter und das liebende Weib rangen. Und in 
diesem furchtbarsten aller inneren Kämpfe siegte die 
Mutter in ihr. Ein Plan reifte auf, so gewaltig, in 
seinem Haß so grauenvoll und in seiner Rache so 
furchtbar, daß das schwache Weib vor ihren eigenen 
Absichten zurückschreckte und erbebte . . . 
Lächelnd trat Geiserich in das Schlafgemach. Eine 
leichte Toga bedeckte seinen gewaltigen Leib, und mit 
einem Efeukranz war sein struppiges Haupt bekränzt. 
Unsicher und in seiner täppischen Urkraft ein Bild 
scheuer Zaghaftigkeit näherte er sich der Tochter 
Eudoxias, die in jungfräulicher Scham ängstlich 
den König erwartete. Geiserich winkte der Kaiserin, 
sich zu entfernen. Er trat auf ihre Tochter zu und zog 
sie zu sich aufs Lager. Fast schien es, als fürchte er 
sich, dieses zarte Wesen an seiner Seite zu berühren, 
das zusammengekauert und unbeweglich neben ihm 
lag. Welch schlechten Liebhaber gab der wilde König 
doch ab. Mit brennenden Augen schaute er auf das 
junge Mädchen, die halb Weib, halb noch Kind, so ver 
führerisch vor ihm lag. Scheu streichelte er ihren vollen 
Arm. Und dann erwachte der freie, wilde, sieg 
gewohnte Bezwinger in ihm. Er packte das Mädchen, 
das alles mit sich geschehen ließ und küßte in 
taumelnder Gier ihren schimmernden Leib. Er küßte 
den roten Mund und die leuchtenden Schultern und 
bemerkte nicht, daß die Kaiserin ins Zimmer getreten 
war und mit hocherhobenem, blitzenden Dolch hinter 
ihm stand. Durch den Leib des Mädchens zuckte süße 
Wollust, das erwachende Weib gab sich in urplötzlich 
aufflammender Leidenschaft dem Helden, dem erst so 
scheuen und dann so wilden Geliebten hin. Da sah 
Eudoxia ihre Mutter, sah den Dolch und erkannte die 
große Gefahr, in der der König schwebte. Sie schrie 
auf und deckte mit ihrem nackten, unschuldigen Leibe 
den königlichen Liebhaber. Und der kalte, scharfe 
Stahl des Dolches grub sich tief in ihre Brust. Zu spät 
hatte die Kaiserin gesehen, daß ihre vergiftete Waffe 
nicht den Feind, den geliebten, gehaßten Feind, sondern 
die eigene Tochter treffen mußte. 
Geiserich sprang wütend auf. Die Wachen drangen 
em. Der wilde König riß dem Nächststehenden das 
blanke Schwert aus der Faust und ein pfeifender Hieb 
spaltete den schönen Kopf der Kaiserin. 
Wild sah der König um sich. „Plündert!“ brüllte er 
auf und lachte toll, „Plündert! Weiber und Mädchen, 
Kirchen und Paläste, Gold und Silber, Wein und 
Fleisch, alles, alles gehört euch! Feuer über Rom! 
Tod über Rom! Ich will Todesröcheln und Schmerzens- 
schreie, will euer Triumphgeschrei hören! Hinaus! 
Plündert!“ 
Und während die Vandalen die ewige Stadt plün 
derten, ihre Bürger mordeten und ihre Weiber aus den 
Betten rissen, während die Siegesbogen aus der ruhm 
vollen Kaiserzeit donnernd niederprasselten und rote 
Flammen anklagend gen den nächtlichen Himmel zuck 
ten, saß der König vor der jungen Geisel, die ihr Leben 
für jhn dahingegeben hatte und starrte stumm und 
finster in die sternenklare Nacht. Er merkte gar nicht, 
wie seine schwertgewohnte Rechte zart über die 
schwarzen Haare der toten Geliebten fuhr ....
        
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