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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 32 
10 
von Haw6z 
k A. m zweiten Juni des Jahres vier- 
f| bundertundfünfundfünfzig ging ein 
/^|\( “Al)'k Schrecken durch die stolzeste aller 
/ Städte, das ewige Rom. Zittern und 
/ Zagen hatte die Quiriten mit knochi- 
/ gen, schlotternden Händen gepackt. 
/ Memmenangst schlich durch die 
breiten Straßen, drückte die 
^ Menschenmassen auf dem Forum, 
belagerte in grauenhafter Unsichtbarkeit Kapitol und 
Vatikan. In höhnischem Glanze blinkten die rissigen 
Ruinen heidnischer Tempel, in kalter Majestät lagen 
die Gotteshäuser der Christen da. Vor den Altären 
standen die Priester in Stola und Casula und riefen 
den Herrn um Hilfe an, und die Gläubigen lagen auf 
den Knien von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. 
Auf den Zinnen der Stadt standen die Wachen in 
klirrendem Eisen und starrten mit gerunzelten Brauen 
auf die Staubwolken, die die Appische Straße herauf 
zogen wie dräuendes Ungewitter. 
Vor den festgefügten Toren hielt in lachendem 
Siegesbewußtsein, in patzig-barbarischer Herrlichkeit 
inmitten seiner ungeschlachten Mannen Geiserich, die 
Gottesgeißel, der Vandalen König. 
Hei, wie der hinkende Herrscher mit wallendem 
Barte auf seinem Streitroß saß! Hei, wie der Sohn der 
Asdingen, von König Godigisel und einer Sklavin ge 
zeugt, mit blitzenden Augen der Papststadt dunkle 
Mauern maß! Wie er mit heißer Lust, ungebärdig und 
herrlich kraftvoll in seiner ungezähmten Wildheit das 
blanke Eisen aus der Lederscheide riß und wie zum 
Hohne das stolze Römerwort den sieben Hügeln ent 
gegenlachte: Vae victis! 
Maximus, des dritten Valentinians feiger Mörder, der 
finstere Mann, der die liebreiche Kaiserin Eudoxia auf 
sein nächtliches Lager gezwungen, der römische Lüst 
ling, wie er zu des Tiberius Zeiten nicht leidenschaft 
licher, nicht niedriger, nicht verschlagener hätte sein 
können, schaute vom Kapitol hinaus auf die weite 
Tiberebene, sah die Tausende von stahlklirrenden 
Kriegern, sah auf seinem Rotschimmel den lachenden, 
grausigen König, vor dessen Schwert noch keiner be 
ständen und dessen Siegeszug unaufhaltsam war. Er 
sah Geiserich, den großen Brandschatzer, der blühende 
Städte seinen plündernden Horden überließ, Männer 
und Greise hinschlachtete und Frauen und Mädchen 
schändete! Maximus zuckte zusammen. Ob Leo I. bei 
dem Barbarenkönig erreichen würde, daß er die Stadt 
schone? Hinter ihm stand die schöne, bleiche Kaiserin, 
die zarte Hand an den wogenden Busen gepreßt! Auch 
sie sah den wilden König, den sie insgeheim hatte rufen 
lassen, damit er, Geiserich, sie von der Schmach be 
freie, die Maximus während langer, langer Tage und 
furchtbarer Nächte ihr angetan. Damit er, der grimmige, 
hinkende Sieger, sie aus den begehrlichen Armen eines 
frechen Lüstlings reiße mit der rohen, aber herrlichen 
Gewalt eines Königs, der da nahm, was ihm gefiel und 
der keinen Widerstand duldete. Sie dachte daran, wie 
bald Geiserich vor sie treten würde, wie er mit starken 
Armen sie umfangen werde — und sie erzitterte in 
ahnendem Glück. 
Auch der Barbarenherrscher sah das kaiserliche Paar. 
Er lachte laut und rief: „Du, Eudoxia, wirst nicht meine 
Geliebte, sondern meine Sklavin sein. Und deine 
Tochter wird meine Geisel. Du hofftest, der Geliebte 
käme, dich von dem Schandbuben zu befreien! Aber der 
Sieger wird kommen, der Maximus zertreten und das 
Weib, das ihn auslieferte, zur Dienerin machen wird.“ 
Und er reckte seine geballte Faust gegen Rom und das 
Kapitol! 
Maximus erschrak vor dieser Bewegung zusammen. 
Er wandte sich um und sah, wie die Königin mit blitzen 
den Augen ins Weite schaute. 
„Fort mit dir!“ herrschte der Wütende die hohe, 
schöne Frau an, deren nachtschwarzes Haar in vollen 
Wellen über die leuchtenden, weißen Schultern floß. 
Aber die Königin, die ihren Befreier sah, und immer 
und immer wieder in stolzer Freude den Sieger, den 
Geliebten bewunderte, hörte des Gatten heisere 
Stimme nicht. 
Da faßte der grausame Mann die geflochtene Leder 
peitsche fester mit seinen zitternden Fingern. Seine 
Augen sprühten unbändigen Haß. 
„Hinweg!“ knirschte er. Er sah das verführerische 
Weib, das nur gezwungen sich ihm gegeben hatte, und 
das nun mit seinem Todfeind, dem er sich beugen 
mußte, irgendwie in Verbindung stand. Er ahnte, daß 
die Frau, die er liebte, dem Sieger still entgegenjubelte 
— da hob er die Hand und schlug in toller Wut die 
harte Peitsche über die zarten Schultern der Frau. 
Die schrie auf und sank vor dem Manne auf die Knie. 
Flehend, um Erbarmen bettelnd, erhob sie die vollen 
Arme. 
„Dein Geliebter soll dich als Gezüchtigte erhalten!“ 
zischte Maximus. Eudoxia drängte ihren Leib an den des 
Wütenden und ihre tränengefüllten Augen baten um 
Gnade. Sie preßte ihre Brust gegen die Knie des 
Mannes. Sie wußte, daß Maximus sie bis aufs Blut 
peitschen würde, wenn sie nicht demütig vor ihm liegen 
blieb. Sie senkte den Kopf, denn der Haß des Schwäche 
ren, der unheimlicher und unerbittlicher, wilder und 
teuflischer ist, als jeder andere Haß, glühte flackernd 
in ihren Augen. 
Maximus sah auf die vor ihm Kniende herab und 
ein höhnisches Lächeln spielte um seinen Mund. Noch 
einmal, bevor er als Besiegter vor Geiserich stand, 
wollte er Sieger sein und den Rausch des Siegers kosten 
bis zur Neige. Noch einmal vor seiner unausbleib 
lichen Demütigung wollte er siegen, und wenn auch nur 
über das schöne, kaiserliche Weib, das er liebte mit 
der begehrlichen Brunst des zügellosen Sinnesmenschen 
und das er haßte wie den Tod, weil er dennoch nie 
ihre Liebe als siegender Mann, sondern nur als siegen 
der Tyrann hatte genießen dürfen, die er haßte, weil 
sie seinem ärgsten Feinde als einem Heiland und Er 
retter entgegensah. 
Er riß das schöne Weib hoch und seine Hände 
zerrten ihr wild die leichte Tunika von den Schultern. 
In ihrer Schönheit stand sie vor ihm, bis ins Innerste, 
getroffen von seiner brutalen Gewalt. Da wuchs auch 
in ihr der Haß und flammte ungebändigt auf. Sie hob 
die zarte, schwache Hand, um dem Schurken, der sie 
tausendmal entwürdigt, ins Gesicht zu schlagen. Aber
        
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