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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jafirg. 27 
Nr. 4 
I 
PAUL PftlE D ft,ICH 
ie junge, blendendschöne Gräfin hatte ihrem Gatten 
die Stirn zu einem flüchtigen Gutenachtkuß gereicht. 
Sein Vetter, der smarte, elegante Diplomat, hatte 
sich mit einem tadellosen Handkuß von ihr verab 
schiedet und sah ihr lange und bewundernd nach. 
Der Graf bemerkte es und sagte, als er ihn wieder einlud 
Platz zu nehmen, indem er sieh das Monokel aus dem Auge 
nahm: „Wie findest du Maria?“ 
„Wundervoll, lieber Vetter, ich muß gestehen, daß ich selten 
eine prachtvollere, ebenmäßigere Schönheit gesehen habe. Ich 
könnte dich um diese Frau beneiden.“ „So verzückt, Ale 
xander? Ich hätte dich für kältet gehalten.“ „Die ästhetische 
Bewunderung eines schönen Kunstwerkes steht, meine ich, 
jedem frei“, sagte der Vetter lächelnd. „Daß ich, was mein 
sogenanntes Herz betrifft, völlig von einer anderen Frau 
erfüllt bin, mag dir zur Beruhigung dienen“, fuhr er mit einem 
feinen Lächeln fort. „Ah, wie großmütig“, sagte der Graf und 
warf seinem Vetter einen kurzen, scharfen Blick zu, der ihn 
augenscheinlich beruhigend überzeugte. „Aber im Ernst, 
Albrecht, mein Kompliment zu deiner Wahl. Du kannst 
wirklich auf den Besitz dieser Frau sehr stolz sein,“ „Hm“, 
murmelte der Graf und goß seinem Vetter einen anderen 
Likör ein. „Stolz, sagst du, kann ich sein? Nun ja — natürlich 
— das muß ich ja wohl, wenn es mir jeder Blick versichert. 
Ob aber glücklich? Das ist eine andere Frage.“ Seine Züge 
bekamen einen unwillkürlich leidenden Ausdruck. 
„Du bist nicht glücklich, Vetter? Darf ich fragen, weshalb? 
An ihrer, hm, Treue? . . . .“ 
„Ach, lieber Vetter, wenn es das wäre! Ich muß dir ein 
sehr ernstes Geständnis machen.“ 
„Ich bin sehr gespannt.“ 
„Möchtest du es glauben, daß ich mich ungleich leichter 
fühlen würde, wenn ich einen begründeten Verdacht hätte 
und wüßte; Sie liebt den und den? Dann wüßte ich, woran 
ich wäre. Dann würde alle meine verliebte Eifersucht dem 
Einen gelten und ich würde alles tun, um meiner „Ehre“ —• 
wie man sagt, an diesem glücklicheren Nebenbuhler zu 
rächen. 
Aber nein — nichts von alledem. Sie bleibt sich immer 
gleich. Ihr Blick hat niemals einen wärmeren Timbre außer, 
wenn sie fühlt, wie hunderte von Augen sie bewundern, an 
schmachten und — entkleiden! Die Welt ist für sie nur dazu 
da, ihr die stets erneute Bestätigung zu geben, wie über jedes 
Lob erhaben ihre Erscheinung wirkt und daß sich alles, selbst 
die schönsten Frauen, ihre gefährlichsten Konkurrentinnen, 
widerstandslos vor ihr beugt. 
„Das ist durchaus verzeihlich und das mußt du doch ent 
schuldigen.“ 
„Entschuldigen wohl, lieber Alexander; aber dadurch wird 
nichts an der Tatsache geändert, daß ich für sie im Grunde 
nur eine Folie bin. Bedenke, bitte, was für eine Unsumme 
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von Leuten, die nicht wert sind, einen Blick auf sie zu werfen, 
sich in der intimsten Kenntnis ihrer Reize mit mir teilt. . 
„Aber, Albrecht, wie soll ieh das verstehen? Deine Eifer 
sucht verblendet dich.“ 
„Nicht im geringsten. Früh ist es die Loulson, die ihr den 
ersten Morgengruß entbietet und ihr die Schokolade bringt. 
Dann, wenn sie ihr Bad nimmt, ist es wieder das Kammer 
mädchen, das ihren prachtvollen Körper wäscht und trocknet. 
Darauf erscheint nach kurzer Bettruhe — ein Masseur — 
denn sie behauptet seit einem Jahr, die Frauen verständen 
nichts von ihrem Beruf. Dieser glatte Schurke, der mich 
immer devot angrinst, wenn er mir begegnet, darf ihr un 
geniert den Rücken und die Beine mit seinen groben plebeji 
schen Händen bearbeiten und je kräftiger er streicht und 
knetet, desto angenehmer ist es ihr. 
Zweimal in der Woche erscheint darauf die Pedicure und 
beschäftigt sich aufs eingehendste mit ihren Füßen. Verzeih 
diese Indiskretion, aber ich muß es einmal einem Menschen 
sagen. Dann beginnt die Toilette, die stundenlang dauert. 
Wenn nun Maria wenigstens äußerlich zurückhaltender wäre, 
aber sie sagt immer: „Albrecht, du hast einen Spleen. Diese 
Domestiken sind in meinen Augen keine Menschen.“ 
So kam ich neulich einmal dazu, wie ihr Louison, während 
der Friseur in ihrem herrlichen Haar wühlte, an dem ganz 
achtlos hingestreckten Bein den Stiefel zuknöpfte. Du kannst 
dir nicht denken, wie der Kerl zusammenschrak, als ich in ihr 
Toilettenzimmer trat. 
Dann macht sie Besorgungen. Das heißt, der Diener wickelt 
ihr im Auto die Decke um die Beine; dann fährt sie zur 
Schneiderin. Dort wird probiert und an- und ausgezogen, wo 
bei oft andere Damen sind, die sichs merken, was für Unter 
wäsche sie trägt, oder sie fährt zum Schuhmacher und läßt 
sich Maß nehmen, und wenn das alles fertig ist, dann fährt sie 
zu unserem Hausarzt, der zwar ein Unikum an Häßlichkeit, 
aber ein geistreicher Kerl ist, na, und der behorcht und be 
klopft sie von allen Seiten, schon um eine gepfefferte Liquida 
tion zu schreiben. Und abends in Gesellschaft habe ich dann 
das zweifelhafte Vergnügen, sie stets von einer Menge fremder 
Menschen umringt, begafft oder im Arme irgendeines unge 
heuer geschmeichelten Gecken tanzen zu sehen. Und kommt 
man dann nach Haus, dann nimmt sie Louison in Empfang, 
um sie zu entkleiden und zu Bett zu bringen. Ja, lieber 
Alexander, was bleibt da mir?“ 
„Das Bewußtsein, ihr von Hunderten beneideter Gatte zu 
sein.“ 
„Das sagte sie mir auch einmal nach einem kleinen ehelichen 
Zwist und sie setzte ganz naiv hinzu; „Ist es für dich kein 
erhebendes Bewußtsein, meine Rechnungen zu bezahlen?“ 
„Da sind ja ein paar ausgewachsene Hörner fast noch vor 
zuziehen“, sagte der Vetter nachdenklich und beglückwünschte 
sich, nicht wie Albrecht der Gatte einer schönen Frau zu sein. 
Qtanz and Duft 
uon Qctns föetß&e 
Von deinen Brüsten geht ein Leuchten aus, 
als seien sie bei Nacht vom Glanz der Sterne 
beschienen, — dieses Licht umstrahlen sie 
zurück in mein wie weinberauschtes Herz. 
Von deinen Haaren kommt ein Duft, — ich weiß, 
daß du bei Nacht im Frühlingsgarten weiltest, 
der Duft des Flieders hat sich so in dich 
verliebt, daß er sich selig in dein Haar 
geflüchtet hat, — dort blüht er nun verborgen, 
und nie mehr gibt dich der Entzückte frei!
        
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