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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 31 
Jahrg. 27 
31 
London Vorsafllo-Band Mercedespalast Tel. Zentrum 4239, 7983 
Adelaide de Chevreuilles fächelte sich träumerisch 
Luft zu, und der Abbe benutzte die Gelegenheit, der 
schönen Frau etwas näher zu rücken. 
„Was kümmert uns der Regen, der allerdings den 
unverzeihlichen Fehler begangen hat, Sie melan 
cholisch zu stimmen — haben wir nicht wichtigeres 
miteinander zu be 
sprechen? Wollen wir 
nicht unsere Unter 
haltung fortsetzen, die 
der Marquis unter 
brach, als er sich von 
Ihnen vor seiner Ab 
reise nach Chevreuilles 
verabschiedete?“ 
Und als Adelaide 
nachdenklich schwieg, 
fuhr er kühner fort: 
„O, holdeste Mar 
quise, gedenken Sie 
noch des Augenblickes, 
da Sie in einer be 
zaubernden Toilette 
auf dem letzten Hof 
balle tanzten? Damals 
sahen wir uns das erste 
Mal, und ich . . . 
Doch die Marquise 
unterbrach ihn unwillig. 
„Was soll das, Abbe? 
Lassen Sie das.“ 
„Grausame, haben 
Sie so schnell ver 
gessen?“ 
„Ich habe nichts ver 
gessen, aber ich bin 
wirklich nicht in der 
Stimmung, Ihnen Ge 
hör zu schenken. 
Während SievonLiebe 
sprechen, denke ich an 
Aderlaß, und während 
Sie Ihren süßen Er 
innerungen nach 
hängen, denke ich an 
ein Vomitiv.“ 
„Der Teufel hole 
diese Stimmung“, 
dachte der Abbe, und 
verzweifelt sah er ein, 
daß eine Migräne ihm , 
den sicheren Sieg zu entreißen drohte, Antoine be 
schloß also vorsichtiger zu Werke zu gehen. Er ergriff 
den Fächer, mit dem die Marquise nervös spielte, und 
führte ihn an seine Lippen. 
„Abbe, Sie sind heute unausstehlich.“ 
Sofort änderte er seine Taktik, als er die unverbesser 
liche Laune der Schönen bemerkte. Nun mußte er das 
letzte Mittel versuchen. , 
„Was ist das, meine Gnädige? Ihre Dienerschatt ist 
wirklich schlecht erzogen. Sie müssen das Personal 
wechseln.“ 
„Mein Gott, was gibt es denn eigentlich!“ rief die 
Marquise aus, aus ihren Träumen erwachend. 
„Unerhört, Ihr Füßchen ohne Kissen zu lassen. Ich 
begreife das nicht.“ 
Der Abbe griff nach einem Tabourett und näherte 
sich der Dame, um es ihr vorsichtig unter das zierliche 
Füßchen zu schieben, 
aber kaum hatte er 
den Saum ihres Klei 
des berührt, als die 
Marquise einen Angst 
ruf ausstieß: 
„Kommen Sie mir 
nicht zu nahe . . . . 
rühren Sie mich nicht 
an, oder ich rufe um 
Hilfe . . .“ 
„Wie? Sie drohen 
Ihre Dienerschaft zu 
rufen? Ist Ihnen meine 
Nähe so verhaßt?“ 
„Aber nicht doch, 
Abbe — vielleicht 
würde Sie ein Blitz 
strahl bei Ihrem ver 
wegenen Beginnen 
treffen.“ 
Der Kühne wich je 
doch nicht zurück, als 
aufgeklärter Mann von 
Welt glaubte er nicht 
an einen Blitzstrahl 
bei süßem Liebes- 
geflüster, doch als er 
bemerkte, daß Ade 
laide durch keine 
Bitten und Vorstel 
lungen zu bewegen 
war, ihm Gehör zu 
schenken, zog er vor, 
nicht alles auf das 
Spiel zu setzen und 
einen günstigeren 
Augenblick abzu 
warten. Im Vor 
zimmer traf er Lisette. 
„Deine Herrin ist 
heute übler Laune, 
Kleine.“ 
Lisette lächelte. 
„Tragen Sie es Madame nicht nach, Herr Abbö. Frau 
Marquise erhielt heute aus Chevreuilles ein Fäßchen 
süßen Cider und hat trotz meiner Warnung zu viel 
davon gekostet. Jetzt spürt sie die Wirkung und 
versucht, durch äußerste Ruhe das gestörte Gleichge 
wicht wieder herzustellen.“ 
Der Abbe lächelte fein und entfernte sich. 
„Ei, ei, Frau Marquise, was heute Gott Bacchus ver 
mocht — sollte es morgen nicht dem mächtigeren Amor 
gelingen?“ 
Und also geschah es. 
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KUPFERBERG 
RIESLING 
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