Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 31 
Jatrg. 27 
24 
weit entfernt. Aus dem Birkenwäldchen hervor tauchte 
ein Reiter. Die Sonne war schon unter den Bäumen, 
und eine goldene Spur hatte sie am Rande der Wipfel 
zurückgelassen. Ein gelbes Blatt schwamm durch die 
bewegte Luft, und ich hob die Hand, um es auf 
zufangen. Es war morsch und zerbrökelte zwischen 
meinen Fingern. In diesem Augenblick schlugen die 
Glocken der Stadt. Es war sieben Uhr. 
Ich sah mich um. Der Reiter trabte vorbei; das Licht 
am Himmel erlosch zusehends. Ein warmer Hauch kam 
aus dem Birkenwäldchen. Ich kehrte um und ging nach 
Haus. Zeitungen lagen da. Es war der zehnte Oktober. 
Am Fenster stand das Bild des Mädchens aus dem Glas 
kasten. Hatte es mich so verfolgt? Hatte ich auf offener 
Straße von ihr geträumt? Lebte sie wirklich, liebte sie 
mich, rief sie mich draußen in der Welt so inbrünstig an, 
daß ich es hörte? — Ich warf das Bild von der Staffelei 
hinab. Um zehn Uhr erwartete mich Frau Bianka. Ich 
war entschlossen, hinwegzugehen und Inges Bild aus 
meinem Herzen auszurotten. Was sollten mir Träume 
und Wahngebilde, die mich schwächten und schmerzten! 
In drei Wochen verließ ich die Stadt. Ich freute mich 
jetzt auf diese Stunde. Nein, ich liebte damals nicht, 
das Leben zu ergründen. Noch heute meine ich: nur das 
ist schön, von dem wir wenig wissen 
Die drei Wochen vergingen; ich hatte mit halbem 
Glück versucht, in erhöhter Hingabe an das Leben 
meine Phantasien zu vergessen. Am Tage vor meiner 
Abreise ging ich den alten Weg zum Städtchen hinaus, 
durch das Villenviertel nach dem Birkenwäldchen. 
Stürme hatten die bunte Pracht zerrissen, ein dicker 
Blätterteppich raschelte unter meinen Füßen. Ich er 
reichte die weiße Villa in dem melancholischen ver 
wüsteten Garten. Lärm scholl mir entgegen. Die 
Fenster standen auf, Gardinen und Sessel wurden ge 
klopft. Und am Tor schaukelte im Wind ein großer 
Zettel: das Haus war sofort zu verkaufen. Als ich vor- 
überging, traten gerade zwei Damen und ein Herr aus 
der Villa: die eine in einem lila Herbstkostüm, die 
andere, eine blonde, blasse Frau, die mir bekannt vor 
kam, und der große, aber gebeugte Herr gingen in tiefer 
Trauer. Sie traten aus dem Garten und kamen hinter 
mir her. In der stillen Luft hörte ich jedes Wort. 
„Ja, ja“, sagte die lila Dame, „es ist ein unsäglicher 
Schmerz, sein einziges Kind zu verlieren. JJnd Sie wollen 
wirklich unsere Stadt verlassen?“ 
„Wir wollen bei ihrem Grabe bleiben“, sagte der Herr. 
„Wir haben ein kleines Haus in Gardone gekauft, das 
selbe, in dem sie gestorben ist. Ich fasse es noch immer 
nicht.“ 
„Armer Vater!“ rief die Lilafarbene innig. „Arme 
Mutter! Ich begreife alles. Die kleine süße Inge! Sie 
hatte ganz Ihr Gesicht, liebste Freundin. Nicht wahr, 
sie zählte erst sechszehn Jahre? Ich seh sie noch immer 
vor mir. Erst auf den Armen der Großmutter Ingeborg, 
dann auf dem Weg zur Schule und dann beim Ausbruch 
der Schwindsucht.“ 
„Sie starb so schwer“, sagte der Vater. Die Mutter 
ging ohne ein Wort neben ihnen. „Sie lag am liebsten 
am Fenster in einem hohen, dunkelroten Stuhl. Sie starb 
in ihrem geliebten, halblangen, efeugrünen Kleid, An 
einem klaren, warmen Herbstabend um sieben Uhr; Es 
war der zehnte Oktober.“ 
„Ja“, sagte die Dame, „wir lasen es voll Schmerz in 
der Zeitung.“ 
Mein Herz schlug vor Grauen so heftig, daß mein 
ganzer Körper zitterte. Nun wurde das Wunderbare 
wahr. Und plötzlich hörte ich die Stimme der Mutter, 
flüsternd, gebrochen, undeutlich. 
„Sie sehnte sich nach jemandem“, sagte sie. „Sie 
sprach, ehe sie starb, zu einem Wesen, das wir nicht 
sahen. „Ich warte ja so lange“, sagte sie, „ich weiß mich 
der Zeit nicht mehr zu erinnern, in der ich dich nicht 
liebte. Du bist gekommen. O Geliebter! Einziger!“ 
Aber der Unsichtbare schien sich von ihr zu entfernen. 
„Komm“, sagte sie flehend, „umarme mich,<küsse mich.“ 
Ich glaube, es war das Leben, das bei ihr stand, das sie 
verließ, nachdem sie sich sehnte, das sie liebte und be 
gehrte. Aber dann rief sie einen fremden Namen. 
„Konstantin!“ schrie sie, „Konstantin! Bleib bei mir!“ 
Sie streckte die Arme nach dem Entfliehenden aus, 
seufzte, fiel zurück und war tot.“ 
Die lila Dame war gerührt. Der Vater sagte: „Ja, sie 
sehnte sich nach jemandem, der nicht bei ihr war. Sie 
wollte nur noch leben. O, ihre Augen! Gerade sang 
Giacomo auf dem See ihr Lieblingslied: Orombello! 
Ah! sciagurato!“ 
„Von Bellini“, sagte die Dame erhaben. „Ein sen 
timentaler Schmachtfetzen. Mein Sohn verachtet die 
italienische Musik. Er komponiert zurzeit an einer 
Musiktragödie im Schreckerschen Stil. Es wird ein 
epochales Werk.“ 
Plötzlich schluchzte die Mutter laut auf. Ich fühlte 
ihre Blicke auf mir. Ich wußte nicht, wie ich ging. Wir 
waren in das Birkenwäldchen getreten. Der Wind 
wühlte in den Blättern. 
„Man muß“, sagte die Dame, „man muß sein Leid mit 
Geduld tragen. Der Sinn des Lebens ist ja Leiden. Je 
mehr man leidet, desto mehr ist man Mensch und nähert 
man sich der göttlichen Existenz.“ 
Man hörte ihren Worten das verächtliche Lächeln des 
weltüberwindenden Philosophen an. 
Ich konnte nicht anders: ich blieb stehen und ließ die 
Drei an mir vorüber. Die Mutter sah mich an. Ihre 
Augen waren voll Grauen, als sähe sie ein Gespenst. 
Sie fühlte — kraft ihrer Liebe —, daß ihr Kind in seiner 
letzten Stunde bei mir gewesen war. Sie sah mich an, 
schwankte und stieß einen Seufzer aus. Ihr Mann fing 
sie schnell auf und führte sie wie ein Kind weiter. 
Die lila Dame tröstete und redete ohne Aufhören. 
„Ja“, sagte sie. Ihre weiße Hutfeder winkte, nickte und 
schwankte. „Ja, und ihr Bild hängt noch immer in dem 
Photographiekasten unseres trefflichen Herrn Silber 
gleit. Ich sehe sie mir oft an. Auch ich habe mich jetzt 
abnehmen lassen, in einem weißen Ballkleid. Es wurde 
ein entzückendes Bild, so daß Herr Silbergleit um die 
Erlaubnis bat, es in dem Kasten ausstellen zu dürfen. 
Ich zögere noch, sie zu geben. Ich weiß nicht, ob nicht 
unehrerbietige Blicke Sie wissen, liebe Freundin — 
Mein Sohn sagt immer: „Weißt du Mama, du siehst in 
dem weißen Kleid auf dem Bilde aus wie ein Schumann- 
sches Adagio.“ Obschon er sonst im allgemeinen Schu 
mann nicht liebt. Er sagt, es wäre ein Damenmusiker, 
ein Salonkomponist. Ja, seine Musiktragödie aller 
dings “ 
Der lila Rock verschwand hinter den Bäumen. Ich 
kehrte um. Schon tauchten die Sterne auf, glitzernd und 
hell in der kühlen Luft. Weit und breit war schon das 
Schweigen der Nacht. Auf alle Fragen meines Herzens 
kam von nirgendher eine Antwort. 
In dem weißen Haus waren ein paar Fenster er 
leuchtet. Ich ging schnell vorbei. Noch in derselben 
Nacht reiste ich ab. Das Vergessen wurde mir leicht ge 
macht. Denn auf dem Transport ging mir von meinen 
Bildern eines verloren. Es war Inges Porträt. So sah 
ich sie denn niemals wieder.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.