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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
AIr. 31 
22 
Das Mädchen im Glaskasten 
NOVELLE VON KURT MÜNZER 
’S jff s war in dem warmen und bunten 
äF Herbst jenes Jahres, in dem mich mein 
f J ^ Bild „Der Harem“ berühmt gemacht 
hatte. Zur Beschämung des Publikums 
■zN '-.'ö muß ich gestehen, daß nicht künst- 
— —--1.1 • lerische Vorzüge den Weltruhm des 
zP Bildes geschaffen haben, sondern das 
yf ( /W Thema, die vielen betörenden Frauen 
schönheiten hatten alle Welt interessiert 
und angezogen. 
Jedenfalls war ich in Mode und Ruf gekommen, Be 
stellungen jagten sich, und eines Tages fuhr ich in eine 
kleine, reiche mitteldeutsche Stadt, wo eine Reihe ge- 
langweilter Industriellengattinnen porträtiert zu werden 
wünschte. Man empfing mich wie einen Fürsten. 
Feste, Tänze und Konzerte jagten mich von Nacht zu 
Nacht. Ich war plötzlich aus Armut und Dunkelheit ins 
Licht gehoben und wollte keinen Tropfen Genuß frei 
willig verschütten. 
Ich hatte ein Atelier mitten in der Stadt gefunden, in 
einem alten Hause an einem großen Platz; das Fenster 
ging nach Westen, und das Licht wechselte leicht. Aber 
ich hatte nichts besseres auftreiben können. Teppiche, 
Decken, Sessel und Lorbeerbäume in bronzenen Kübeln 
machten den Raum warm und geheimnisvoll. Es 
rauschte tagsüber die enge Treppe herauf und hinab von 
Seide und Spitzen, Samtmänteln und türkischen Shawls. 
Die Frauen kamen zu den Sitzungen; sie erfüllten das 
Atelier mit Flüstern und Liebesblicken, Anspielungen 
und Verheißungen. Sie trugen leichte Balltoiletten, 
zogen sich hinter einer spanischen Wand um. Ich hörte 
die Röcke fallen, die Taillen knirschen, ich sah einen 
nackten Arm nicht unabsichtlich über den Rand des 
Schirmes ragen; ich mußte einen letzten Haken 
schließen, das Schulterband höher rücken, das Haar 
ordnen, eine Blume im Brustausschnitt zurechtstecken. 
Nein, ich blieb nicht kalt. Ich fiel von Brust zu Brust, 
ich küßte blondes und braunes Haar, verwechselte die 
Namen, die Stelldichein. Ein Rausch hatte die Frauen 
dieses entlegenen Städtchens erfaßt; sie hatten in der 
Hauptstadt mein berühmtes Bild gesehen. Nun, glaube 
ich, liebten sie in mir den Schöpfer dieses Werkes, nicht 
mich selbst. 
Aber bei all diesen Frauen fühlte ich mich innerlich 
leerer und leerer werden. Während ich malte, lachte, 
küßte, tanzte, verließ meine Seele den Körper und 
schwang sich über dieses Leben hinweg, sehnsuchtsvoll 
nach reineren Freuden und stillerer Zärtlichkeit 
suchend. Und eines Tages fand ich eine solche heim 
liche, friedvolle und innige Lust. 
In der Hauptstraße der Stadt hing ein Glaskasten 
voller Photographien. Sie waren schlecht ausgeführt, 
seelenlos, voll Pose. Dennoch war es der beste und be 
liebteste Photograph des Ortes, und in seinem Glas 
kasten gab sich die ganze gute Gesellschaft der Stadt 
ein Rendezvous. Ich hatte gleichgültig über alle hinweg 
gesehen. Aber in der untersten Ecke hing das Bild eines 
Mädchens, eines Kindes, einer Frau — ich wußte es 
nicht. Das Gesicht war jung und verriet doch eine 
schmerzliche Reife, denn diese mörderische Linse hatte 
die Seele dieses Geschöpfes nicht töten können. Es war 
ein schmales Gesicht, das Haar mußte hellblond sein, 
leicht, dünn und fein. Die dunklen Augen waren groß, 
und eine Sehnsucht war darin. — — Nicht die Sehn 
sucht der Jünglinge, die sich in Melancholie und 
Schmerzen kleidet. Es war eine brennende, ungestüme 
Sehnsucht, eine Sehnsucht, die wie ein unermüdlicher 
Schrei auf den Lippen lag. War dieses Wesen ein Kind, 
zwölf Jahr alt, mit einer erwachenden Ahnung des 
Lebens; war es ein Mädchen von neunzehn, das Liebe 
suchte; war es eine Frau von fünfundzwanzig, die am 
Manne litt und sich nach reinerer Liebe sehnte? Alle 
Möglichkeiten lagen in diesem Antlitz. 
Jeden meiner Wege ließ ich an diesem Glaskasten 
vorüberführen. Ich konnte nicht mehr vor ihm stehen 
bleiben, ohne daß es auffiel. Aber im Vorbeigehen riß 
ich dieses Geschöpf mit einem Blick an mich, ließ es 
fast verzweifelt zurück. Nur in den Nächten, wenn ich 
von den Festen heimkehrte, von der Liebe, von einem 
Trinkgelage, blieb ich in der totenstillen Straße stehen, 
sah sie an, die mich nicht ansah, sprach mit ihr, die mir 
nicht antwortete, liebte sie, die mich nicht wiederliebte. 
Ja, ich liebte sie . . . 
Ich wagte nie nach ihr zu fragen. Ich sah sie nie 
mals auf der Straße, traf sie in keiner Gesellschaft. 
Sie mußte eine Fremde sein. Ich gab ihr einen Namen 
und nannte sie Inge, weil sie das Blond der Mädchen 
aus dem Norden hatte. Wenn ich eine andere um 
armte, so schien sie entfernt und schemenhaft in einer 
dunklen Ecke zu stehen, und die Sehnsucht ihrer Augen 
richtete sich auf mich, erlosch in mir und wurde Trauer, 
Neid, Gram, daß ich die andere küßte. Sie kam in 
meine Träume, immer gekleidet in ein halblanges efeu 
grünes Gewand, die blonden Zöpfe hängend, blaß, 
lächelnd. Aber das Lächeln schien aus Schmerz und 
Trauer zu kommen. 
Und eines Morgens, nach einer schlaflosen Nacht, 
die von dem Klang des Wortes Inge erfüllt war und von 
einer wunderlichen starken Sehnsucht, aus dem Taumel 
des augenblicklichen Lebens in den stillen Strom einer 
wahren Neigung zu gleiten, begann ich, sie zu malen. 
Ich setzte sie in einen hohen Stuhl, dessen Lehne ihren 
Kopf überragte. Ihr Körper verlor sich in dem großen 
Möbel, erschien wie ein Vogel, der sich vor zugreifen 
den Händen zitternd in eine Ecke flüchtete. Und 
während ich sie halb aus Traum und Sehnsucht heraus 
malte, meine blonde blasse Inge, fühlte ich, daß sie 
sechszehn Jahre alt war, daß sie Schmerzen litt, daß 
sie hustete und ihr der Atem fehlte. So mußte sie 
leben, wie ich sie in Ahnung malte. Ich stellte ihren 
roten Stuhl in eine südliche Landschaft hinein. Hinter 
ihm öffnete sich ein Garten mit Rosengebüschen und 
Zypressen, die sich zu einem blauen See hinabsenkten. 
Ich malte in aller Morgenfrühe an dem Bild, ehe die 
verliebten buhlerischen Frauen kamen, und versteckte 
es vor ihren unreinen Augen hinter einem Teppich an 
der Wand. So malte ich mich tief in Sehnsucht und 
Liebe hinein und sank immer mehr aus der Wirklichkeit 
in das Leben dieses holden Traumes hinab. An den 
anderen Bildern malte ich wie eine Maschine, seelen 
los und gedankenfern. Meine Küsse waren kalt, meine 
Umarmungen flüchtig. Ich strebte hinüber nach Rein 
heit und Unschuld. 
An einem Nachmittag verließ mich früher als sonst 
mein Modell, die Gattin eines Fabrikanten. Ich stellte 
das heimliche Bild ans Fenster und enthüllte es. Es 
war fast vollendet aber die Augen gelangen mir 
nicht. Ich konnte die Seele nicht hineinbannen. Ich 
fühlte Inges Herz in meinem schlagen, ihre Seele strebte 
aus der Ferne so heftig zu mir, daß ich immer draußen 
in der Welt das Dasein ihrer Liebe spürte — und 
dennoch vermochte ich nicht, mehr von den Augen zu 
malen als das matte, glänzende Weiß, die große Pupille, 
die nackte Form der Lider. An diesem schönen Spät-
        
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