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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 31 
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F R/ A H" 
C I s & L O 
DeutjcPj von. H.TJetteT 
de Entreeklingel schrillte. Die junge Frau 
ging ins Entree und machte auf. Ein 
Mann stand auf der Türschwelle. 
„Von der Gasgesellschaft“, murmelte 
[er. „Zum Gasometer, bitte.“ 
Sie ließ den Mann ein. Dann schloß sie 
die Tür. 
Als sie das Wohnzimmer betrat, war 
sie verblüfft, einen Laut hinter sich zu 
hören. Sie drehte sich rasch um. Der Mann war ihr 
gefolgt. 
Plötzliche Furcht schnürte ihr das Herz zusammen. 
„Der Gasometer ist doch im Entree“, sagte sie. 
Er erwiderte nicht mit Worten, sondern lächelte — 
ein böses, grausames Lächeln, das sie entsetzte. 
„Der Gasometer ist doch — im Entree“, wiederholte 
sie. 
„Ich will nicht zum Gasometer“, sagte er. 
„Was wollen Sie denn ?“ 
„Geld, zu essen — irgendwas!“ 
Der Atem schien ihr zu stocken; ihr Herz schlug wie 
rasend. Sie war allein in der Wohnung. Sie war gefangen, 
— der Gnade dieses Mannes ausgeliefert. 
Das Telephon! Instinktiv richtete sie ihre Blicke dar 
auf. Es befand sich in einer entfernten Ecke des 
Zimmers. 
Der Mann folgte ihrem Blick. Sein Lächeln wurdfc 
breiter. Mit drei Schritten war er am Apparat. Eine 
Sekunde später hatte er ihn von den Drähten abge 
rissen und auf den Fußboden geschleudert. 
Er packte sie rauh am Arm. 
„Ich habe keine Zeit für Dummheiten“, sagte er. „Ich 
werde sehen, was ich finden kann. Während ich hinaus 
gehe, schließe ich Sie hier ein. Aber keine List — ge 
fälligst! Wenn Sie das Fenster da aufmachen und um 
Hilfe rufen, höre ich es, und ehe jemand hier sein kann, 
habe ich Sie erledigt und bin über alle Berge.“ 
Halb tot vor Schreck, sank sie in einen Lehnstuhl. Sie 
hörte, daß die Tür auf- und zugemacht und der Schlüssel 
herumgedreht wurde. 
Sie glaubte, stundenlang dort gelegen zu haben, in 
Wirklichkeit aber waren es nur Sekunden. Dann flog 
sie entsetzt auf. 
Ganz schnell und leise ging sie an die Tür. Sie war 
verschlossen. Sie schlich ans Fenster. Vorsichtig machte 
sie es auf. Das Licht von draußen schien voll auf ihr 
zu Tode geängstigtes Gesicht. 
Unten auf der Straße gingen Leute, aber sie hatte 
kein Mittel, sie zu erreichen, keinen Balkon, keine 
Regengosse, nichts. 
Wie sollte sie ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken? 
Sie mußte um Hilfe rufen, das war ihre einzige 
Rettung. 
Plötzlich aber fielen ihr ihres Mannes Malutensilien 
ein. Da lag ein großes Stück weißes Kartonpapier auf 
dem Tisch und etwas Zeichenkohle. 
Sie ging unsicher an den Tisch. Sie mußte etwas auf 
das Kartonpapier schreiben und es draußen außerhalb 
des Fensters zeigen, — etwas, was die Leute da unten 
veranlassen würde, ihr zu Hilfe zu eilen. Was aber sollte 
sie schreiben? 
Plötzlich blitzte ihr ein Gedanke durch ihr benom 
menes Gehirn. Verzweifelt nahm sie die Kohle und 
schrieb etwas auf das Kartonpapier. 
Sie tastete sich wieder bis zum Fenster und machte es 
draußen auf dem Fensterbrett fest. Aber würden es die 
Leute auch sehen? 
Sie sank wieder in den Lehnstuhl und wartete. 
Aber nicht lange. Da hörte sie das Geräusch eiliger 
Schritte auf der Treppe. Die Entreeglocke läutete scharf. 
Sie hörte, wie der Schlüssel im Schloß umgedreht 
wurde. Die Tür wurde aufgemacht, und der Mann trat 
ein. 
„Was ist los? Wer ist da?“ fragte er heiser. 
„Wie soll ich das wissen?“ antwortete sie. 
„Haben Sie jemand kommen lassen?“ 
„Wie konnte ich denn?“ 
Er schien unentschlossen, was er tun sollte und stand 
da und biß sich die Handknöchel. 
„Soll ich nachsehen, wer da ist?“ fragte sie. 
„Ja, — lassen Sie niemand ein!“ sagte er kurz. Dann 
schnell: „Nein, ich werde selbst gehen.“ 
Aber es war zu spät. Sie war an ihm vorbeigeschlüpft, 
hatte eine Sekunde später die Entreetür aufgerissen und 
sich einem dicken Mann in die Arme gestürzt, der ins 
Entree stolperte und von einer ungeheuren Men 
schenmenge vorwärtsgedrängt wurde, die auf der 
Treppe wogte. 
Ihre Qualen waren zu Ende. 
Sie War gerettet. 
Den sicheren Erfolg hatte sie ihrem Plakat zu ver 
danken, auf das sie geschrieben hatte: 
„Eine unmöblierte Vierzimmer-Wohnung zu ver 
mieten!“ 
Nur vmler seinen Augen 
Walter Unger 
ein Herr, es freut mich, daß Sie gekommen 
sind, etwas Außerordentliches zu vollbringen, 
empfing der Marquis de P. einen jungen 
Pariser Maler, Alphonse,. den er um einen 
Besuch im Landhause seiner Maitresse ge 
beten hatte. 
„Sie haben“, fuhr er fort, „einige entzückende Bilder 
gemalt, Damen in hellen, seidenen Strümpfen und mit 
Battisthemdchen, die über runde rosige Schultern rieseln, 
so daß inan die reizendsten Dinge zu sehen bekommt. 
Ich wünsche ein Bild der Madonna in einer von mir 
näher zu bestimmenden Pose auf dem Sofa, vollkommen 
so wie die Schaumgeborene. Ich hoffe, auf diese Weise 
der Mittelpunkt der Salons zu werden, mindestens in 
dem Maße wie Casanova oder d’Aurignac. In Paren 
these, ich fürchte nicht, Madame an den Vielgeliebten 
zu verlieren — wie bedauerlicherweise Herr von Seingalt. 
Es ist jedoch nötig, um jene vielgerühmten Dinge zu 
übertreffen, sie zu kennen . . .“ „Es ist unnötig, Herr 
Marquis, darüber zu sprechen“, bemerkte Alphonse, 
„ich kenne das Bild der Vlämin O’Morphi und weiß, 
wodurch es bezaubert und einen König vermochte, für 
den Besitz der Schönen selbst 1000 Louisdors zu geben. 
Sie liegt lächelnd, stützt den Arm und den Busen
        
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