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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 31 
Jaürg. 27 
18 
„Glauben Sie das nicht“, antwortete der Dichter 
würdig, „glauben Sie das nicht, ich zahle es Ihnen — 
später. Kommen Sie, wenn der Weg Sie vorbeiführt, auf 
eine Minute zu mir herauf, so ist es nicht ausgeschlossen, 
daß Sie bei mir einmal volle Taschen finden.“ 
„Wenn ich darauf warten soll.“ 
„Brauchen Sie denn das Geld so dringend? Sie sind 
ein braves junges Mädchen, mit bescheidenen An 
sprüchen, und Sie werden doch auch Kunden haben, die 
zahlen.“ 
„Gott sei Dank. Aber ich .... ich ... . ich will 
heiraten . . . .“ 
„Sie wollen heiraten? Ist es möglich? Und wer ist 
der glückliche Sterbliche ....?“ 
„Ein Kutscher, ein sehr ordentlicher Mann.“ 
Der Dichter prallte entsetzt zurück. 
„Ein Kutscher. Sie heiraten einen Kutscher? Sie, so 
jung, so schön, so zart . . . .“ und der Dichter be 
trachtete aufmerksamer das junge Mädchen, dessen 
Wangen sich dunkelrot färbten. „Ein Kutscher? Er 
wird Sie unglücklich machen.“ 
„Im Gegenteil, Herr Dufresny.“ 
Und Jeannette rollte verlegen an dem Saum ihrer 
Schürze. Dufresny ging aufgeregt im Zimmer auf und 
ab, unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd, dann 
blieb er vor dem jungen Mädchen stehen, 
„Also, um Ihren Kutscher zu heiraten, brauchen Sie 
meine zweihundert Pistolen? Diese Summe soll wohl 
Ihre Mitgift sein?“ 
„O nein“, unterbrach ihn das Mädchen, in den 
heiligsten Gefühlen verletzt, „ich habe zweihundert 
Dukaten beiseite gelegt, zweihundert Dukaten, die ich 
mir von meiner Arbeit erspart habe.“ 
Der Dichter war einen Augenblick sprachlos. 
„Zweihundert Dukaten?“ 
„Nicht ein Sou fehlt daran.“ 
„Donnerwetter. Wäscherin scheint ein einträglicheres 
Geschäft zu sein als Dichter und Liebling der Musen. — 
Zweihundert Dukaten. —“ 
Er sah jetzt die kleine Wäscherin mit ganz anderen 
Augen an, und entdeckte auf ihrer linken Backe einen 
kleinen Schönheitsfleck, der ihrem Gesichtchen einen 
pikanten Reiz gab. Alles drehte sich um ihn, ein Früh 
lingsduft hüllte das Zimmer ein, und die alten grauen 
Bücher schienen ihm zuzulächeln. 
„Sie lieben Ihren Kutscher sehr?“ stammelte er. 
„Lieben. Ach Gott, ich finde ihn ganz nett.“ 
„Sie lieben ihn also nicht mit jener verzehrenden, 
heißen, allmächtigen Liebe, die imstande ist, die Welt 
aus den Fugen zu heben? O Gott, ich danke dir aus 
der Tiefe meiner Seele.“ Er faßte die Wäscherin an 
beide Hände. 
„Wie können Sie, ein fleißiges, gebildetes, intelli 
gentes Mädchen Ihr Gesicht an das eines Bauern fesseln? 
Ich werde Ihnen etwas sagen, was Ihnen unglaublich 
klingen wird Ich, ich selbst biete Ihnen meine 
Hand, wollen Sie mich heiraten?“ 
„Sie?“ 
„Ja, ich. Und glauben Sie vielleicht, daß ich nicht so 
viel wert bin wie Ihr Kutscher? Ich bin ein Enkel 
Heinrichs des Vierten, Kammerdiener, Garteninspektor 
des Königs, und was noch viel mehr ist, sein Vetter.“ 
„Der Vetter des Königs?“ 
„Jawohl, und wenn Sie mich heiraten, werden Sie 
seine Cousine.“ 
„Die Cousine des Königs? Ich?“ rief Jeannette. „Aber 
das ist ja unmöglich. Und Sie wollen mich wirklich 
zur Frau, Herr Dufresny? Ist es Ihr Ernst oder 
scherzen Sie?“ 
„Mein vollkommener Ernst. Nehmen Sie meine 
Werbung an?“ 
Fräulein Jeannette war geblendet. Vor ihren Augen 
erschienen die Bilder von Heinrich dem Vierten. Sie 
sah sich im Parke von Versailles und hörte, wie Ludwig 
der Vierzehnte sie fragte: „Wie geht es Ihnen, meine 
Hebe Cousine?“ 
„Ob ich es annehme? Ob ich es annehme? Aber 
natürlich, es ist mir eine Ehre . . , “ 
Beglückt faßte der Dichter sie unter den Arm. 
„Dann wollen wir keine Zeit verlieren. Jeannette, 
kommen Sie.“ 
„Wohin?“ 
„Wir wollen sofort unser Aufgebot bestellen. Aber 
vorher , . . erwartet Sie nicht vieleicht zu Hause ein 
gutes Frühstück?“ 
„Ja, ein Huhn, das mir gestern Verwandte geschickt 
haben.“ 
„Ein Huhn im Topf, welche Freude für meine großen 
Ahnen.“ 
Als Ludwig der Vierzehnte am nächsten Morgen 
seine Gemächer verließ, um sich zur Messe zu begeben, 
bemerkte er in der ersten Reihe seiner Höflinge den 
Kammerdiener und Garteninspektor Dufresny, der ihn 
flehend anblickte. 
„Wie steht es mit der Gesundheit, Mister Dufresny?“ 
„Ihre Majestät sind sehr gnädig, sich nach meiner 
Gesundheit zu erkundigen“, antwortete der Dichter, sich 
bis zur Erde verbeugend, „mir geht es so, wie es einem 
Manne geht, der in zwei Tagen heiratet.“ 
„Was zum Teufel!“ rief der König. „Dufresny, der 
Spieler, der Trinker, dessen Schulden zu bezahlen selbst 
meine Börse nicht ausreicht, will heiraten? Wer ist 
die Unglückliche?“ 
„Eure Majestät sind sehr gnädig. Meine zukünftige 
Gattin ist eine Wäscherin, die den schönen Namen 
Jeannette führt und verstanden hat, sich mit ihrer 
Hände Arbeit zweihundert Dukaten zu sparen.“ 
„Als Ihre Gattin wird sie nicht mehr zum Sparen 
kommen“, lachte der König. „Aber bestellen Sie der 
Wäscherin Jeannette, daß ich ihr aus meiner Schatulle 
tausend Dukaten Mitgift bewillige. Ich will nicht, daß 
meine neue Cousine Hunger leidet. Keinen Dank, 
Dufresny — er gebührt Heinrich dem Vierten.“ 
Und Ludwig der Vierzehnte schritt lächelnd weiter, 
während sein Hof sich tief verneigte. Wie der Wind 
stürmte der Diener nach Hause. Er winkte freundlich 
der alten Gemüsehändlerin zu, blieb einen Augenblick 
im Bäckerladen stehen: 
„Gott, was Sie wieder für ein schönes Kleid anhaben, 
Fräulein Liese. Sie sind entzückend frisiert, Fräulein 
Marguerite“ — und den Sperlingen, die auf der Straße 
lustig umherhüpften, warf er Brotkrumen zu ... . 
Mit der Miene eines Mannes, der weiß, was er wert 
ist, sitzt der Garteninspektor Dufresny jeden Tag in der 
verräucherten Taverne des Hotels „de Nesles“ und 
spielt mit anderen Kavalieren Landsknecht, während zu 
Hause seine Frau eifriger als je wäscht und an ihren 
Cousin denkt, den König Ludwig den Vierzehnten . . . .
        
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