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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaSrg. 27 
Nr. 4 
6 
Das Ci des l^oCumbus 
Ja Clus T^nopf . 
ls Rosemarie ihre Freundin Ursula in 
ihrem molligen Heim aufsuchte, prallte 
sie entsetzt zurück. Sie fand die junge 
Frau verstört, mit bleichem Gesicht und 
umflortem Blick 
„Aber Ursula“, rief Rosemarie voller 
Besorgnis, „was ist denn mit dir ge 
schehen? Fünf Wochen bist du erst ver 
heiratet, du hast einen Mann, den du 
liebst — er ist übrigens entzückend, 
dein Mann und trägt dich auf Händen, ich weiß es. — Da 
hast eine wundervolle Wohnung, dein Mann verdient eine 
Unmenge Geld, so daß du leben kannst, wie eine Filmprin 
zessin, — was also hast du an deinem Schicksal auszusetzen, 
daß du einen derartig jammervollen Eindruck machst?!“ 
Ursula senkte den Blick, schwieg einige Augenblicke, man 
sah es ihr an, daß sie mit einem Entschlüsse kämpfte, dann 
fiel sie der Freundin um den Hals und schluchzte: „Ach, 
Rosemarie, ich bin ja so glücklich und doch so unglücklich!“ 
„Überspannt bist du!“ meinte die erfahrenere Freundin 
überlegen. „Glücklich und dabei unglücklich? Daraus soll 
einer klug werden. Bitte, drücke dich gefälligst ein bißchen 
deutlicher aus.“ 
„Das werde ich gleich — aber erst nimm Platz, es dauert 
ein Weilchen, bis ich dir alles erzählt habe, was mein Herz 
beschwert.“ 
Die beiden Frauen setzten sich, Rosemarie knabberte von 
den Kuehchen, die in der silbernen Schale auf dem Tisch 
lagen, und Ursula begann: „Was dir so rätselhaft erscheint — 
mein blasses Aussehen, meine Abgespanntheit, meine Klagen 
— das alles werde ich dir sofort erklären. Ich sehe müde aus, 
weil ich ja, nun weil ich die Nächte nicht schlafe.“ 
Rosemarie lächelte verständnisvoll. 
„Ja, ja, liebes Kind, das ist so die Leidenschaft der ersten 
Wochen. Aber, glaube mir, das gibt sich. Das legt sich bald 
— beim Mann. Leider! Ich weiß das aus Erfahrung.“ 
Sie seufzte schwer und blickte melancholisch. 
Dann fuhr sie fort: 
„Also wenn es nur das ist, liebe Ursula —“ 
Doch Ursula klärte sie auf: 
„Wenn es das wäre — bist du wirklich so naiv, zu glauben, 
daß ich mich darüber beklagen würde?“ 
Sie lächelte spitzbübisch. 
„Das wäre ja geradezu sündhaft!“ 
Ernster fuhr sie fort; 
„Nein, das ist es nicht. Etwas ganz anderes ist es, etwas 
Unangenehmes, Scheußliches. So höre! Mein Mann ist der 
beste Ehegatte der Welt, zart, vornehm; ein Kavalier, den ich 
liebe und der mich verehrt. Er ist ein Muster von Solidität, 
spielt nicht, trinkt nicht, geht in keinen Klub. Kurz, er ist 
das Ideal eines Ehemannes. Aber er besitzt einen Fehler, für 
den er zwar nichts kann, der mich aber peinigt, der mir den 
Schlaf raubt und die Nervosität bringt: — mein Günter 
schnarcht. Nun weißt du, warum mir die Nächte qualvoll 
sind. Statt der Erholung jagen sie mir die Mattigkeit in die 
Glieder. Rate mir, Rosemie, hilf mir! Was soll ich tun?“ 
Rosemarie überlegte einige Minuten, dann fragte sie: „Weiß 
dein Günter, daß er schnarcht?“ 
„Gewiß, ich hab’s ihm gesagt.“ 
„Na, und hat er nichts dagegen getan? Es muß doch ein 
Mittel geben.“ 
Trübe schüttelte Ursula das schöne Haupt. „Nein, Rosemie, 
es gibt nichts. Alles hat er bereits versucht, mein Günter. 
Die verschiedensten Kapazitäten hat er konsultiert, doch kein 
Arzt vermochte dem Übel zu steuern. Der eine riet ihm, 
beim Schlafen den Kopf sehr hoch zu legen, der andere ver- 
ordnete eine kalte Dusche vor dem Schlafengehen, der dritte 
einen Frießnitz-Umschlag. Einer verschrieb ihm die teuersten 
Medikamente, ja, ein berühmter Professor verordnete, daß 
Günter sein Riechorgan mit Gänseschmalz salben sollte. Denke 
dir, — Gänseschmalz! Wo das Pfund ein Vermögen kostet. 
Aber nichts hat geholfen. Im Gegenteil, je mehr mein Mann 
herumdokterte, desto fürchterlicher schnarchte er. Sobald er 
jetzt einschläft, verübt er ein förmliches Schnarchkonzert. 
Selbst der Polyp, den er sich heroisch aus der Nase beizen 
ließ, schien nicht die Ursache des Schnarchens zu sein. Es 
ist unmöglich, ihn von diesem Übel, das ihn ja nicht stört, 
für mich aber entsetzlich ist, zu befreien.“ 
Die junge Frau hielt erschöpft inne, flinke Tränen füllten 
ihre schönen Augen, sie schluchzte ganz herzzerreißend. 
Tröstend streichelte die Freundin sie und meinte er 
munternd: „Gräme dich nicht, Kind, es muß sich doch ein 
Ausweg finden, laß mich nur ein wenig nachdenken.“ 
Voller Hoffnung atmete Ursula erleichtert auf, trocknete 
mit dem feinen Battisttuch die leicht genäßten, schönen, 
träumerischen Augen und sah die Freundin erwartungsvoll 
an. „Ach, Rosemarie“, frohlockte sie, „wenn du es fertig 
bekämst, mir irgend einen rettenden Fingerzeig zu geben, — 
ewig dankbar würde ich dir sein. Ja, ewig!“ wiederholte sie 
mit überzeugendem Pathos, voll Zuversicht auf die Intelligenz 
der erfahrenen Weltdame bauend. 
„Also die gepriesenen Mittel gegen die Schnarchsucht hat 
dein Günter schon sämtlich durchprobiert?“ vergewisserte 
sich Rosemarie nochmals. Ursula nickte bestätigend. 
„Hast du ihn nicht öfter geweckt, wenn er schnarchte?“ 
„Natürlich habe ich das getan. Das kannst du dir doch 
denken! Aber wenn ich ihn stupste und weckte, dann drehte 
er sich auf die andere Seite und schlief weiter. Ein paar 
Minuten still und ruhig, so daß ich schon frohlockte, aber 
nach einer Viertelstunde schnarchte er wieder wie ein ganzes 
Sägewerk, und mein Jammer begann aufs neue. Günter meinte 
zwar, schließlich würde ich mich daran gewöhnen, wie an 
das Ticktack der Wanduhr und das Bimmeln der Straßenbahn 
— aber bis jetzt ist es noch nicht geschehen. Das Herz ge 
wöhnt sich zwar an die Liebe, doch das Ohr nicht ans 
Schnarchen. Wenn du also weiter nichts weißt, liebste Rose 
marie, dann wirst auch du mir nicht helfen.“ 
„O doch“, fiel die Freundin lächelnd ein. „Laß mich nur 
noch weiter überlegen; es muß sich doch etwas finden lassen, 
das dieser entsetzlichen Quälerei ein Ende macht. Aus so 
mancher schwierigen Situation habe ich bereits einen Ausweg 
gefunden — es sollte mich wundernehmen, wenn ich dir nicht 
auch hier den Ariadnefaden gebe, der durch dieses Labyrinth 
führt.“ 
Schweigend saßen die beiden jungen Frauen in den weichen 
Sesseln und hingen ihren Gedanken nach. Die eine dachte 
an ihren schnarchenden Günter, den sie trotz allem heftig 
liebte und dessen Zärtlichkeiten ihrer liebebedürftigen Seele 
so Wohltaten, die sie auch nie und nimmer missen mochte, — 
die andere grübelte darüber nach, wie sie der empfindsamen 
Freundin helfen könne. 
Plötzlich leuchteten ihre Züge auf, sie warf stolz das Haupt 
zurück und rief freudig: „Ursel, Urselchen, ich hab’s, dir soD 
fortan der schmerzlich entbehrte Schlaf werden!“ 
„O du Gute!“ jubelte Ursula glücklich, „was muß ich tun? 
Sag’s, und es soll sofort geschehen!“ 
.„Ganz einfache Sache, Liebste, sozusagen das Ei des 
Kolumbus. Eure Wohnung ist ja groß genug, dank dem 
Wohnungsamt, das manchmal mit Blindheit geschlagen scheint. 
Ihr nehmt einfach getrennte Schlafzimmer. Dann kann dein 
Günter schnarchen,^so viel und so stark er mag, — dich soll's 
nicht mehr stören.“ 
Dann erhob sie sich, küßte die Freundin und empfahl sich. 
Drei Wochen später trafen sich die Damen im Theater. 
„Nun“, fragte Rosemarie, „hast du meinen Rat befolgt?“ 
Ursula wurde puterrot, schlug die seelenvollen Augen nieder, 
bastelte an ihrem Lorgnon und stotterte: „Ja, — ja, allerdings. 
Aber doch nur für ein paar Tage. Weißt du, so allein im 
Zimmer — die ganze Nacht — vom Schlafengehen bis zum 
Aufstehen — die beiden Zimmer sind nämlich durch den 
Korridor getrennt und mein Günter ist viel zu bequem, als 
daß er — nein, da zog ich bald wieder um. Denn das 
Schnarchen ist mir da schließlich doch das kleinere Übel. — 
Und dein Ei des Kolumbus war ein faules Ei!“
        
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