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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

A’r. 31 
Jafirg. 27 
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damit sie dir folgen kann ... Sie wird sehen wollen, 
wohin du gehst!“ 
„Ich muß gestehen, der Plan ist in einer Weise aben 
teuerlich . . .“ 
„Hör’ bitte erst den Schluß! — Du wirst in den 
Garten hinuntersteigen und langsam zur rückwärtigen 
Pforte gehen. Hinter der Laube, am Ende des Gartens, 
verschwindest du rasch und i c h trete an deine Stelle. 
Das ist bei dem Schatten an der Mauer leicht möglich. 
Wenn ich dann die Pforte aufschließe, wird deine gute 
Frau herbeieilen und ihren vermeintlichen ungetreuen 
Ehegemahl beim Schlaffitchen nehmen . . . und er 
kennen, daß es nur der harmlosere Freund ist, der die 
Erlaubnis hat, im großen Strobbingschen Garten zu 
jeder Tages- und Nachtzeit wandeln zu dürfen . . . 
Dich wird sie dann friedlich schlafend im Bett 
finden . . . .“ 
Rolf Strobbing schüttelte den Kopf. 
„Du bist vom Theater, Lothar . . . ein ausgezeichneter 
Regisseur, das muß ich sagen! Ich fürchte, daß deine 
Regiekunst in unserem Falle versagen wird!“ 
„Sie wird es n i c h t! Es müßte dann an deinem 
guten Willen liegen!“ 
„Das soll es nicht! Ich habe nur die Bedenken, daß 
Edith, die einen festen Schlaf hat, mein Entschlüpfen 
aus dem Schlafzimmer gar nicht merken wird!“ 
„Bedenke, deine Frau ist eifersüchtig!“ 
„Ja, das ist sie . , . Leider . . .“ 
„Sie wird aufpassen .. . argwöhnen und dir folgen, um 
dich zu beobachten und, wenn möglich, in flagranti zu 
ertappen!“ 
„Ganz schön, aber . . .“ 
„Immer noch ,aber‘, Rolf?“ 
„Was machst d u dann, wenn sie dich findet?“ 
„Das laß nur meine Sorge sein . . . ich bin ja vom 
Theater . . . und verstehe mich auf Situationen . . .“ 
Lothar Wildheim wußte den Freund endlich zu über 
reden . . . und das scherzhafte Hineinlegen der eifer 
süchtigen Frau Edith war für die nächste Nacht 
geplant . . . 
Mit Händedruck schieden die Freunde. 
* 
Mit fatal sichtbarer, aufgeregter Erwartung ging Rolf 
Strobbing zu Bett. Allein Frau Edith schien nichts zu 
merken, nichts zu ahnen und war nur kalt und eifer 
süchtig-böse in ihrem Gesichtsausdruck und Gebaren. 
Worte wechselte man nicht. 
Das Licht erlöschte. 
Eintönig drang das helle Stimmchen der Schlaf 
zimmeruhr zu dem reglos liegenden Manne. Stunde 
um Stunde verrann ... Endlich war es ein Uhr. 
Er richtete sich auf, drehte das Licht an und blickte 
ins andere Bett. Die Frau schlief. 
„Edith“, rief er halblaut . . . und noch einmal: 
„Edith“, da sich nichts regte. Kauernd saß er im Bett. 
Als er beim zweiten Rufe ein leichtes Innehalten des 
ruhigen Atems bei der Frau feinhörig merkte, erkannte 
er, daß der Freund richtig taxiert hatte! 
Die Frau war wach . . . und verbarg es. 
Leise, in auffäliger Hast, kleidete er sich an . . . und 
entschlüpfte alsdann durch die Tür nach dem Flur 
hinaus. 
Hier verweilte er augenblickslang lauschend und ver 
nahm, daß sie ihm folgte . . . 
Langsamer, befreiter als bisher und doch erwartungs 
voll, verließ er das Haus, schloß die Tür gemächlich auf 
und ließ sie, eingedenk seiner Rolle und der damit ver 
bundenen Absicht, unverschlossen hinter sich. 
Ob sie weiter folgte? 
Er wagte nicht, sich umzublicken; doch als er im 
Garten den Kies hinter sich leise knirschen hörte, 
wußte er, daß die Eifersüchtige wirklich in die Falle 
ging, die ihr von dem Freunde gestellt worden war. 
Da war die Laube, in deren Nähe, in der Garten 
mauer, sich die Pforte befand. 
Eine flüsternde, erregte Stimme fragte durch die 
Dunkelheit: 
„Bist du es, Rolf? Ja? Rasch .. , so . - . und nun hier 
diesen Weg zurück. Vorsichtig, damit sie nichts merkt!“ 
Huschend verschwand eine Gestalt . . . eine andere 
blieb. Rolf Strobbing und Lothar Wildheim waren 
leichgroß, und sie hatten, um die Täuschung voll- 
ommen und glaubhaft zu machen, gleiche helle Haus 
jacken über dunkle Beinkleider gezogen. 
Frau Edith eilte herbei. 
An der Pforte schloß jemand . . . die Gestalt eines 
Mannes stand dort. 
„Wohin denn zu einem so späten Besuch, mon eher 
ami?“ höhnte Frau Edith mit deutlich vernehmlicher 
Stimme, als sie heran war. 
Der Mann wendet sich. Ein flüsternder, freudvoller 
Aufschrei: 
„Edith!“ 
„Lothar!“ 
„Gelungen, Herz! Dein vielgetreuer Mann ist glän 
zend auf den Leim gekrochen und flüchtet zurück.“ 
Lachen zwitscherte. — — — 
Dann stand im Rahmen des Schlafzimmers Frau Edith 
mit starren Augen. 
„Rolf!“ 
Steil saß Rolf Strobbing im Bett, als habe er sich eben 
aufgerichtet. 
„Edith ... ?! Wo kommst du her . . .? Was ist ge 
schehen mit dir . . . ?“ versuchte er sich gemäß den An 
ordnungen des Meisterregisseurs schauspielerisch. 
So entging ihm die eigentümliche Befangenheit der 
Frau, die in Abwehr die Hände ausstreckte. 
„Sprich nicht, Rolf . , . bitte, sprich nicht . . . frage 
nichts, wenn du mich liebst!“ bat sie mit einer Zer 
knirschtheit, die echter klang als des Mannes Erstaunen. 
Die Augen des Mannes schlossen sich in Entzücken 
— da er die Frau beschämt und reumütig zurückkehrend 
glaubte und sie geheilt von ihrer Eifersucht wähnte. 
Herrlicher Freund! 
Wo gab es einen solchen? — — — 
Lothar Wildheim, der gar getreue Freund, saß daheim 
und erdachte bei Likör und Beruhigungszigarre einen 
neuen, erfolgreichen Trick, der sich den geglückten seit 
herigen würdig anschloß ... noch in derselben Nacht . ..
        
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