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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 31 
Jafirg. 27 
Sache.“ Lässig lehnte sie sich in die Kissen des Lehn 
stuhles zurück. 
Es war ein schönes Gesicht, das zu ihm hinüber 
blickte. Nicht mehr jung, aber auch nicht von den 
Spuren des Alters berührt. Nur ein paar graue Fäden, 
die durch die braunen Haare liefen, ein paar winzige 
kleine Fältchen an den Schläfen, ließen auf Jahre 
schließen. 
„Meine gnädige Frau —“ er ließ seine Augen in dem 
schönen, behaglich eingerichteten Herrenzimmer um 
herwandern — „ich sehe keine Unordnung, ich glaube 
sogar, es würde Ihren Hausfrauenaugen schwer fallen, 
ein Stäubchen zu entdecken. Wenn Ihr Gatte in einer 
halben Stunde erscheinen wird, werden wir an einem 
tadellos gedeckten Tisch sitzen. Man wird uns ein 
Essen vorsetzen, an dem Sie, gnädige Frau, wie ich 
hoffe, nichts auszusetzen haben werden. Es wird den 
Vorschriften eines gut geführten Haushalts ent 
sprechend serviert werden —“ 
„Das ist alles richtig — trotzdem — oder gerade des 
wegen sollten Sie heiraten. — Wie gut würde hier eine 
Frau hineinpassen.“ 
„Ach soo — Sie haben mehr an eine unversorgte 
Frau, als an mich gedacht!!“ 
Ein flüchtiges Rot lief über ihre Wangen. „Zunächst 
habe ich an Sie gedacht. Sie wissen doch, die Frau ist 
die Krone der Schöpfung.“ 
„Krone — ja—“ fiel er ihr ins Wort — „für mich 
der Reif und für meine Freunde die Edelsteine.“ 
Als sie. ihn befremdet ansah, fuhr er fort: „Ich hatte 
einen Freund, der verheiratete sich. Es war eine Heirat 
aus Liebe. Von beiden Seiten. Nach einem halben 
Jahre gehörte die Frau mir.“ 
„Ein Beweis, daß Sie ein schlechter Mensch sind.“ 
„Schlecht? Sollte ich die kleine Frau verschmachten 
lassen? Sie hatte mir geradeheraus erklärt, daß sie 
mich liebe und daß sie nicht verpflichtet sei, ihrem 
Mann treu zu sein. Sie hatte es wohl herausbekommen, 
daß er mir meine Freundin abspenstig gemacht hatte. 
Also quitt. Sie verstehen? Ein Anderer verliebte 
sich in ein Mädchen. Sie war jung, sehr schön, aber 
arm. Sie täuschte ihm Liebe vor. Denn als sie ein 
Jahr verheiratet waren und ein Sohn in der Wiege lag, 
erfuhr er, daß sie einem anderen angehörte, schon 
lange — und daß sie nie aufgehört hätte, ihn zu lieben. 
Heiraten hätten sie nicht können, weil er nicht im 
stande war, sich eine Existenz zu schaffen. Und noch 
ein Fall. S i e hatte keine Ahnung von dem Wert des 
Geldes. Gab aus — verschwendete. — Das ganze Ver 
mögen ihres Mannes hatte sie in einem Zeitraum von 
zwei Jahren durchgebracht — es war kein kleines Ver 
mögen. — Er hatte nicht den Mut, von neuem zu be 
ginnen. — Darum schoß er sich eine Kugel durch den 
Kopf. — Soll ich Ihnen noch mehr Beispiele erzählen, 
meine gnädige Frau?“ 
„Sie suchen ein paar krasse Fälle hervor, um sich 
selbst zu schrecken. Glauben Sie mir, es gibt auch 
Ehen, die glücklich verlaufen.“ Ihre Stimme klang 
ein wenig ärgerlich. 
„Ich erschrecke mich nicht — sondern man schreckt 
mich. Eine glückliche Ehe? Gewiß, auch die gibt es 
— aber — es ist wie mit einem Lotterielos. —_ Ich habe 
keine glückliche Hand — ich habe noch nie in der 
Lotterie gewonnen.“ 
„Ja, — nun ja —“ rief sie ihm zu „in den meisten 
Fällen ist die Ehe eine Enttäuschung —■ doch — man 
lernt sich bescheiden.“ Eine leise Resignation lag in 
dem Ton, mit dem sie sprach. 
„Da haben Sie den Punkt, der es uns schwer macht, 
unser Junggesellentum aufzugeben. Sich bescheiden! 
Wir haben es nicht nötig! Über Enttäuschungen gleiten 
wir hinweg, greifen nach anderem, das sich uns immer 
wieder neu gestaltet — und darum — gnädige Frau — 
Mensch, sei helle, bleib’ Junggeselle!“ Er ergriff das 
kleine grüne Herz, das zwischen ihnen auf dem Tisch 
Brüning 
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