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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jaßrg. 27 
Nr. 31 
SÄTTEL DESTßBENS'’ 
■INE GAh 
ia war eine junge Schauspielerin 
von 28 Jahren ...... elegant, 
graziös; in jedem Stück eine 
andere: kokett, naiv, brutales 
Weibchen, mütterlich . . . kein 
Schaustück — eine Künstlerin! — 
Es verliebten sich: Bürger, Schau 
spieler, auch Dichter und andere 
Schwärmer. 
Es war nicht leicht: jung, schön, temperamentvoll und 
begabt zu sein! — 
Ein Freund war da, jung, geistvoll, aber arm und be 
friedigte nicht ganz. 
Es erschien ein sehr reicher, nicht zu junger, sym 
pathischer Bürgersmann als ehrbarer Heiratskandidat. — 
Endlich wurde ein Abkommen spruchreif: sie durfte 
weiterspielen gegen die Verpflichtung, auf der Bühne 
nur andeutungsweise zu umarmen, zu küssen, zwei 
Normalmännerfinger Distanz! — Der Freund war über 
sehen worden. 
Und so führte ER sie also zum Standesamt. — 
Ria hatte Ferienflitterwochen ... 
Dann: ER folgte ihr, brachte sie zum Theater, war im 
Theater (stand immer und überall im Wege —) brachte 
sie vom Theater heim . , . grollte und eifersüchtelte 
mit ausdauerndem Behagen. — — Der Freund ver 
zagte. — 
In ihrer Garderobe kam der Freund eines Tages zu 
Besuch, er wollte, er mußte ihr ein Gedicht ... Er 
entdeckte das Schrecknis und verging, tooooobte ..... 
Ria weinte, der Freund floooh . . . 
Krach gab es: ER schrie Sittlichkeit, die Kollegen 
lachten, der Direktor verbat sich den Lärm. 
Lächerlich geworden, mußte ER in Zukunft vor dem 
Bühneneingang umkehren; seine Eifersucht aber feierte 
Orgien in ausschweifender, unkontrollierbarer 
Phantasie .... 
Drei Tage später konnte ER Ria nicht von der Probe 
holen, ER hatte am Abend zuvor im Tauschnee eine 
halbe Stunde Ria und einen Schnupfen erwartet. — 
ER lag zu Hause, Uhr in der Hand, sehn- und eifer 
suchtsgemartert. — 
Ria kam nicht! 
Ria eilte von später Probe heim — vorwurfgefaßt. 
Der Freund — endlich allein — raste mit. Da stand 
mitten auf der Straße eine Katze. — 
Eine Katze! — Eine schwarze Katze!! 
RENTE GESCHICHTE 
1CHTER 
O Graus! 
Ich muß nach Haus!!! 
Rias Schritt verhielt . . . Der Freund war ratlos. 
Die Katze drohte ihren Weg zu kreuzen!! 
Ria gedachte eine Seitenstraße zu gewinnen . . . doch 
... je schneller ihre Bewegungen wurden, umso näher 
kam die Katze , , . 
Ria schaute furchtentsetzt die grauenvolle, schwarze 
Katze an . . . 
Der Freund machte in plötzlichem Entschluß: seht! 
Die Katze schielte feindselig , , . wölbte den Rücken, 
steilte den Schwanz ... 
Ria betetetetete und wehrte dem Freund . . . 
Die Katze schnurrte drehte sich! — 
Ria seufzte erleichtert auf, ging, der Freund lachte 
befriedigt. 
Die Katze die grauenvolle, ekelhafte, schwarze 
Katze wendete sich wieder plötzlich um, tat einen 
Sprung! 
Ria schrie die Katze stand . . ., der Freund 
faßte sich ans Herz — •— 
Ria starrte, die Katze starrte 
Ein Leichenwagen fuhr vorüber. — Der Freund 
zitterte, Ria weinte leise, die Katze zuckte .... 
Nach einer halben Stunde entschloß sich die Katze! 
(Katzen sind heimtückische Biester —) 
Ria schrie, sprang in die Luft, drehte sich im 
Sprunge ... 
Der Freund sank fassunglslos in den Rinnstein ... — 
Ria kam weinend nach Hause 
ER tobte! Alle Erklärungen verhallten im Nichts 
seiner grandiosen Eifersucht ER 
Ria ging vertattert, verweint am Abend ins Theater! 
im Zweifel, ob ihre Unlust dem Theater, ihrer 
Ehe, dem Freunde, der Katze oder dem Leben gelte . . . 
ein Handspiegel entglitschte ihren erregten Händen . . . 
Sie bekam einen Schreikrampf ... 
Der Direktor tobte, die Aufführung stockte, der Bau 
widerhallte von Schreien . . . 
ER kam trotz Schnupfens im Auto daher, empfing die 
fassungslos schluchzende Gattin zu sorglicher Pflege . . . 
Der Freund stand weinend im dunklen Torgang ... — 
Das Auto überfuhr heimwärts eine Katze . . . eine 
schwarze Katze, die mitten auf der Straße stand . . . 
Wenn dasselbe Auto dieselbe Katze genau acht 
Stunden früher . . . 
Rätsel des Lebens!? ... 
sei fvzde,, ‘Junggeselle, 
J. M. 
ensch, sei helle, bleib’ Junggeselle“ — 
lächelnd sah er auf das kleine grüne Herz, 
das er in der Hand hielt, auf dem die Worte 
in weißen Lettern, umgeben von einem Kranz 
gemalter Rosen, standen. 
Aus einem kleinen Paket, das ihm der Postbote in 
das Haus gebracht, war es auf den Tisch gefallen. 
Stumm, während sich sein Lächeln noch vertiefte, 
reichte er es der Gegenübersitzenden. 
Es war eine wohlgepflegte Hand, die danach griff. 
Weiß und schlank. Kostbare Ringe an den Gelenken. 
Die grauen Augen blitzten zornig, als sie den Spruch 
gelesen. Die Lippen kräuselten sich in leichtem Spott. 
„Und wer erteilt Ihnen einen solchen Rat?“ 
„Eine gute Freundin.“ 
„So hat eine gute Freundin Ihnen einen schlechten 
Rat erteilt, mein Lieber.“ 
„Sie ist eine kluge und welterfahrene Frau, diese 
Freundin.“ 
„Sie wissen doch, Ratschläge sind dazu da, um nicht 
befolgt zu werden.“ 
„In diesem Falle aber werde ich ihn befolgen.“ 
Sie zuckte die Schultern. „Lächerlich! Diese schöne 
Häuslichkeit ohne Frau — das ist doch nur eine halbe
        
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