Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 4 
JaBrg. 27 
5 
Stine die geflickte Stelle an seiner Hose — seiner besten Hose, 
Wie er erregt hinzufügte. Die Rührung über diesen Vorfall 
war eine allgemeine und bewog Pastor Oversen, zu Stines 
Vorschlag, sie wolle sofort mit Gustav an die Stelle, an der 
sie den Schlüssel erblickt, gehen, seine Zustimmung zu geben. 
Nun war es natürlich längst zu dunkel, als daß Stine die 
Stelle wiedergefunden hätte, und ebensowenig besann sich 
Gustav darauf, wo er gestern gestürzt war; so dunkel war es 
jedoch nicht, daß sie nicht ein Hollundergebüsch entdeckt 
hätten, unter dem sie sich niederließen. Unter den besänftigen 
den Zärtlichkeiten Stines überwand Gustav nach und nach die 
Trauer über den Verlust des Schlüssels: Stine ihrerseits, deren 
Gemüt von Reue und Scham über ihre Ungeschicklichkeit 
erfüllt war, vermochte die Kühnheit der Angriffe, die Gustav 
auf sie unternahm, nicht so geschickt abzuwehren wie an den 
hellen Nachmittagen oder unter der schützenden Anwesenheit 
der wenn auch schlafenden Eltern. Der Atem der Mainacht, 
der Duft des Hollunders taten ein übriges — — kurz, es 
gelang Gustav, den Gürtel des Mädchens zu lösen und sich 
des Schlüssels zu ihrer Jungfräulichkeit zu bemächtigen. 
Beim Überklettern des Zaunes und dem Einsteigen des 
Fensters stellte Gustav fest, daß die Mühsal der Heimkehr 
diesmal wenigstens lohne; nächsten Morgen stand er äußerst 
zeitig auf und reiste bereits Vormittag, von den Segens 
wünschen und einigen geräucherten Würsten des Vaters be 
gleitet, nach Upsala, wobei er sich sehr männlich vorkam und 
wodurch der Verlust des Hausschlüssels für die nächsten 
Monate ohne Bedeutung war; denn seine Stube in Upsala 
schloß natürlich ein ganz anderer Schlüssel. 
Den Schlüssel jedoch hatte bereits am selben Abend Aal 
brinks Magd Karin gefunden, als sie vom Felde mit den 
anderen Mägden und Knechten heimkehrte, und ihn sofort als 
zum Hause ihres Bauern gehörig erkannt; listigerweise behielt 
sie den Fund für sich und vertraute ihn Johann an, der des 
benachbarten Müllers Loen Großknecht war und mit dem sie 
schon seit einigen Wochen auf vertrautem Fuße stand. Dies 
hatte zur Folge, daß Johann gegen Mitternacht in Karins 
Kammer gelangte, wo die Magd den Schlüssel zu ihrer Herr 
lichkeit ihn mit geringerem Sträuben auslieferte als gleich 
zeitig Stine Gustav unter dem Hoilunderbusch. — 
Übrigens heiratete weder Johann Karin noch Gustav Stine. 
Karin hatte das gar nicht erwartet; und die Folge des Er 
lebnisses lief bereits zur Schule, als sie den Kleinbauern 
Torsten Lomark ehelichte. Stine allerdings schrieb eine Reihe 
von Brandbriefen nach Upsala, die Gustav dort als Fidibusse 
für seine Pfeife verwandte und keineswegs beantwortete — 
konnte ein Theologe ein Mädchen heiraten, das so leicht 
sinnig mit Schlüsseln umging? — so daß Stine Oversen in 
höchster Drangsal und Eile dem benachbarten Brauer Hejer- 
man aus Helmstaed, dem Hauptort des Bezirks Kronborg, 
einem starken, breitschulterigen Manne, der sie seit langem 
umwarb, die Hand reichte und ihm sieben Monate nach der 
Hochzeit schon einen Jungen gebar, was der Ehemann mit 
schmunzelndem Prahlen quittierte; er brächte eben in sieben 
Monaten zusammen, wozu andere Leute neun Monate 
brauchten. 
Sehr erfreut über die Folgen des seinerzeit verlorenen Haus 
schlüssels zeigte sich auch zwanzig Jahre später der Major 
der dritten Kompagnie des zweiten Füsilierregiments, der fest 
stellte, daß der Militärbezirk Kronborg dem König von 
Schweden wahre Prachtexemplare von Soldaten stelle, und den 
Brauerssohn Gustav Hejerman aus Helmstaed zum linken 
Flügelmann des zweiten Zuges, den Bauerssohn Peter Lomark 
zum rechten Flügelmann des vierten Zuges bestimmte. 
Mimose 
Kirchbach
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.