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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 31 
Jahrg. 27 
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das Bild da oben — Tintoretto, taxiere ich? Sehen Sie, 
ich hab’s ja gewußt.“ Zufrieden kreuzte Mia die Füße 
und Helly Gering nahm, wider Willen, ihr gegenüber 
Platz, so daß das volle Licht der kleinen, aber scharfen 
Lampe auf ihr Gesicht fiel. 
„Darf ich erfahren, gnädige Frau?“ — 
„Natürlich sind Sie neugierig, warum ich Sie so mir 
nichts dir nichts besuche — Gott, man hat so manch 
mal Einfälle. Ich habe keine Lust, Ihnen irgend etwas 
vorzulügen, man lügt überhaupt nur, wenn man un 
sicher ist. — Sind Sie unsicher, Fräulein Gering?“ 
„Ich verstehe Sie nicht, gnädige Frau.“ 
„Doch, Sie sind unsicher, denn Sie belügen mich. 
Das ist nicht hübsch von Ihnen, ich hätte Sie für ge 
schickter gehalten. Sie wissen sehr gut, warum ich hier 
bin.“ 
Ihre Augen saugten sich an dem hübschen Gesicht 
des blonden Gegenübers fest. Eine Blutwelle schoß 
Helly Gering ins Gesicht. Aufatmend lehnte sich Mia 
zurück. Sie öffnete ihre Tasche und nahm spielerisch 
die kleine, glitzernde Waffe in die Hand. Unter ner 
vösem Aufzucken fuhr Helly Goring halb in die Höhe, 
Mia sah sie an, lachte leise und schob den Revolver 
wieder in die Tasche zurück. 
„Sehen Sie, wie gut Sie wissen, warum ich hier 
bin? — Tun Sie mir einen Gefallen, Kind. Erzählen 
Sie mir etwas — ich möchte wissen, wes Geistes Kind 
Sie sind.“ Und als Helly Goring ein abweisendes Ge 
sicht machte: „Sie haben noch eine halbe Stunde Zeit 
— vorausgesetzt, daß Sie nicht erst Toilette machen 
wollen. Aber das Hauskleid sieht sehr stilvoll aus.“ 
Helly Goring strich über die Stirn. War die Frau da 
verrückt? Was sollte die Waffe? Eifersüchtige Frauen 
sind zu allem fähig .... und wenn Frau Mia Fechner 
wirklich wußte — 
„Es scheint Ihnen sehr schwer zu fallen. Ich helfe 
gern ein bißchen nach. Also ich weiß von Ihnen, daß 
Sie vierundzwanzig Jahr und Waise sind, daß Sie Ver 
mögen und Geschmack haben und zu Ihrer persön 
lichen Unterhaltung mit vorläufig noch sehr unzu 
reichenden Mitteln bildhauerische Versuche machen.“ 
„Erlauben Sie, gnädige Frau — meine griechische 
Gruppe im Salon —“ 
„Ist von unseren ersten Kritikern glänzend ver 
rissen worden — ich selber hab sie mir noch nicht 
angesehen. Also vorläufig dilettieren Sie noch — 
wenigstens in dieser Hinsicht. In anderer — scheinen 
Sie bewanderter zu sein. Sie waren verlobt —“ 
„Gnädige Frau, ich müß sehr bitten —“ 
„Bitten Sie immerhin, liebes Kind.“ 
„Ihre Art, gegen mich aufzutreten, ist mir wirklich —“ 
„Peinlich. Selbstverständlich. Also Sie waren verlobt, 
hatten daneben ein nicht ganz aufgeklärtes Verhältnis 
mit unserm Akademieprofessor Runeck — und darum 
ging die ^Verlobung auseinander.“ 
„Halt!“ Helly Goring sprang auf und stand schlank 
Und elegant vor der schönen Frau. „Sie sind sehr un 
barmherzig, gnädige Frau.“ 
„Jetzt werden wir uns verständigen. Sie versprechen 
mir also —?“ 
Helly Goring schwieg. Abwesend sah sie vor sich 
hin. Hatte diese Frau da nicht recht, sie so zu erniedri 
gen? Und nicht recht, sie — zu bekämpfen? War es 
— Liebe, was sie zu Hans Fechner hinzog? Oder viel 
mehr die innere Ruhelosigkeit, der Drang des Weibes, 
einen Sklaven zu seinen Füßen zu sehen? 
Mia Fechner wartete sehr geduldig. 
Helly Goring stützte sich auf die Schreibtischplatte 
und sah ihre Feindin ernst an. 
„Ich bin nicht gewöhnt, so behandelt zu werden, wie 
Sie mich behandeln. Seien Sie überzeugt, daß ich 
Gründe aufzählen könnte —“ 
„Einen Augenblick!“ — Unterbrach Mia freundlich. 
„Ich sehe, Sie sind im Begriff, meinen Wünschen nach 
zugeben. Es ist wirklich nicht nötig, daß Sie Ihre 
Niederlage mit den üblichen Mäntelchen verkleiden. 
Wir sind Gegnerinnen, aber warum sollen wir uns 
hassen? Durchaus nicht. Ich biete Ihnen meine Hand, 
und es bedarf nur Ihres Gegendrucks, damit wir Freun 
dinnen werden.“ 
„Und der Revolver?“ fragte Helly Goring ernst. 
„Sie haben sich doch nicht wirklich — haha! — er 
schrecken lassen, von dem kleinen Requisit?“ 
„Frau Fechner — Sie haben etwas gegen Hans vor!“ 
Mia stutzte — einen Augenblick. Tausend Teufelchen 
spukten auf ihrem Gesicht, und als sie nach raschem 
Blick auf die Uhr festgestellt hatte, daß nur noch fünf 
Minuten an der Zeit fehlten, die Helly in ihrem Brief 
für das Rendez-vous festgesetzt hatte, atmete sie tief 
auf und sah Helly finster an. 
„Den Ehebrecher überlassen Sie mir — er wird seine 
gerechte Strafe erhalten!“ 
„Um Gotteswillen! — Frau Fechner —“ 
„Lassen Sie mich! Hüten Sie sich, uns zu folgen! Ich 
werde ihn untern treffen — im Auto, ich weiß, ich kenne 
seine Schliche —“ 
„Sie dürfen nicht!“ — Aber ehe Helly sie erhaschen 
konnte, hatte Mia sich losgerissen und stürmte wie 
eine Wilde aus dem Zimmer. Helly sank schwach in 
einen Sessel. 
* 
Dr. Hans Fechner spähte durch die Scheibe seines 
Autos. Verdammte Dunkelheit — man konnte absolut 
nicht unterscheiden, wer da aus dem Hause trat. Zu 
dumm, daß die blonde Helly den Anständigkeitsfimmel 
hatte — er mußte brav mit dem Auto draußen warten 
— damit nur ja niemand sah, wer sie abholte — hallo 
— da kam sie! Oder war sie es wieder nicht? Doch, sie 
kam auf das Auto zu. Er öffnete den Schlag und die 
Dame, das Gesicht hinter dem Schleier versteckt, stieg 
eilig ein. Das Auto fuhr an — der Chauffeur wußte 
Bescheid. „Erst Kö 10, dann zum „Cornelius“, hatte 
sein Fahrgast befohlen. 
Die Erwartete sank in das Polster und Hans Fechner 
faßte schmeichelnd nach ihrer Hand. 
„Lieb von dir — und wie pünktlich du bist. Ich kam 
vor einer Minute.“ 
Als keine Antwort kam, beugte er sich vor und um 
schlang sie. „Bekomme ich keinen Kuß?“ 
„Gern, Hansel.“ 
Die Dame hob den Schleier und im Schein einer 
Laterne sah Hans Fechner in das Gesicht seiner Frau. 
Im nächsten Augenblick war es wieder dunkel. 
Er ließ sie mit einem Ruck los. 
Blitzschnell überlegte er. Was wußte sie? — Alles, 
sonst wäre sie nicht hier. Und — Helly? 
Mia wartete. Er sprach nicht. 
„Aber so entschuldige dich doch wenigstens, Hansel“, 
sagte sie nach einer Weile aufmunternd. „Sonst be 
stelle ich dir auch keinen Gruß.“ 
„Gruß — von wem?“ 
„Von dem armen Mädel, dem ich dich heut weg 
geschnappt hab.“ 
Was war das? Er erwartete Anklagen, eine Flut 
von Tränen — und sie? Das klang so gutmütig, ein 
klein wenig überlegen spottend, aber ohne jeden Haß. 
„Mia“ — begann er weich, aber er stockte wieder. 
Was in aller Welt sollte er ihr sagen? 
„Wohin fahren wir denn eigentlich?“ erkundigte sich 
Mia neugierig. „Hoffentlich irgendwo ins Hotel. Ent 
zückend, man wird mich für deine Geliebte halten. Das 
macht mich ganz übermütig. Stell dir doch vor, wenn 
wir zufällig irgend einen deiner Freunde träfen — ich 
kenne sie ja alle nicht, du eifersüchtiger Tyrann, du hast 
mich ja wie eine Gefangene gehalten! — Also, stell dir 
vor, wir treffen Herrn X oder Y und er — hält mich —“ 
„Mia, bitte — beschäme mich nicht — ich —“ 
„Also, in welches Hotel, Hansel?“ 
„In gar keins“, sagte er ärgerlich. „Der Chauffeur 
fährt zum Cornelius.“ 
„Natürlich!“ rief Mia. „Daß ich daran nicht 
dachte. Zuerst kommt doch das Souper und dann—“
        
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