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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. 31 
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Das Steffdic^ein an der Kp 
s regnet, Hansel.“ Im Tone herzlichen 
Bedauerns, mit einem ganz kleinen, 
ironischen Unterton. Dr. Hans 
Fechner zog die Brauen zusammen. Er 
liebte es nicht, mit einem Schirm zu 
gehen, es sah so weibisch aus. 
„Anne soll nach dem nächsten Auto 
stand telephonieren, bitte, Mia, sag 
es ihr.“ 
Mia Fechner stand langsam auf und ging mit ihren 
ruhigen, frauenhaften Gebärden aus dem Zimmer. Mit 
einer schnellen, scheuen Bewegung sah Hans ihr nach. 
Sie war so sonderbar heut; den ganzen Nachmittag 
hatte sie sich bemüht, ihn zurückzuhalten. Sollte sie 
etwas . . . ? Einen Herzschlag lang stockte ihm der 
Atem. 
Mia kam mit gleicher Ruhe wieder in das Zimmer zu 
rück und setzte sich. Inzwischen war Hans mit dem 
Ordnen seiner wichtigen Akten fertig geworden und 
griff nach dem Hut. 
Als käme ihr ein neuer Einfall, sprang Mia plötzlich 
vom Stuhl auf: 
„Aber wenn du mit dem alten Rat fertig bist und die 
Sache bei Randells erledigt hast, wird es doch kaum 
später als neun sein! Du nimmst dir wieder ein Auto, 
— tu’s mir zuliebe, Hansel, — und dann können wir den 
Abend immer noch wunderschön verplaudern, gelt?“ 
Dr. Fechner sah in diesem Augenblick gar nicht 
liebenswürdig aus. 
„Aber, Kind, du mußt doch auch vernünftig sein. 
Glaubst du, ich komme von dem Rat so schnell weg? 
Wenn es sich um Dienstsachen handelt, muß man Ge 
duld haben. Geh hübsch früh zu Bett oder lies etwas — 
es geht doch nun einmal nicht anders! Auf Wieder 
sehn, Mia.“ 
Er umarmte und küßte sie schnell und trat rufend 
auf den Flur hinaus: 
„Nun, Anne, was macht das Auto?“ Soll gleich 
kommen? Schön, dann erwarte ich es unten!“ Seinen 
Gruß hörte Mia drinnen nicht mehr, denn das Schließen 
der Flurtür übertönte ihn. 
Mia Fechner ließ sich auf das Ruhebett zurücksinken, 
verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schloß die 
Augen. Eine kurze Weile dachte sie nichts: bunte 
Bilder durchwirbelten ihr Hirn, Landschaften in 
Sonnenglanz, Winterbilder, das wildbewegte Meer und 
schlanke Paare im Tanzsaal... dann zuckte ein blonder, 
pikanter Frauenkopf aus einem Gewirr von Rosen, 
hellen Teerosen, die diese Blonde lachend im Arme 
hielt. So hatte sie Helly Gering zum ersten Male ge 
sehen auf dem Künstlerfest . . . Helly Goring, die sich 
heute mit ihrem Gatten traf . . . und sich schon oft mit 
ihm getroffen hatte. 
Mit einem Ruck stellte Mia Fechner beide Füße 
nebeneinander auf den Teppich. Was fiel ihr ein? Sie 
mußte handeln, nicht träumen. Und dennoch zögerte 
sie einen Augenblick. Denn der weise alte Boblinski, 
der russische Maler, hatte einmal — nicht zu ihr, 
sondern im Kreise einer Gesellschaft, die sich um das 
Wesen der Liebe stritt, gesagt: „Man darf sich nie im 
Hafen fühlen, die Liebe will jeden Tag neu erobert 
sein!“ Das kam ihr in den Sinn wie eine Warnung und 
schien ihr gleich einem Steuerrad, das im letzten ge 
fahrbringenden Augenblick die Fahrt in die rechte 
Kurve bringt. 
Sie rief: „Anne!“ und lief eilig in ihr Schlafzimmer. 
„Anne, schnell: Das goldbraune Samtkleid mit der 
Brokatstickerei und die Brokatschuhe, den Abend 
mantel und den kleinen, türkischen Hut. Helfen Sie 
mir, schnell, schnell, ich muß in einer Viertelstunde 
fertig sein.“ 
„Aber gnädige Frau haben doch vorher gar nichts —■“ 
„Wundern Sie sich später, Anne, jetzt Tempo.“ 
Das helle Hauskleid glitt zur Erde, Wäsche flog durch 
die Luft und landete auf Bett und Stuhl, kleine, nied 
liche Schuhe schlidderten geräuschlos über den Fuß 
boden. Und inmitten all der Unruhe stand die 
schöne, schlanke, reife Frau mit dem kastaniendunklen 
Haar und schmiedete Rachepläne gegen ihren Gatten, 
den Verräter, und Hegen die Frau, die ihn ihr nahm . . . 
ihre goldbraunen Augen blitzten und ihre Brauen zogen 
sich kriegerisch zusammen, indes sie sich schmückte. 
„So, Anne, jetzt tun Sie mir den gleichen Gefallen 
wie meinem Mann und telephonieren Sie nach einem 
Auto — geschwindestens, meine Gute. Und heut abend 
brauchen Sie weder auf meinen Mann noch auf mich 
zu warten — wir speisen auswärts.“ 
Kopfschüttelnd gehorchte Anne. 
Mia trat vor den Spiegel, der ihr Bild schön und reich 
zurückwarf. An ihren Händen funkelten Diamanten 
und in ihren kleinen Ohren glänzten sanft zwei 
Perlen. Sie warf den Abendmantel um und gerade, als 
sie gehen wollte, fiel ihr noch etwas ein. Um den 
schönen roten Mund zuckte ein grimmiges Lächeln. 
Sie trat in das Nebenzimmer an den Schreibtisch ihres 
Gatten und entnahm ihm einen Taschenrevolver, den 
sie tief in ihre gestickte Handtasche versenkte. 
Das Auto wartete unten. 
„Nach der Kö“, sagte sie halblaut zum Chauffeur, 
„Kö 10“. 
„Frau Doktor Fechner möchte das gnädige Fräulein 
sprechen.“ 
Helly Goring trat einen Schritt näher zur Tür und 
sah den alten Diener groß an. 
„Frau — Doktor Fechner?“ 
„Jawohl, gnädiges Fräulein.“ 
Helly Goring verspürte ein starkes Herzklopfen und 
fühlte, wie eine tiefe Röte ihr ins Gesicht stieg. Sollte 
sie annehmen — oder abweisen? Wußte Frau Doktor 
Fechner —? Sie trat an das Fenster und sah nervös 
auf die breite, prächtige Straße am Königsgraben, deren 
hohe Kastanien noch unter Befehl Napoleons gepflanzt 
worden waren. Frau Doktor Fechner? — Und ihr 
tanzten die Buchstaben des letzten Briefes, den Hans 
von ihr erhalten hatte, vor den Augen: „Erwarte mich 
Donnerstag abend wie immer in der Kö.“ Kö — das 
hieß auf gut Düsseldorfisch (und jedes Kind kannte 
es) die Königsallee. 
„Johann!“ — Sie wandte sich um und zögerte wieder, 
mit einem Blick auf die Uhr. Acht — um neun wartete 
Hans vor ihrem Hause im Auto! — „Ich lasse bitten!“ 
Als sie es aussprach, hätte sie es gern zurückgenommen. 
Aber Johann war schon zur Tür hinaus. 
Mit schnellen Schritten kreuzte sie über den Teppich. 
Es dunkelte schon. Sie zog di© Vorhänge vor das 
Fenster und drehte das elektrische Licht an. Aber 
dann schaltete sie es aus und knipste die kleine Tisch 
lampe an, daß es nur Halbdunkel gab. Es war sicherer. 
Johann öffnete die Tür und ließ die Dame eintreten. 
Mia hatte nicht abgelegt, nur den seidenen Mantel 
hatte sie geöffnet und das warme Braun des Samt 
kleides schmeichelte darunter. 
„Wir sind uns ja nicht fremd!“ sagte Mia mit ge 
sellschaftlich höflichem Lächeln; nur um Mund und 
Augen wetterleuchtete es. „Sie müssen schon ent 
schuldigen, wenn ich Sie so überfalle — nein, danke, 
ich setze mich lieber gegen das Licht. Übrigens reizend 
— Ihr Heim. Das ist ja italienische Renaissance — und
        
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