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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jaßrg. 27 
Nr, 4 
er Kandidat der Theologie an der Universität 
Upsala, Gustav Aalbrink, verbrachte seine 
Osterferien daheim in Goetelua und hatte 
sie allerdings ein wenig über Gebühr aus 
lehnt. Seine Professoren vermißten ihn 
1 sicherlich nicht zu sehr, denn er war ein 
keineswegs eifriger Besucher der Kollegien; 
seinem Vater Gründe der längeren Dauer 
^dieser Ferien vorzuschwindeln, fand sich 
leicht eine Möglichkeit, denn diesen, einen 
handfesten Bauern, verband mit der Universität nichts als Ehr 
geiz, seinen Zweitältesten an ihr Pfarrer studieren zu lassen. 
Gustav Aalbrinks längeres Verweilen hatte indessen einen 
tieferen Grund; der Grund war blond, hübsch, achtzehn 
jährig und hieß Stine Oversen. 
Wenn der künftige Diener des Himmels den Vormittag in 
den dicken Federbetten des väterlichen Heims verschlafen 
hatte, reichlich zu Mittag gespeist und ein akademisches Maß 
Bier zu sich genommen, begab er sich regelmäßig auf einen 
längeren Spaziergang, welcher, wie er erklärte, seinem durch 
anstrengendes Studium geschwächten Körper dringend not 
tat, und erschien erst wieder des abends, um neuerlich zu 
essen und Bier zu trinken. Prompt verschwand er nach Be 
endigung der Abendmahlzeit, nun, um den Pastor des Ortes 
eingehend zu besuchen, bei ihm Tee zu trinken — was, wie 
Gustav meinte, dem Bier eine vorzügliche Nachfolge war — 
eine Pfeife zu rauchen und über diese und jene theologische 
Frage zu debattieren. 
Die Begründungen, unter denen Gustav das Haus nach den 
Mahlzeiten verließ, entsprachen zwar der Wahrheit, enthielten 
diese jedoch nur zu dreiviertel Teilen. Ihr vierter Teil be 
stand darin, daß Pastor Oversen Stines Vater war, woraus 
Gustavs Wunsch nach gelehrter Unterhaltung ohne weiteres 
sich erklärt; ferner in der Tatsache, daß die Annäherung und 
Gegenseitigkeit bei Empfindungen Stines und Gustavs so weit 
gediehen war, daß sich die Beiden nachmittäglich an heimlichen 
Orten trafen, einträchtig heimlichere Orte aufsuchten und an 
den heimlichsten sich häufig und mit Genuß küßten. 
Da diese Tatsache Vater und Mutter Oversen unbekannt war 
— auf Vater Aalbrinks Gesicht hätte ihre Kenntnis höchstens 
ein derbes Schmunzeln hervorgerufen — war Aalbrink ein 
um so lieber gesehener Gast im Oversenschen Hause, als 
er sich durch freundliche Gefälligkeiten auszeichnete: so bot 
er dem Pastor stets von seinem besseren Tabak an, er 
müdete den alten Herrn auch durchaus nicht durch heftigen 
Widerspruch gegen geäußerte Meinungen in theologicis, be 
schränkte sich vielmehr auf zustimmendes und andächtiges 
Zuhören, bis Pastor Oversen gegen neun Uhr über Pfeife und 
Gespräch langsam einschlief. Zwischendurch half Gustav 
Mutter und Stine Oversen etwa dabei, Haselnüsse für zum 
Sonntag zu backende Makronen zu schälen, was von der 
Pastorsfrau mit wohlgefälligem Kopfnicken vermerkt wurde. 
Schlief Pastor Oversen meist um neun Uhr ein, so ver 
dichtete sich seiner Ehehälfte Kopfnicken eine halbe Stunde 
darauf zu gleichem Schlummer. Diese Gelegenheit — zur 
Schande der Ungeratenen, aber der Wahrheit die Ehre! muß 
es gesagt sein — benützten Gustav und Stine zur Wieder 
holung der nachmittäglichen Vergnügungen, bis gegen elf Uhr 
der Pastor aufzuwachen pflegte, sich die Augen rieb, ver 
wundert bemerkte: „Ei, da bin ich wohl eingenickt? Und 
Mütterchen auch!“, seine bessere Hälfte weckte und herzhaft 
gähnte, worauf sich der Kandidat empfahl, für genossene Un 
terweisung dankte und der Aufforderung, die Unterhaltung 
kommenden Abend fortzusetzen, zu folgen versprach. Die 
Regelmäßigkeit des Idylls. störte ein geringfügig scheinender 
Unfall, der Gustav Aalbrink auf dem Heimwege zustieß. 
An diesem Abend nämlich versagte nicht nur die ohnedies 
spärliche Beleuchtung, mit der die weltliche Behörde den Ort 
versah, völlig, sondern auch die himmlische Obrigkeit hatte 
die Lichter nicht angezündet; auch der Gedanke an Stines 
Blondheit vermochte die Nacht nicht zu erhellen, und so 
geschah es, daß Gustav Aalbrink über irgend ein geringes 
Hindernis auf der Straße stolperte und der Länge nach hinfiel. 
Hierbei entleerte sich der Inhalt seiner Manteltasche, und 
Gustav, von seinem Erstaunen sich langsam erholend, suchte 
erst seine Knochen zusammen, die sich glücklicherweise 
sämtlich unbeschädigt vorfanden, dann sein verstreutes Hab 
und Gut, konstatierte das Vorhandensein von Uhr, Brief 
tasche, Pfeife, Tabaksdose und setzte hierauf seinen Weg etwas 
ernüchtert fort. Angelangt, mußte er jedoch die unangenehme 
Feststellung machen, daß sich weder in den Taschen des 
Mantels noch des Rockes, weder der Hose noch der Weste 
sein Hausschlüssel vorfand. Er entsann sich nicht, ihn beim 
Sturz mit ausgestreut zu haben; erstlich pflegte er ihn nicht 
in der Manteltasche zu tragen, auch hätte er zweifellos sein 
Aufklingen auf den Boden hören müssen. Er entschloß sich 
also zu der Annahme, er habe ihn vergessen, und ferner zu 
einem Umweg über Zaun, Hof, Gatter und durchs Fenster, 
da er seinen längst schlafenden Vater von der Tatsache und 
den Gründen der späten Heimkehr zu unterrichten lieber 
vermied, und bewältigte diesen mit mäßigem Geschick und 
dem Ergebnis eines Risses in seiner Hose und dem Bruch des 
Augenglases. Zur Erholung schlief er den nächsten Tag noch 
eine Stunde länger als gewöhnlich. 
Daß Gustavs Annahme, den Hausschlüssel nicht bei dem 
Fall verloren zu haben, irrig war, hätte als erste Stine Oversen 
feststellen können, die bei ihrem morgendlichen Gang in den 
Ort, um Einkäufe für den Mittagstisch zu machen, plötzlich 
vor sich etwas blinken sah. Nähere Besichtigung erkannte 
den Gegenstand als einen großen Schlüssel; diesen Schlüssel 
ließ Stine liegen, da sie an unbekannten Schlüsseln kein Inter 
esse hatte und ihm keinen Wert beimaß, und ging sonder 
Bekümmernis ihres Weges weiter. 
Am Nachmittag aber ging Gustav nicht aus — was seinem 
Vater zu der unangebrachten Frage Anlaß gab, ob sein Körper 
wieder gekräftigt sei und wann er denn nach Upsala abzu 
reisen beabsichtige? — sondern durchstöberte, wie wir wissen, 
selbstverständlich vergeblich, alle Stuben des Hauses nach 
dem verlorenen Schlüssel. Dieses Suchen nahm einige Stunden 
in Anspruch, denn der Räume waren viele, und die Ver 
geblichkeit steigerte Gustavs Ärger. Es gab endlich keinen 
Winkel in Haus und Hof, den er nicht einer eingehenden Be 
sichtigung unterzogen hätte, und sein Ärger wandelte sich in 
gelinde Verzweiflung. Er war tatsächlich in Ungelegenheit; 
es befand sich kein Schlosser im Ort, der so rasch einen 
Ersatz hätte fertigen können, und daheim einen neuen Schlüssel 
zu verlangen wäre überaus peinlich gewesen. Die letzte 
Möglichkeit schien, ihn im Hause Oversen® etwa auf den 
Tisch gelegt und vergessen zu haben; an den Sturz auf der 
Straße dachte er nicht mehr, und so begab er sich mit aus 
gebesserter Hose und Brille nach dem Abendbrot in doppelter, 
Erwartung zu Oversens, hatte kaum recht gegrüßt und ab 
gelegt, als er schon mit der Frage herausplatzte, ob er nicht 
seinen Schlüssel hier vergessen habe? Nein, das habe er nicht, 
antwortete Stine, und erzählte versonnen, daß ihr übrigens ein 
großer Schlüssel — ob Gustavs Hausschlüssel von auffälliger 
Größe sei? Ja, das sei er — am Morgen auf der Straße be 
gegnet sei. —.Nein, sie habe ihn nicht aufgehoben. Konnte sie 
ahnen, daß diesen Schlüssel just Gustav verloren habe? 
Diese Ahnungslosigkeit versetzte aber den Enttäuschten in 
die heftigste Erbitterung; sei es, daß er in der Gedankenlosig 
keit der Geliebten einen Mangel an Zuneigung erblickte — 
denn den Liebenden muß bekanntlich, sieht er nur den ge 
ringsten .Gegenstand, der dem Geliebten gehört, eine jähe 
Erkenntnis überfallen; oder seine Liebe ist eine Liebe zweiten 
Ranges — sei es, daß die reale Tatsache, heute wieder ohne 
Schlüssel zu sein, sein Blut in Wallung brachte: jedenfalls 
schilderte er sehr heftig die Ungelegenheiten, die der Verlust 
schon gestern mit sich gebracht hatte und die sich heute 
wiederholen konnten, und wies erbarmungslos der beschämten
        
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