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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 3o 
Jaßrg. 27 
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„Du bist verrückt!“ schrie sie und versuchte, ihre 
Hände frei zu bekommen. 
„Du hofftest“, brüllte er, „daß, wenn der Skandal voll 
zogen — wenn du genug Schmutz auf meinen Namen 
gehäuft — würde ich dich freigeben? Du stehst wohl 
gar selbst mit dem Briefschreiber im Bunde? Hatte er 
doch die Frechheit, mir zu schreiben, auf eine Er 
pressung, auf die er es im Anfang abgesehen, verzichte 
er auf deinen Rat hin. Er wolle sich auf andere Art 
bezahlt machen. Ja, starre mich nur an, du — die sich 
selbst den Namen Ninon de Barry gegeben hat, um 
sich offen zum Hetärentum zu bekennen. Nach wilden 
Nächten bist du in mein Haus getreten, hast dich nicht 
gescheut, deine unschuldigen Kinder zu berühren — 
dafür sollst du bestraft werden. Wo ist denn dein Mut, 
der ja auch nur Frechheit ist, geblieben? Schon schleicht 
die Furcht an dich heran — ja, sträube dich nur — ver 
suche es, dich den Schraubstöcken zu entziehen — 
du beschleunigst dadurch unser Ende — zu — 
immer nur zu — noch eine so abwehrende Bewegung 
und das Boot kippt um. — Wir sind weit genug vom 
Strande — tief genug ist der Grund — zwei Meter von 
hier geht eine Strömung — glaube mir, wir ertrinken 
oh — ich habe gestern alles ausgekundschaftet — man 
gab mir, dem harmlosen Bootfahrer, willig Auskunft 
zum Vermeiden der gefährlichen Stellen. — Warum 
mit einem Mal so still, meine Puppe? Bist du müde ge 
worden? Soll ich uns schaukeln? — Nimmst du Ab 
schied von deinem Liebhaber? Von deinen lusterfüllten 
Nächten?“ Er zerrte sie von der Bank herab, so, daß sie 
vor ihm in die Knie fiel. Aus ihren schreckgeweiteten 
Augen sprühte ihm Zorn entgegen. Noch einmal nahm 
sie alle ihre Kraft zusammen und suchte sich zu befreien. 
Als es ihr nicht gelang, sank sie zusammen. 
„Wenn du mich tötest, bist du ein Mörder.“ 
„Du zwingst mich zum Mord.“ 
„Ich beschwöre dich, tue es nicht. Begreifst du denn 
nicht, daß ich all das, was ich getan habe, tun mußte? 
Du zwingst mich zum Mord .. . 
A.us einem inneren Drang heraus? So wie vielleicht ein 
mal meine Kinder schlecht werden müssen, weil ich es 
bin.“ . , 
Da fühlte sie, wie die Spannung seiner Hände sich 
lockerte, wie ihre Gelenke frei wurden vom Druck. 
Langsam richtete sie sich auf, blieb aber in den Knien 
legen und krampfte ihre beiden Hände um den Boots- 
:and. 
Mit einem Ruck sprang er empor, trat auf den Rand 
des Bootes und schlug klatschend in das Wasser. 
Das kleine Boot kippte, schöpfte Wasser. Elisabeth 
schrie gellend auf, warf ihren Körper, die Hände nicht 
loslassend, zurück — ein paar Mal schaukelte das Boot 
hin und her, dann blieb es, sich leise wiegend, auf dem 
Wasser liegen. 
Nun ertönten Elisabeths gellende Hilferufe. Am 
Strande wurde man aufmerksam. Sie schrie und winkte. 
Dann erklangen wieder ihre gellenden Hilferufe... 
deutete auf die Stelle, an der Teilmann versunken. Von 
Grauen gepackt, starrte sie darauf hin. Nichts war zu 
sehen. Keine Spur eines Menschen. Jetzt fiel ihr die 
Strömung ein. Wenn der Nachen darauf zutrieb? Die 
Ruder waren verloren gegangen. Was hätten sie ihr 
auch genützt? Ihr war ja die Stelle imbekannt. Schon 
meinte sie ein leichtes Treiben, nach einer bestimmten 
Stelle zu, zu verspüren. Furcht schüttelte sie. Wenn er 
sie nach sich zog? Sie hörte, wie ihre Zähne auf ein 
anderschlugen. Dann erklangen wieder ihre gellenden 
Hilferufe. Jetzt wurde ein Boot ins Wasser gezogen. 
Langsam, ach, wie langsam kam man ihr zu Hilfe. 
Elisabeth lag ohnmächtig im halb mit Wasser ge 
füllten Boot, als die Retter anlangten. Nachforschungen 
nach dem versunkenen Körper wären nutzlos gewesen. 
Dicht neben der Stelle, an der die Strömung ging, war 
er ins Wasser gesprungen. Es war ein Wunder, daß der 
kleine Nachen nicht hineingeraten. 
Als man Elisabeth in den Sand niederlegte, erwachte 
sie. Sie erinnerte sich sofort, was geschehen. „Hat man 
ihn gefunden?“ 
Die umstehenden Schiffer schüttelten den Kopf. „Da 
ist nichts zu machen. Die Strömung hat ihn längst hin 
ausgetrieben.“ 
Man war ihr behilflich beim Aufstehen. 
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