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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 3o 
22 
6. Tortsetzung 
Roman von Jofantße Mares 
Bildert Linge 
a scheinst keine gute Meinung von mir 
zu haben?“ 
Sie wußte, daß er gekommen war, 
Rechenschaft von ihr zu fordern. 
Dennoch blickte sie ihn mit erhobenem 
Kopf dreist an. 
Ein Zittern lief durch seinen Körper. 
Mit zwei Schritten stand er vor ihr. „Ich 
weiß alles — du — bist gemeiner, als das 
gemeinste Frauenzimmer — und — ich muß an mich 
halten, um dich nicht mit diesen meinen Händen zu er 
würgen. 
Sie sah jetzt, wie blaß er war. Wie tiefe Furchen 
sein Gesicht durchliefen und wie er um Jahre gealtert 
schien, seit sie ihn vor zwei Wochen verlassen. 
Die erhobenen Hände ließ er wieder niederfallen, trat 
zurück und sagte mit erzwungener Ruhe: „Geh, wenn 
du dazu imstande bist, mit deinen Freunden Mittag 
essen, während ich die Kinder zur Bahn begleite. Von 
vier Uhr an aber wünsche ich, daß du mir zur Ver 
fügung stehst. Dann werde ich mich mit dir ausein 
andersetzen.“ 
Elisabeth sah, wie er die Tür ins Schloß drückte. Sie 
empfand weder Furcht noch Reue. So hatte es wohl 
kommen müssen. Sie bedauerte nichts. Rein gar nichts. 
Sie war froh, daß sie nun gänzlich ohne Maske dastand. 
Aber, durch wen hatte er von ihrem Leben erfahren? 
Sie legte die flache Hand gegen die Stirn. Dann fuhr 
sie mit einem Ruck vom Sessel in die Höhe. „Berg“, 
flüsterte sie, „er und kein andrer hat ihm Bericht er 
stattet. Aber — warum? Welchen Zweck verfolgte er 
damit? Um sie von Teilmann loszubekommen? — 
Oder — war es gemeine Erpressung?“ 
Ein paar Mal ging Elisabeth im Zimmer auf und 
nieder, dann betrat sie ihr Schlafzimmer, um Toilette 
zu machen. 
„Sollen wir Mama denn nicht Lebewohl sagen?“ 
hörte sie eines der Kinder fragen. 
„Mama ist nicht zu Hause. Macht nur, macht, sonst 
erreichen wir den Zug nicht!“ erklang die Stimme 
ihres Mannes. 
Elisabeth trat als letzte an den von Baßwitz ein für 
allemal für seine Gesellschaft bereitgehaltenen und 
stets überreich mit Blumen geschmückten Tisch. 
„Wir glaubten schon, Sie wären Uns untreu geworden 
und hätten sich wo anders einfangen lassen“, empfing 
sie BaßwitZ 
„Vorläufig gefällt es mir hier noch ganz gut. Ich 
habe noch nicht die Absicht, mich von der ,Burg der 
Genießer“ abzumelden.“ Bergs korrekte Verbeugung 
erwiderte sie knopfnickend und ließ sich neben ihm 
nieder. 
Elisabeth war in strahlender Laune. Sie brachte 
durch ihre sprühende Munterkeit die ganze Gesell 
schaft in Stimmung. Baßwitz ließ die Sektpfropfen über 
die umstehenden Tische knallen und bekam unliebsame 
Bemerkungen zu hören. Doch die liebevollen Bezeich 
nungen wie: „Emporkömmling“, „Neue Reiche“, „Un 
gebildetes Pack“ usw. vermochten ihre Ausgelassenheit 
nicht zu dämpfen. Unbekümmert setzten sie ihre 
lärmende Fröhlichkeit fort. 
Es war gegen Ende des Mahles, als das Eis serviert 
wurde, da sagte Berg zu Elisabeth; „Hat Ihre Laune 
einen besonderen Grund, Baronin?“ 
Eine Weile sah sie ihn lächelnd an, ehe sie erwiderte: 
„Mein Mann ist heute gekommen.“ 
„Seine Anwesenheit bringt eine solche Wirkung 
hervor?“ 
„Wie Sie sehen.“ Sie drehte sich um und trank ihr 
Glas leer. Dann wandte sie sich ihm wieder zu. „Sie 
„Du scheinst keine gute Meinung von mir zu haben.“ 
sind doch wohl derjenige, der an seiner Anwesenheit 
die Schuld trägt?“ 
„Welch einen Spürsinn Sie besitzen!“ 
„Weichen Sie mir jetzt nicht aus. Ich verlange Auf 
klärung von Ihnen.“ 
„Die sollen Sie morgen haben.“ 
„Gut. So treffen Sie mich morgen am Strand, bevor 
wir zum Baden gehen.“ 
„Abgemacht, meine Gnädige. Aber fürchten Sie 
nicht, daß Ihr Gatte Ihnen einen Strich durch die Rech 
nung machen könnte?“ 
„Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich mich 
überhaupt nicht fürchte.“ Ihre Worte begleitete ein 
ärgerliches Fußstampfen. 
„Mokka, ja natürlich Mokka. Ober — das müssen 
Sie doch schon endlich wissen! Welch ein anständiger 
Mensch steht denn vom Tisch auf, ohne Mokka ge 
trunken zu haben. Und dann fahren Sie auch eine 
Batterie Liköre auf. Haben Sie denn noch nicht be 
griffen, daß es mir gar nicht darauf ankommt, Ihnen die 
ganze Bude auszukaufen?“ 
Lächelnd dienerte der ,Ober“ und sauste davon. 
Außer einem jungen Paare, das am anderen Ende 
des Strandpavillons saß, waren Baßwitz und seine Ge 
sellschaft die einzigen Gäste, die noch zurükgeblieben 
waren. So konnte niemand an den protzigen, heraus 
fordernden Worten Anstoß nehmen. Baßwitz hatte 
viel und hastig getrunken, was sonst nicht seine Art 
war. Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen und er sah
        
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