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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 3o 
Die arme Frau packte ihre Sachen. Sie stand zwischen 
Koffern und Schachteln, Hüten, Kleidern, Wäsche und 
packte. Ich sagte ohne weiteres: „Madame, Hortense 
ist meine Geliebte.“ 
Sie sah mich feuchten Auges an: „Ja“, sagte sie milde. 
„Sie waren ihm immer ein treuer Freund, aber es nützt 
nichts, daß Sie die Schuld auf sich nehmen. Ich weiß 
alles. Ich war ja bei ihr. Sie hat ja gar nicht geleugnet. 
Oh, diese gemeine Person! Ihr unbegreiflichen Männer! 
Aber ich habs ihr gesteckt! Ach, das tat gut. Wenn die 
heut nacht geschlafen hat! Ich, ich kehre zu meinen 
Eltern zurück.“ 
Aber endlich erzählte sie mir alles. 
„Denken Sie“, sagte sie empört. „Robert bringt mir 
also gestern ein grünes Täschchen. Grün, ich bitte Sie, 
ich hasse Grün. Aber hat dieser Mann jemals Ohr und 
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Auge für meine Neigungen gehabt? Und dieses Täsch 
chen hatte er erst jener Hortense geschenkt. Die wollte 
es wahrscheinlich nicht, gab es ihm zurück, und ich 
war nun gut genug für das, was sie verschmähte. Denn 
wie ich im Täschchen nachsehe, finde ich im Notiz 
block Hortensens Adresse verzeichnet. Das tut man 
immer, falls man die Tasche verliert. Und so erfuhr ich 
Namen und Wohnung seiner Geliebten.“ 
Noch einmal durchfuhr mich der Blitz: Hortense, in 
dem sie den Bleistift probierte, hatte dem jungen Mann 
im Geschäft ihre Wohnung angeben wollen, und der 
Idiot hatte es nicht gemerkt. Auf ihn hatte sie also 
gewartet, auf ihn, den sie in meiner Gegenwart zu sich 
bestellt hatte Ich Esel! — 
Robert und seine Frau sind in den zweiten Flitter 
wochen und ich auf der Suche nach meinem fünften 
Verhältnis! 
Wie hast du mich erschreckt, Minette! 
Ein Eilbrief! 
Liebesbriefe schickt man durch die Zofe, Minette, 
nicht durch die Post. So ein blaubefrackter Pflicht 
mensch entweiht mir Deine Briefe. 
Allenfalls sende einen Boy, einen schmucken, kecken 
Knaben — aber keinen Eilbrief. 
Einen Eilbrief, um mir mitzuteilen, daß Du Dich 
schämst! Daß Du verzweifelt bist über die Sünde von 
gestern! 
O Minette! 
Sünde! 
Du, deren zarter Busen eine Schatzkammer von Un 
schuld ist, spricht von Sünde. 
O Minette! 
Minette, wie hast Du mich erschreckt! 
Und noch dazu ein Eilbrief! 
Das Wort Moral wirkt auf mich wie eine Kneippkur. 
Wie Karlsbader Sprudel! 
Es gibt keine Sünde, Minette. Das heißt. — Es gibt 
eine: Den schlechten Geschmack. 
Aber diese Sünde hast Du nicht auf Dich geladen: 
Ich absolviere Dich — und was mich betrifft — was 
sagt Deine Eitelkeit zu dieser meiner Sünde? 
O Minette! 
Denke nie mehr an Sünden! Und schreibe keinen 
Eilbrief! 
Zu Rom feierten schöne Frauen das Venusfest mit 
Tänzen, die selbst Macrobius erröten machten! 
Macrobius! Aber er lächelte dabei. Phryne war so 
schön, daß der Areopag keine Sünde an ihr finden 
konnte. Du aber bist schöner als Phryne, ich schwöre 
es bei dem Mantel, den jene trug und den Du nicht 
ablegen wolltest. Ich schwöre es Dir, Du bist schöner 
als Phryne! Aspasia war sittenloser als Du, mein Kind, 
und doch die Gemahlin des Perikies. 
Ich bin nicht Perikies, aber Du bist mehr als Aspasia. 
Hast Du anderes getan als jene Babylonierinnen, die 
ihre Keuschheit im Tempel Asthorets opferten? 
Mau. sprach von keiner Sünde. 
Und Du schämst Dich. 
Wegen des Mantels? 
Wie, meine niedliche Wildkatze — hast Du einen 
Schweif getragen oder Hörner? 
Nein, ich kann es bezeugen. Und doch war es unter 
Karl VI. Mode — man nannte es nicht sündhaft. 
Und was das Bad betrifft, Du kleine Törin . . ■ des 
halb ein Expreßbrief! , . . 
Weißt Du nicht, daß im Mittelalter Mönche und 
Nonnen gemeinschaftlich badeten? Lies nach, was Lady 
Mary Montague zu Anfang des 18. Jahrhunderts über 
die Türkei berichtet. 
Und man schämte sich nicht. 
Ich könnte Dir einen philosophischen Vortrag halten, 
kleine Unschuld, wenn ich nicht zu müde wäre. 
Begnüge Dich daher mit diesen wenigen Andeutungen 
und glaube mir: 
Nur die Heuchler schämen sich. 
Du aber bleibst in Ewigkeit unschuldig, denn nicht 
was ein Mädchen ist, sondern w i e sie ist, entscheidet. 
Und wenn Du wieder einen Expreßbrief schreibst, 
weil die Notwendigkeit Dich zwingt, dann sag es mir, 
um mich zu Deinem Trost zu rufen. 
Nicht aber, um alle bösen Geister der Torheit herauf 
beschwören. 
Und nun schlafe weiter, Minette. Träume . . . 
Aber nicht von Moral, nicht von Sünden. 
Träume von mir! 
Das heißt — ich bin nicht sicher, ob sich das eine 
mit dem andern verträgt. 
Träume von Dir selbst, von den Wünschen Deines 
Herzens, und Du wirst ohne Scheu und ohne schwarze 
Gedanken erwachen. 
Ein Kuß Deiner Lippen ist seliger als alle Moral 
trauriger Helden. 
Denn diese ist valutaschwaches Papiergeld, jener 
goldene Münze, womit man sich den Eintritt ins 
Himmelreich erkauft.
        
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