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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr, 3o 
Jahrg. 27 
\ 
den 
Nun kam ein entzückendes grünes 
Täschchen an die Reihe mit einer ganz 
süßen Inneneinrichtung. Der junge 
Mann kramte allerhand daraus hervor: 
Spiegel, Flakon, Puderquaste, Scher- 
chen, Börse, Notizbuch mit Blei. 
Hortense sagte: „Schreibt er auch?“ 
Und sie nahm den kleinen Block und 
Bleistift und kritzelte etwas. 
„Du“, sagte sie entzückt, „er schreibt sogar.“ 
Und dabei ordnete sie alles sorgsam ein und reichte 
das Täschchen dem schüchternen Verkäufer zurück. 
„Also willst du das?“ sagte ich. Es dauerte bereits 
eine Viertelstunde, daß Hortense den sauberen jungen 
Mann betrachtete, und mir brannten die Sohlen. 
„Was fällt dir ein! Ich hasse doch Grün. Nein, 
bitte diese.“ 
Und ohne auch nur hinzusehen, zog sie einfach die 
ersten besten drei aus dem Haufen und ließ sie sich 
einpacken. Wir gingen, Hortense nicht ohne einen 
seelenvollen Abschiedsblick auf den Unempfindlichen. 
Draußen sagte sie: „Weißt du, die Taschen sind alle 
drei abscheulich. Aber anstandshalber muß man eine 
Kleinigkeit kaufen, wenn man die Leute so lange mit 
Aussuchen hinhält. Mir tun diese kleinen Kommis 
immer so sehr leid. Man muß freundlich zu diesen 
Sklaven des Publikums sein. Aber du, jetzt möchte 
ich wirklich ein Täschchen, welches ich tragen kann. 
Komm, gehen wir mal da hinein.“ 
Als ich Hortense um fünf Uhr heimbrachte, hatte 
ich ein halbes Dutzend Täschchen unter dem Arm. Und 
zum Dank für alles sagte sie plötzlich: 
„Ach, du, das dumme Kaufen hat mir wirklich Kopf 
schmerzen gemacht. Bitte, laß mich heute allein! Ich 
will früh zu Bett. Komm morgen mittag, ja, Schatzi?“ 
Ich ging besorgt und bat Olga, aufs beste für die 
Angegriffene zu sorgen. Unten lief mir Freund Robert 
in die Arme. Er sagte: 
„Gut, gut, du kannst mir helfen, du hast doch wohl 
Geschmack. Ich will meiner Frau etwas mitbringen.“ 
Robert war einer von den seltenen Gatten, die ihre 
Frauen ohne Anlaß beschenken. Er hatte niemals eine 
Untreue zu bemänteln, er war der strengste Moralist. 
So sehr, daß ich ihm nicht einmal meine Abenteuer 
beichtete. Er war zwei Jahre verheiratet; er hatte seit 
dem keine andere Frau begehrlich angesehen. Seine Ehe 
war ein Idyll. 
Nun, ich war auf der Höhe; „Etwas mitbringen?“ 
sagte ich überlegen. „Natürlich ein Handtäschchen. So 
etwas braucht eine Frau immer.“ 
Und ich führte ihn in jenes Magazin und bemühte 
den gewissen jungen Mann, den ich einfach wider 
wärtig fand, noch einmal. Mit einem Griff hob ich das 
grüne Täschchen hervor und pries es dem Freunde an, 
als wäre ich der Verkäufer. Ich ließ ihn einen Blick auf 
die Inneneinrichtung werfen, zog den Bleistift hervor 
und sagte triumphierend: „Und er schreibt sogar!“ 
Robert war überwältigt. Er nahm ohne weitere Wahl 
die grüne Tasche. Sehr klug und erfahren sagte ich; 
„Ja, du, liebt deine Frau auch grün?“ Er rief: „Leiden 
schaftlich!“ Und triumphierend zog er mit dem süßen 
Täschchen ab. Ich schlief unruhig in der Nacht und 
dachte an die leidende Hortense. 
Mit der ersten Post kam ein Brief von Hortense, der 
mich niederschmetterte. Sie schrieb: 
„Du Ungeheuer, so also hast du mich betrogen, du 
bist verheiratet! Es ist aus, für ewig! Bringe mir noch 
die Perlenkette, von der ich neulich sprach, und das ist 
das Letzte. Fortan deine gewesene Hortense.“ 
Ich verstand nichts. Ich verheiratet? Wo? Mit wem? 
Was war geschehen? Ich fuhr zu Hortense. 
Sie lag im Bett, bleich, wütend. Sie sah nach meinen 
Händen. Aber ich hatte nur armselige Blumen. Sie 
warf sie mir an den Kopf und sagte: 
„O, du! du! Du schändlicher Betrüger, warum hast 
du mir verschwiegen, daß du verheiratet bist? Gestern Das süße Mädel 
Linqe 
19
        
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