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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 3o 
Jahrg. 27 
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der sie sich nur herabließen und die geräuschlos in 
diesem Hause lebte, wie ein Nebel durch die Zimmer 
huschte und sich furchtsam in ihren kleinen Winkel 
zurückzog. 
Und sie hätte doch verdient, zu strahlen und zu 
glänzen. 
Sie hätte verdient, an der Spitze des mit Blumen ge 
schmückten, unter dem Silber sich krümmenden 
Tisches zu sitzen. 
Denn sie besaß alle Eigenschaften, die mehr sind als 
Reichtum. Die strahlenden Geschmeide des Adels, der 
Klugheit und Bescheidenheit, des Taktes, der Emp 
findsamkeit und Zärtlichkeit. . . . 
Wie viel vorzüglicher war sie als Mathilde, die 
Schwester der Lady Hamilton, die für Oliver bestimmt 
war und die er heiraten sollte. . . . Nein, er wird sie 
nie heiraten — nie. Lieber entsagt er dem großen Ver 
mögen der Tante — nur Bettsy kann seine Frau 
werden 
Er befreit sie aus ihrer Gefangenschaft .... er läßt 
ihre Stimme ausbilden um sie selbständig zu 
machen Und erst dann, wenn ihr die Kunst 
eine unabhängige Stellung in der Gesellschaft verschafft 
haben wird, dann erst wird er um ihre Hand anhalten . . 
Nicht aus Dankbarkeit soll sie seine Frau werden, 
sondern aus wahrer Liebe 
So stellte er sich die Zukunft vor. 
Drei Jahre waren vergangen, die herrlichste Zeit in 
Olivers Leben, die Zeit der süßen Freundschaft, die 
beseligend war, wie die Liebe selbst. Was Oliver in 
dieser Zeit empfand, wird er nie wieder fühlen .... 
Es war die erste Liebe seines Herzens bereits im ge 
reiften Alter. Als fünfunddreißigjähriger Mann, der bis 
her nur für die Wissenschaft gelebt hatte, opferte er 
nun mit den Erstlingen seiner Gefühle .... sein Herz 
vermochte noch zu jauchzen. 
Bettsys Stimme entwickelte sich herrlich. Sie besaß 
Gehör, Gefühl und Sinn für Musik; sie war ein wahres 
Talent. 
Nur manchmal trübte ein leichtes fernes Rollen die 
idyllische Stille der Glückseligkeit. 
Bettsy war nicht immer so, wie anfangs. Ein flüchti 
ger Ausdruck in ihrem Gesicht oder ein Schatten in 
der Tiefe ihres Blickes, eine Skala in ihrer Stimme 
deutete auf den Unterschied. Auch Oliver war mit sich 
nicht im Reinen; als würde sie ihn schon nicht mehr 
mit jener hervorbrechenden Wärme empfangen, wie 
früher, als würde sich ihre Seele schon nicht mehr so 
an ihn heften, wie vordem. 
Alsbald erfuhr er auch, was sich zwischen ihn und 
Bettsy gedrängt. 
Bettsy sah sich schon auf der Bühne. Das Publikum 
feiert sie und die Direktoren wetteifern um sie. Oliver 
wollte sie aus diesem Traum herausreißen. Nicht für 
die Bühne hat er sie bestimmt; ihre Kunst soll einst ihr 
stilles Heim verschönen und zieren. 
Er brachte die Zukunft zur Sprache. 
„In einem Jahr gehörst du ganz mir. Und nicht wahr, 
dann wirst du der Bühne entsagen?“ 
Bettsy errötete und ein Wort entschlüpfte ihren 
Lippen: „Nein!“ . 
Oliver schaute sie erstaunt an. „IN ein r 
Bettsy wiederholte: „Nein!“ 
Als würde im selben Moment von dem Weib ein 
Schleier, ein goldener Schleier fallen. . Mit uneigen 
nütziger Großmut, die nur gibt, doch nichts verlangt, 
hat er diese Seele an sich fesseln wollen. Und er glaubte 
es auch erreicht zu haben. Er glaubte, er werde für 
Bettsy alles sein, wie auch sie sein Alles ist. 
Es war der goldene Schleier der Illusion, der in ihm 
das Weib hoch gehoben hatte. Sobald der Schleier ge 
fallen war, stand Bettsy im Grau des Alltages vor ihm, 
die nur ein Weib wie alle anderen ist. 
Bettsy fühlte sofort, daß sie die Sache verdorben 
hatte und sie wollte ihren Fehler wieder gut machen. 
„Mißverstehen Sie mich nicht .... Für Sie entsage 
ich allem. Es war das nur ein unschuldiges Wort.“ 
Und zärtlich, träumerisch umgarnte sie mit ihrem 
Blick Olivers Seele. Sonst hätte ein Körnchen von dieser 
Zärtlichkeit genügt, um seine Gedanken zurückzurufen, 
wohin immer sie sich auch verirrt haben mochten. Jetzt 
vermochte sie nichts mehr. Das einzige, winzige Wört 
chen: „Nein!“ hat ihm in seinem unbewußten Hervor 
brechen verraten, was in Bettsy vorging. Sie ist nicht 
die, die er sich vorgestellt hat, nicht die, die verdienen 
würde, daß er für sie sein Leben opfere. 
Bettsy hatte er seit zwei Wochen nicht gesehen. Zwei 
Wochen lang. Nun beschloß er aber, sie aufzusuchen 
und ihr ihre Freiheit zurückzugeben. 
Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie einander 
gegenüberstehen und miteinander abrechnen werden. 
Wird Bettsy erfassen, daß ein einziges kleines Wort, 
eine einzige Bewegung jemandes Liebe vernichten kann? 
Doch ein Wunder war geschehen! 
Bettsy hat nicht nur verstanden, sondern auch geahnt 
und erraten, was in Oliver vorgegangen ist. 
Oliver fand sie nicht daheim. Bettsy war schon seit 
einer Woche verreist und sie hatte in ihrer Wohnung 
bloß folgende Zeilen zurückgelassen: „Lieber Oliver! 
Ich fühle, ich bin dir schon nicht mehr das, was ich 
dir früher war. Es ist besser, wenn wir uns nicht mehr 
sehen. Mein Kollege Signore Lorenzo Ardano begleitet 
mich nach Madrid und wird mich dort zur Frau nehmen. 
Ich danke dir für deine Güte. Werde glücklich! Bettsy.“ 
* 
Oliver Churchill stimmte dieser Brief nicht im 
mindesten traurig. Es fehlte der goldene Schleier. 
Der Langersehnte Linge
        
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