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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 3o 
12 
Der goCdene Scfikier 
CLrpad XiercziA 
(Autorisierte Übersetzung aus dam Ungarischen von Maurus MezeiJ 
I ch, die Frau des Pharao Nekbet Rampsenit schreibe 
dies: Ich, die Frau des Pharao Nekbet Rampsenit, bin 
Tag für Tag in dem Tempel der Göttin Hathor — 
der Göttin des Himmels und der Liebe gegangen und 
habe, vor ihrem Sanktuarium niederfallend, folgender 
maßen gebetet: 
„Himmlisches Wesen! Göttin! Bewohnerin der Höhe! 
Blicke gnädig auf mich hernieder und segne mit einem 
Blick die Zukunft jener Leibesfrucht, die ich unter 
dem Herzen trage. Du bist mir im Traum erschienen 
und du hast bekräftigt, was die Wahrsager prophe 
zeit haben. Daß unser Kind ein Mädchen sein wird, — 
doch ich werde dessen Geburt nicht überleben. Ohne 
Klage neige ich mich deinem weisen Beschluß und ich 
werde glücklich in Osiris Reich einziehen, denn ich 
konnte den alten Wunsch meines erhabenen Herrn und 
Königs erfüllen und ihm ein Mädchen schenken.“ 
Bei diesen Worten hielt ich inne und ich wartete, bis 
deine Diener meine Opfer dargebracht hatten. Dann 
habe ich mein Gebet fortgesetzt: 
„Nur das eine schmerzt mich, daß nicht ich meine 
Tochter erziehen und mich nicht an meinem Gluck 
ergötzen werde. Besorgnisse erfüllen meine Brust! O 
Göttin, erhöre mein Flehen und mache, daß sie, wessen 
Gefährtin immer sie auch auf dieser Erde sein wird, 
eines solchen Glückes teilhaftig werde, wie es mich 
mein erhabener Herr teilhaftig hat werden lassen!“ 
Ich verstummte wieder und die Priester brachten dir, 
Göttin, wieder Opfer dar! Dann gingen sie fort. 
Und ließen mich allein, damit meine Seele ins Jen 
seits wandle und auf deine Offenbarung warte. 
Denn um diese Zeit erscheinst du deinen bevor 
zugten Lieblingen, die dir Tempel gebaut und mit 
glänzenden Opfern bewiesen haben, daß sie deine 
wahren Getreuen und die andächtigen Verehrer deines 
himmlischen Seins sind. 
Zu diesen habe auch ich, die Königin Nekbet, gezählt. 
Ein Gebet vor sich hinmurmelnd, habe ich auf dein 
Erscheinen gewartet! Und plötzlich klang ein summen 
des Sausen durch die Halle, ein süßer Duft erfüllte 
sie und aus dem in dichte Finsternis gehüllten tiefen 
Hintergrund konnte man deine leicht dahinfließende 
Stimme vernehmen. 
„Ich bin es, die Göttin Hathor, die ich auf die Bitte 
Nekbets erschienen bin! Ich bin erschienen, um Balsam 
auf den Schmerz ihres Herzens zu legen und ihre Wunden 
zu heilen. Der Name deines Kindes sei Assarif, und es 
wird glücklich sein. Bei seiner Geburt bringe man es in 
meinen Tempel und bei dem Fußgestell meiner Statue 
wird es einen goldenen Schleier finden. Diesen soll das 
Mädchen ihr ganzes Leben hindurch tragen. Solange sie 
ihn trägt, wird sie von ihrem Mann geliebt werden.“ 
Und ich, Nekbet, habe seufzend gefleht: 
„Die Liebe ist also nur eine Illusion?“ 
Die Stimme der Göttin antwortete aus der 
Finsternis; 
„Nur eine Illusion! Der Mann liebt im Weibe das, 
was er in ihr sieht, was er in das Weib hinein 
phantasiert! Glücklich ist nur jene Frau, die den Mann 
in dieser süßen Täuschung erhalten kann. Dies ist das 
Geheimnis und das Rätsel des Liebesglücks!“ 
Und die Göttin verstummte .... die Göttin ver 
schwand 
Dies habe ich, Königin Nekbet, niedergeschrieben, 
\ und lasse es für meine Tochter Assarif zurück, damit 
i- sie jenen goldenen Schleier aufbewahre und ihn nicht 
verliere. t 
„Seltsam, wie richtig auch schon diese alten Ägypter 
über die Liebe gedacht haben. Dieser Papyros, der von 
dem Gebete der Königin Nekbet und von der Antwort 
Hathors berichtet, erklärt mir, was in mir vorgegangen 
ist! Und was ich bisher eigentlich nicht verstanden 
habe, doch dessen Sinn ich nun klar sehe.“ 
So überlegte Oliver Churchill, der englische Ägypto 
loge, der nach Kairo gefahren war, um im Aufträge 
des „British Museum“ Nachgrabungen vornehmen zu 
lassen. So überlegte er, wenn ihm manchmal die kleine 
Bettsy in den Sinn kam ... die süße Bettsy .... Denn, 
wenn es auch mit beider Freundschaft zu Ende war, 
so zuckte die Erinnerung an sie doch noch oft durch 
seine Seele. Und dann staunte Oliver Churchill stets 
darüber, daß er sich von dieser Liebe, von der er 
glaubte, daß er an ihr zugrunde gehen würde, so leicht 
hat freimachen können. 
Schleier Hathors, gib Antwort darauf .... 
In diesen war Bettsy, die Vorleserin der Lady 
Hamilton, von ihrer Tante gehüllt worden. 
Die kleine Vorleserin erweckte im Hause der alten 
steinreichen Dame Churchills Mitleid .... Selbstsucht, 
Berechnung, Teilnahmslosigkeit gehen in diesen vor 
nehmen, ungeselligen Häusern ein und aus. 
Und in dieser Gesellschaft mußte Bettsy leben, die 
viel besser war, als ihre ganze Umgebung . . . . Deren 
seelisches Erklingen feiner, klangvoller war, als das der 
tief dekolletierten und mit Schmuck behangenen 
Damen, welche die arme, anspruchslose Vorleserin 
kaum eines Wortes oder Blickes würdigten .... Zu
        
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