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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 3o 
Jafirg. 27 
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nossen hatten, stieg dieser Wille in mir auf, unabänder 
lich, riesenhaft. Ich haßte sie. Ich ballte aus meinem 
Haß Kräfte, Strahlen, die sie trafen und hinaustrieben. 
Hier von meinem Bett aus leitete ich ihre Sehnsucht, 
ihre Wünsche, ihren kleinen Mannwillen. Hier von 
meinem Bett aus kommandierte ich ihnen meine Befehle. 
Sie mußten. Sie konnten sich nicht wehren.“ Und sie 
hing lächelnd über seinem Gesicht, das er nicht wagte 
weiter fortzuwenden, aus Furcht, für furchtsam zu 
gelten. 
Er glaubte ihr nicht. Er hatte ihre Güte erfahren. Aber 
warum spielte sie dieses Spiel? Wollte sie ihn prüfen, 
aufstacheln? Wollte sie ihn reizen, denselben Weg zu 
gehen, den die beiden anderen gegangen waren? Ach, 
diese ganze Geschichte war ja so unwahrscheinlich! 
Einfach Unsinn, Sinnlosigkeit. Sie hatte sie erfunden. 
Vielleicht war diese Frau eine Literatin, die sich ihm 
verborgen hatte, um Experimente mit ihm zu treiben? 
Oder eine Mystikerin, die eine Freude darin suchte, 
das trainierte Gehirn eines Wissenschaftlers in Ver 
wirrung zu bringen. Zum Teufel, da sollte sie sich aber 
irren. 
„Ich glaube dir nicht — ich glaube dir nichts mehr“, 
wandte er sich heftig zu ihr. „Du phantasierst. Du 
machst dir Märchen zurecht. Du hast das alles er 
funden, um mich auf die Probe zu stellen.“ 
Schon war sie versucht, in der zügellosen Spielerei, 
in die ihre Nerven sie hineinrissen, auch dieses zuzu 
geben, als sie jenseits alles Spieles aufs tiefste erschrak. 
Er warf die Decke zurück, sprang auf die Erde, griff 
zu seinen Kleidern. Mit einem Satze war sie bei ihm, 
ganz Angst, aufgelöst, unsinnig. „Wohin willst du?“ 
Er stürzte sich in seinen Anzug und stieß sie zurück. 
„Ich will dir beweisen, daß dies alles wahnwitzige Ein 
bildung ist. Ich lasse mich nicht durch Märchen er 
schrecken. Ich will annehmen, daß du an das, was du 
mir erzählt hast, glaubst. Gut — ich werde dir zeigen, 
wie man Zufälle als Zufälle entlarvt, und wenn sie sich 
noch so mystisch und schicksalhaft auftun.“ 
„Du darfst nicht gehen! Ich beschwöre dich!“ Sie 
warf sich über ihn, wollte ihn hindern, seinen Anzug zu 
vollenden, zitternd, schluchzend. „Es ist so, wie ich es 
dir sage. O — du wirst nicht wiederkommen!“ 
Ihre Stimme überschüttete ihn mit eisigen Schauern. 
Ihm lief wahrhaftig Angst über den Rücken. Er riß sich 
zusammen. Das war doch einfach lächerlich. Er wollte 
doch sehen, ob er, Josef Zorn, sich von der Hysterie 
eines Weibes unterkriegen ließ. Er würde jetzt zum 
Meer hinuntergehen, würde seine Kleider — warum zog 
er sie eigentlich an? — wieder abtun — würde zehn 
Minunten hinausschwimmen ins mondhelle Meer und 
in einer Viertelstunde zurück sein. O, er würde auf 
merksam schwimmen. Gewiß war da nächtens eine 
eisige Strömung in der Nähe der Küste, in die die beiden 
toten Vorgänger hineingeraten waren. Der Vorgang 
war völlig klar, der Beweis ohne alle Torheit zu voll 
bringen. Und diese Frau — die er liebte — oder 
liebte er sie nicht mehr? — war von diesem Wahn 
geheilt. 
Nur nicht mehr reden, nicht mehr diese Stimme 
hören. Er riß das Jakett vom Stuhl, während sie liegend 
und wimmernd seine Füße umklammerte. „Du kommst 
nicht wieder! Du kommst nicht wieder!“ Sie fand keine 
andern Worte mehr. 
Er packte sie an, fest, sachlich. Löste sich aus dieser 
wahnwitzigen Umklammerung, wurde brutal. Da war 
er frei. „Warte!“ herrschte er ihr zu. „In einer Viertel 
stunde bin ich zurück!“ 
Sie schlug auf den Boden nieder. Er wandte sich nicht 
um, riß den Riegel zurück, stand draußen. Die Tür fiel 
hinter ihm ins Schloß. Er sprang die Treppe hinab. Da 
schämte er sich, hielt inne, überlegte und ging beherrscht 
weiter, langsam, dem Verstand wieder hingegeben. 
Als er in die Nachtluft hineintrat, hatte er sich wieder 
in der Hand. Er stellte im Schein der Türlampe die Zeit 
auf seiner Uhr fest: ein Viertel vor zwölf. Er schritt 
lächelnd den kurzen Weg zum Strand hinunter. Eine 
Bank lud zum Sitzen ein. Er schlug die Beine überein 
ander und sah die Bahn des Mondes in den breit heran 
rollenden Wellen. Wozu eigentlich hinausschwimmen? 
Es war ja Leichtsinn. Er war erregt, sein Herz ging in 
schweren Stößen. Es könnte in der Tat geschehen, daß 
ihm der Atem ausginge. Und dann würde diese Frau 
wahnsinnig werden, wahnsinnig werden an dem Gefühl 
einer Schuld, die sie nicht traf. Sie würde von der Un- 
sinnigkeit ihres Wahnes geheilt sein, wenn er nach der 
angesagten Frist wieder zu ihr ins Zimmer träte. Er be 
gann sich ganz behaglich zu fühlen, bemitleidete den 
Zweiten, der sich von ihrem Geständnis hinreißen ließ, 
sie zu widerlegen, den starken Mann machte, wirklich 
in die nächtliche See hinausschwamm. Man durfte nicht 
die Nerven verlieren. Ein Glück, daß er sich zur rechten 
Zeit aus der Atmosphäre dieses Zimmers, aus dem 
Klang ihrer Stimme gerettet hatte. Immerhin, merk 
würdig blieb dieser Zufall doch. Sollte sie vielleicht 
doch — aber das war ja einfach Roman, schlechter Film. 
Der Ablauf war ihm jetzt völlig klar. Der Erste — ihr 
erster Mann mochte in jener Nacht gefühlt haben, daß 
diese begonnene Gemeinschaft über kurz oder lang zu 
sammenbrechen mußte. Er hatte den Haß gemerkt, der 
ihrer Umarmung bereits entströmte. Er war geflüchtet, 
wollte sich klar werden, wollte einen Entschluß fassen. 
Um ruhig zu werden, ging er zum Wasser, nahm ein Bad, 
schwamm etwas zu weit hinaus, war von ihr ermüdet, 
übermüdet, verlor die Richtung, geriet in eine heftige 
oder vielleicht in eine kalte Strömung und ertrank. Der 
Zweite — ihr zweiter Mann, ließ sich von der Stimmung 
überwältigen. Er fiel auf die Hysterie herein, die sie 
hier zu der Stätte des ersten Unglücks, in dasselbe 
Zimmer, zurückgeführt hatte. Er war ein guter Kerl. Er 
liebte sie. Er wollte sie von der krankhaften Einbildung, 
sie trage die Schuld an dem Tode des ersten, befreien, 
schwamm hinaus, wurde während des Schwimmens 
übermütig, lachte wohl gar, während er sich da draußen 
in den Wellen tummelte, wollte sie ein wenig ängstigen, 
indem er länger ausblieb, als sie erwartete, blähte sich 
in der Vorstellung, wie er lachend zu ihr ins Zimmer 
treten, wie sie ihm in die Arme sinken würde, weinend, 
erlöst, ein neuer Mensch, der wieder ruhig schlafen 
könnte. Und da war die Schwäche über ihn gekommen, 
er hatte sich verzweifelt gewehrt, hatte geschrien 
Was war das? Schrie da nicht wirklich jemand? Oder 
war das ein Schuß? ... Er riß die Uhr heraus, Himmel, 
er saß bereits zwanzig Minunten hier und interpretierte 
sich diesen unwahrscheinlichen Fall. Wendula wartete 
; — Wendula — 1 — er sprang auf. Er raste den Weg zur 
Böschung hinauf. Lichter sprangen im Hotel auf. Als 
er in das Portal taumelte, schwankten Menschen auf den 
Treppen. Er stürmte hinauf. Vor Wendulas Tür standen 
ratlos leichtbekleidete Männer, in den Türspalten rings 
um hingen erschreckte, schlafbefangene Gesichter, Die 
Tür war verschlossen. Er warf sich mit dem Rücken da 
gegen. Schlüssel rasselten. Ein Eisen knirschte. Einmal. 
Mehrere Male. Die Tür gab nach. Die Männer sprangen 
zurück. Er taumelte den nachgebenden Flügeln nach, 
hinter ihm schoß ein Lichtkegel ins Zimmer. 
Da lag sie auf dem Teppich. Der Revolver neben ihr.
        
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