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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 4 
2 
EGON W • ST&ASSBUGGER 
Kß.cm 
achdem Kean als Kajütenjunge aus Madeira nach 
London zurückgekehrt war, schloß er sich einer wan 
dernden Schauspielertruppe an. 
Er spielte hier als Jüngling die unglaublichsten Rollen, aber 
sein Direktor hatte Augen genug, in ihm einen großen 
Künstler zu sehen. 
So plakatierte er auf englischen Dörfern: „Unser berühmter 
Kean spielt die Hauptrolle, daher doppelte Preise.“ 
Eine adlige Witwe las dies eines Tages und sie sah sich 
ln der Fremdenloge, die sich in einem Kuhstall befand, dem 
Jüngling Kean gegenüber. 
Sie war entsetzt über die Truppe, aber begeistert von ihm. 
Nach der Vorstellung lud sie den jungen Mann in ihr Schloß 
ein. Er kam, und in einem entzückenden Plauderstündchen 
widerstand sie nicht seinen Bitten. 
Da pochte es an die Tür. Alle männlichen Theaterspieler 
heischten Einlaß; sie seien dasselbe, was Kean sei, schrien 
sie. Die Baronin war entsetzt; ihr Ruf stand auf des Messers 
Schneide. 
„Edmund, du bist doch ein Kavalier“, stöhnte sie, „mache 
sie schweigen ... sie sollen verschwinden, diese Halunken!“ 
Kean schwang sich von seinem Lager empor, schlüpfte 
rasch in die Kleider des seligen Barons und legte sich den 
Faschingsbart eines alten Herrn um. 
Dann riß er die Tür auf und erklärte: „Ich lasse euch alle 
verhaften, ihr Gesindel.“ 
„Wo ist Kean?“ fragte der Direktor. 
Kean antwortete; „Ich habe ihn verprügeln lassen, als er 
es wagte, meiner Frau freche Anträge zu machen . . . und 
wenn ihr nun nicht geht, passiert euch das gleiche.“ 
Da flohen die Herren vom Thespiskarren entsetzt davon; 
denn der Baron hatte eine Pistole in der Hand, die immerhin 
geladen sein konnte. 
Als die Dienerschaft den Geist des Seligen vor sich sah, 
blieb auch sie nicht mehr vor Angst im Hause und Kean 
und die Witwe waren drei Tage und drei Nächte allein. 
Dann aber wurde es ihm zu langweilig und er floh vor 
Witwe und Liebe nach London, wo er nach diesem reizenden 
Abenteuer seine berühmte Karriere machte. 
* 
CUfred de DZusset 
D er elegante Dichter liebte die Sand (Aurora de Duve- 
dant) bis zum Wahnsinn; auch ihr Herz schenkte ihm 
die gefeierte Schriftstellerin und beide lebten in „freier 
Verehrung“ in Venedig zusammen. 
Da erkrankte der Poet an den Folgen seiner vielen Pariser 
Exzesse und die Sand verliebte sich im Krankenzimmer in 
den jungen Arzt des Freundes. 
Müsset tobte. Die Sand tröstete. Der Arzt lächelte. 
Als der Dichter wieder gesund war, reiste er sofort nach 
Paris, um in anderen Armen alles zu vergessen. Aber bald 
packte ihn wieder die alte Liebe zu Aurora. 
Die Sand schickte ihm in einem Paket eine Probe ihrer 
Dichterlocken. Sie bat, ihm ihr Haar als Zeichen seiner Liebe 
zu Füßen legen zu dürfen. Er jubelte über diese Innigkeit. 
Da kam eine Pariserin, ein süßes Kind von 19 Jahren in 
sein Heim, und sie, die ihn ebenfalls liebte, spottete; 
„Diese Haare hat ihr Friseur zusammengedreht und du 
drückst die Locken an deine Lippen . . . geschmacklos!“ 
Müsset besann sich, war entrüstet und schrieb sofort; „Un 
ästhetisch bis in die letzte Gehimfaser, mir den Kehricht 
eines Friseurs zu senden! Anbei schicke ich Ihnen für andere 
Verehrer diese Locken zurück. . . . Meiner kleinen Valerie 
schneide ich nach Herzenslust dafür ihre Härchen selbst ab . . 
sie ist jung, hat zwar keinen Geist, aber dreifache Glut. 
Müsset.“ 
Dann schloß er den Brief und küßte Mademoiselle Valerie, 
die ihm zuflüsterte: „Ohne Geist kann man viel zärtlicher 
sein.“ 
Und er trieb die Zärtlichkeit so weit, daß er zehn Wochen 
später unter Blumen auf dem Phre Lachaise lag. 
• 
OICartoLoe 
arlowe war ein Zeitgenosse Shakespeares. Er war der 
Wiedererschaffer des englischen Trauerspiels. Aber 
das interessiert den Leser mehr in Stunden geistiger 
Andacht; wichtiger für ihn ist nun das tolle Leben, das er 
führte. Sein Leben war ein Schwank mit erschütterndem 
Ausgang. , . . Trauerspielartig! 
Francis Archer, sein Nebenbuhler, war längst in Marlowes 
Geliebte verrannt und diese Geliebte, eine Dime aus London, 
schenkte dem Archer gern Gehör. Schon, um Marlowe 
grün und blau zu ärgern. Marlowe traf öfters den Rivalen 
bei Kitty und die kleine Dame soupierte dann mit ihren zwei 
Kavalieren zusammen. 
Wenn Marlowe Kitty küssen wollte, entschied diese, man 
müßte losen, wer der Glückliche werden sollte und Kitty 
wußte es so einzurichten, daß Francis Archer siegte. 
Hierauf kam immer die Wut über Christopher Marlowe 
und manchesmal, wenn der Dichter zu sehr tobte, sagte die 
Frau: „Gut, Marlowe soll meine Lippen küssen.“ 
Wenn Marlowe seine Verse vorlas, meinte eines Tages der 
andere: Rhythmus ist nur in der Liebe angebracht. . . , Nur 
in den Küssen, Poet!“ 
Marlowe schrie: „Wahnsinn! Die Kunst muß Rhythmus 
haben. — In der Liebe sind nur Wonne mit Schmutz vereint.“ 
Die Dirne war empört. 
„Ich hasse dich von dieser Stunde!“ Sie spie vor ihm aus. 
„Lachhaft“, erwiderte Marlowe. Und der Nebenbuhler 
meinte verächtlich; „So ein Kerl will ein großer Dichter 
sein. . . . Meine Poesie liegt in den Augen dieser Frau." 
Da ergriff den Dichter eine namenlose Erregung. 
„Poesie meinen Versen! Die Bestie im Blute schreit nach 
Weib.“ 
„Er höhnt dich, Kitty“, hetzte Francis. „Du bist für ihn 
doch nur die Dirne.“ 
Das Weib fühlte im Augenblick die Verachtung des einen 
Geliebten und sie stieß mit lauter Stimme hervor: 
„Töte den Versemacher, den Narren da!“ Und sie drückte 
Francis den Dolch in die Hand. 
Marlowe zog seinen Degen aus der Scheide. 
. . . Der Zufall wollte es, daß die Klinge ihm aus der Hand 
glitt und Francis stieß den Dolch ihm ins Auge. 
Marlowe fiel zur Erde und röchelte den letzten Reim seines 
Trauerspieles. . . . 
Die beiden warfen den Ärmsten in der Nacht in die Themse. 
Dort wurde er herausgefischt und in Deptford mit königlichen 
Ehren begraben.
        
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