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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. / 
Jahr#. T7 
JTfin Backfisch ist ein süßes Wesen, 
JLjman hat es immer in Büchern gelesen, 
man hat es verspürt am Abend, am Tage, 
beim Stelldichein, bei feinem Gelage, 
im Zoo, im Auto, in der Eisenbahn, 
das Leben fängt richtig heim Badefisch an. 
Oft ist er herb, oft ist er süß, 
oft ist er wie Hölle, oft Paradies. 
Er kichert, er lacht, auch platzt er vor Wut, 
sofern in Wallung und zornig sein Blut. 
Dann beißt er und kratzt er und laut wird der Ton, 
hilft gar nichts, dann „tritt“ der Fuß in Aktion. 
Eine junge, glühende Amazone — 
so ein Backfisch hat Feuer und ist nicht so ohne. 
Doch wenn die Sahne den Teller füllt, 
wenn Süßigkeit sich selig enthüllt, 
wenn Schokolade daneben dampft, 
sein Herz sich zusammen vor Freude krumpft, 
dann geht ein Schimmer wie Rosenschein 
zart über die Stirne des Mädchens, pikfein. 
Dann lallt dies Mäulchen: „Wie schön ist die Welt! 
Was brauch’ ich Schätze? Was hasch’ ich nach Geld? 
Ich bin so glücklich für zwo oder drei 
in der säßen, schönen Konditorei /“ 
Wenn der Backfisch am sieben des Abends genießt 
das Kino, vor Wonne er überfließt. 
Der Film, von Leidenschaft darchtränkt, 
im Herzen des Backfischs Feuer fängt. 
Er jubelt, wenn Asta Nielsen und Porten 
sich zeigen da und hier und dorten, 
er jubelt, wenn Liedike und Landa erscheinen 
mit fein gebügelten Hosenbeinen. 
„Das sind doch Männer“, sagt Else begeistert, 
die nie in Eleganz gekleistert. 
„Die Eleganz ist wahrhaft und echt, 
die Herren sind gerade zum küssen recht.“ 
Und Erich, der Hüter der Portokasse, 
wird eifersüchtig und schluchzt: „Ich passe 
nicht mehr za dir, Geliebte, o nein! 
Du mußt mit Liedike zusammen sein.“ 
Doch wenn das Kino geendet, ja dann 
Küßt Else voll Wildheit den Portomann 
und alles ist wieder in reiner Butter — 
bis abends kommt die sorgende Matter: 
„Wo warst du, Mädchen, wie siehst da aus? 
Komm nicht noch mal so spät nach Haus!“ 
* 
Es schwebt so etwas wie heiliger Schein 
über ein zartes Backfischlein. 
Halb Reinheit und halb na, na, na! 
Ihr lieben Mädchen ja, ja, ja! — 
Doch wie es auch sei, ob süß, ob 
verlogen . . . 
ich hin jedem kleinen Teufel gewogen. 
Und wenn ich ihn fasse — ob schlank 
oder rund: 
Ich küss’ aus Gewohnheit den 
Backfischmund. 
Franz Dax
        
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