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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 3o 
Jaßrg. 27 
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haftig, in dem Mädel steckte eine Prinzessin. Es war 
Zeit, daß sie in den „Salon“ kam. 
Sie nahm das Aschenputtel am Arm und zog sie 
beiseite. „Mädel, wenn du nur eine Toilette hättest! 
Aber, so kann ich dich doch nicht einführen. Einen 
eleganten Fetzen mußt du haben. Ich halte nun mal 
darauf. Das gibt meinem „Salon“ den Hintergrund. Eine 
Gesellschaftstoilette gehört zum Geschäft.“ 
„Sie wissen ja, Mutter Säuberlich, daß ich das Geld, 
mir Seide und Spitzen kaufen zu können, nicht habe. 
Wenn Sie Vertrauen zu mir haben, so leihen Sie mir. 
Sie können mir das Geld doch nach und nach abziehen.“ 
„Ich werde mir das überlegen, Kleine. Morgen, wenn 
die Pummericher weg sind, werden wir mal darüber 
sprechen.“ 
Else Bimmel, genannt Aschenputtel, weil sie nicht 
mehr als ein Sommer- und ein Winterkleid ihr eigen 
nannte, machte ein zufriedenes Gesicht. Sie wußte, 
Mutter Säuberlich hatte schon überlegt. Sie würde ihr 
zu einem Gesellschaftskleid verhelfen. Ihrer Aufnahme 
im „Salon“ stand nun nichts mehr entgegen. Nun 
brauchte Sie nicht mehr von ferne stehen und Zusehen 
wie die anderen sich amüsierten. Sie, das Aschenputtel, 
wollte sich schon verwandeln in eine Prinzessin, die alle 
überstrahlte. Neulich hatte sie das Bild einer Schau 
spielerin gesehen in einem entzückenden modernen 
Kleid. Den Schnitt hatte sie sich ganz genau gemerkt. 
Es war so einfach, sich das selbst herzustellen. Wenn 
sie nur erst den Stoff dazu hätte! 
„Die Limonadenjünglinge“ — das Wort wurde sofort 
von den Besucherinnen des „Salons“ aufgenommen — 
waren im Gasthof „Zum goldenen Ochsen“ ver 
schwunden, um das für sie vorbereitete Mittagessen 
einzunehmen. 
Die Bevölkerung Tutenhausens ging wieder ihrer 
täglichen Beschäftigung nach. Erst der Abend sollte 
sie mit den Gästen vereinen. Der Vorsitzende, Herr 
Paperling, wollte die Tutenhausener über Zweck und 
Ziel des Vereins auf klären. 
Frau Säuberlich hatte ihre Küchlein entlassen. Sie 
waren für den heutigen Abend beurlaubt. Morgen, das 
wußte Mutter Säuberlich, würde das Geschäft doppelt 
so gut gehen. Die Limonadenjünglinge würden ihr 
keinen Abbruch tun. Ihrer Kundschaft war sie sicher. 
Und mit einem zufriedenen Lächeln machte Frau 
Säuberlich sich auf den Heimweg. 
Frau Säuberlich hatte sich in ihrer Voraussetzung 
nicht getäuscht. Im „Salon“ drängten sich die Gäste. 
„Wißt ihr es denn schon? Wißt ihr es? Den Pum- 
merichern ist ihre Fahne verbrannt!“ 
„Die Fahne? Wie konnte das geschehen?“ 
„Als der Fahnenträger im Morgengrauen mit seinem 
Licht das Zimmer verlassen wollte, ist er der Fahne zu 
nahe gekommen. Das leichte Zeug fing Feuer und ist bis 
auf einen winzigen Fetzen verbrannt. Durch den ganzen 
„Ochsen“ hatte man den brenzligen Geruch verspürt.“ 
„Was hat das zu bedeuten?“ 
„Nieder mit dem ganzen Verein! Hoch der „Salon“ 
der Mutter Säuberlich!“ 
Heller Jubel brach aus. Mutter Säuberlich, die für den 
Schlaf der Nachbarschaft fürchtete, hatte Mühe, die 
Lustigkeit zu dämpfen. Immer wieder wurden die 
Gläser gefüllt, denn immer wieder mußten sie anstoßen 
auf den Untergang des Vereins zur Hebung der Sitt 
lichkeit und Moral. 
Plötzlich wurde der Jubel unterbrochen. Wie aus dem 
Erdboden gewachsen stand eine schlanke junge Dame 
unter ihnen. Ihr Haar war nach der neuesten Mode 
gesteckt. Ihr Kleid von modernstem Schnitt. 
Alle starrten die elegante Erscheinung an. Sie 
glaubten sie zu kennen und doch schien sie ihnen un 
bekannt. 
Mutter Säuberlich war es, die den Eindringling zuerst 
erkannte. „Herr des Himmels, das ist ja unser Aschen 
puttel! Mädchen, du siehst ja aus als ob du eben aus 
der Großstadt gelandet bist! Wo hast du denn man 
bloß die „Toilette“ her?“ Sie hatte ihre Hand auf die 
entblößte Schulter Else Bimmels gelegt, drehte und 
wendete sie nach allen Seiten. 
Else lachte, daß ihre Zähne blitzten. „Es ging auch 
ohne Ihre Hilfe, Mutter Säuberlich.“ Und in einem 
triumphierenden Lächeln glitten ihre Augen über die 
Anwesenden. 
„Das — das ist ja die Fahne, die der Limonaden 
jüngling getragen hat!“ schrie die blasse Erika. 
„Die ist doch verbrannt!“ 
„Ich lasse mich hängen, wenn ihr Kleid nicht aus 
der Fahne gemacht ist!“ 
Erika befühlte die grüne Seide und wies auf die 
Goldstickerei. „Seht doch, man kann ja die Buchstaben 
noch erkennen.“ 
Vor den sie Umdrängenden stellte Else Bimmel sich 
auf einen Stuhl und von da sprang sie auf den Tisch. 
„So, nun bin ich von allen Seiten zu sehen! Fein sehe 
ich aus, was? Die Buchstaben konnte ich nicht auf- 
trennen. Morgen werde ich ein paar Goldfäden darüber 
ziehen, dann wird aus den Buchstaben eben die 
schönste Bordüre.“ 
Langsam drehte Else Bimmel sich um sich selbst. 
Lose, nur von schmalen Achselbändern gehalten, hing 
die weiche Seide an ihr hernieder. Um die Mitte 
rankte sich eine goldene Stickerei. Es bedurfte nur 
einer geringen Mühe, in der Stickerei Buchstaben zu 
erkennen, die durch leichte Faltenraffung verzerrt und 
verstümmelt waren. Ein paar Buchstaben fehlten ganz. 
Aber, unschwer waren die Worte zu entziffern: „ein 
ur Hebung von Sittlichkeit u . . Moral.“ 
„Wahrhaftig!“ Mutter Säuberlich schlug auf den Tisch, 
daß die Gläser klirrten. „Else, Mädchen — hast du 
denn die Fahne gestohlen?“ 
„Gestohlen? Ja, glauben Sie denn, ich sei eine 
Diebin? Ich habe sie mir ehrlich verdient.“ 
„V e r d i e n t ? Ja, wer hat sie dir denn gegeben?“ 
„Wer denn anders als der Fahnenträger!“ 
„Der Fahnenträger selbst? Aber, wofür denn nur?“ 
Die blasse Erika drängte Mutter Säuberlich zur Seite 
und stellte sich vor Else Bimmel auf. 
„Na, wenn du das nicht weißt — ?!“ 
„Aber — sie ist doch verbrannt!“ schrie ein Stamm 
gast des „Salons“. 
„Quatsch! Das Theater mußte er doch machen, weil 
die Fahne verschwunden war. Die Fahne — das war 
eben meine Bedingung. — Na — nun kennt ihr den 
Verein zur Hebung von Sittlichkeit und Moral! — 
Hopsa — aufgepaßt — wer mich fängt, der hat mich.“ 
Else sprang vom Tisch herunter in ausgestreckte 
Arme, denen im Kampf um ihre Person beinahe die neue 
„Toilette“ zum Opfer gefallen wäre. Frau Säuberlich 
war es, die sie befreite, sie umarmte und ihr ins Ohr 
flüsterte: „Mädchen, du hast zwar selbständig gehandelt, 
aber — trotzdem — ich muß dich loben — “ Sie konnte 
nicht weiter sprechen. Man zerrte sie von Else fort und 
schrie nach Wein und Musik. 
Nun gab es kein Halten mehr. Ein unglaublicher 
Tumult brach los und wohl niemals hatte der „Salon“ 
einen so ertragreichen Abend gehabt wie den, nach 
dem Besuch des Vereins zur Hebung von Sittlichkeit 
und Moral.
        
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