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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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ÜN!V. 8!St, 
BERLIN. 
Nr. 29 
Jahrg. 27 
Nun wurde es ein paar Minuten still in der „Burg der 
Genießer“. Man starrte in den dunklen, mit flimmern 
den Sternen übersäten Himmel and lauschte auf das 
Plätschern und Rollen der Wellen. Es war, als habe die 
lustige Gesellschaft eine Lähmung befallen. Das 
Schweigen der Nacht hatte auch ihren Übermut zum 
Schweigen gebracht. 
Aber nicht lange dauerte diese Stille. Es klang Ge 
kicher auf und eine Männerstimme rief: „Kinder, wie 
wäre es, wenn wir uns jetzt ins Feuchte stürzen 
würden?“ 
„Herrliche Idee!“ Man klatschte in die Hände. 
„In das schwarze Wasser? Ich fürchte mich!“ 
„Schon wieder wollen Sie sich fürchten? Wenn ich 
bei Ihnen bin, kleine Frau, geschieht Ihnen nichts. Ich 
halte Sie fest. Überhaupt brauchen wir ja nicht tief 
hineinzugehen. Wir plätschern nur ein wenig umher 
und lassen uns vom Nachtwind die heißen Glieder 
kühlen.“ 
„Recht hat Martin. Mit dem Alkohol im Leibe wird 
mir immer heißer.“ 
Und nun krabbelten und sprangen sie empor. 
Reckten und streckten sich. Die Bewegungsfreiheit in 
der engen Burg war nur eine sehr begrenzte. Die 
Glieder waren ihnen steif geworden. 
„Du bist gar nicht lustig heut, Elisabeth.“ Baßwitz 
trat zu ihr und umschlang ihre Hüfte. 
„Nein, ich bin nicht lustig“, gab sie zurück. 
„An was denkst du?“ 
„Laß mich!“ Sie schüttelte ihn ab, wie ein lästiges 
Insekt. 
„Elisabeth — ich bin dir schon zuwider?“ 
„Geh zu Hedda“, sagte sie rauh. 
„Ah — bist du eifersüchtig?“ 
„Eifersüchtig?“ Verächtlich blickte sie ihn an. 
„Nein, mein Lieber, das kannst du nicht verlangen.“ 
Dann drehte sie sich um und ging auf Berg zu. „Wollen 
wir hinausschwimmen?“ 
Sie sah, wie seine Augen aufleuchteten. Er erwiderte 
nichts. Nickte nur zustimmend. 
Hedda war die erste, deren überschlanker, leicht 
gebräunter Körper in die Wellen schritt. Mit einem 
Jauchzer war Baßwitz neben ihr und riß sie vorwärts. 
Die anderen folgten ihnen. Sie reichten sich die Hände 
und begannen einen Ringelreihen zu tanzen. 
Hätten sie nicht so einen Spektakel vollführt, hätte 
man an einen Spuk glauben können. Phantastisch sah 
es aus, wie die weißen Leiber aus dem dunklen Naß 
emportauchten. Eine Welle verschlang sie und gab sie 
dann, weiß und silbrig leuchtend, wieder frei. Von 
Millionen glitzernder Schaumperlen umspült, standen 
sie mitten im Mondlicht. Denn der Mond hatte den 
Vorhang, hinter dem er sich verborgen gehalten, bei 
seite geschoben und sah voll Staunen auf das nächtliche 
Treiben hinab. Nun löste sich der Reigen auf und die 
Gestalten warfen sich der Länge nach in das Wasser. 
Elisabeth schwamm in den silbernen Streifen hinein, 
den der Mond zeichnete. Mit kräftigen Stößen kam 
sie vorwärts. Sie war eine gute und sichere Schwimme 
rin. Des Nachts war sie noch nie im Wasser gewesen. 
Hineinzutauchen in dieses flüssige Silber war ihr ein 
Hochgenuß. Ihr war es, als kühle Metall ihre Haut und 
dämpfte ihr aufgeregtes Blut. Ein ihr ganz fremdes 
Empfinden hatten die Worte Bergs in ihr hervor 
gerufen. Wer war dieser Mann und was wollte er von 
ihr? 
Da fühlte sie, wie sein Arm ihren Leib umschlang 
und wie er sie neben sich zog. Eine Weile schwammen 
sie so, dicht nebeneinander, schweigend die Mondstraße
        
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