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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 29 
Jahrg. 27 
23 
Und noch ehe der Schaum zerrann, floß der Wein 
durch ihre Kehlen. 
„Und nun zum dritten Male — dann sind wir mitten 
drin im Genuß.“ 
„Na — wer weiß“, wieder war es die krähende 
Stimme des kleinen Schwarzen, der den Einwurf 
machte. 
„Wer dann nicht genießt, der ist selber dran schuld.“ 
„Kommt darauf an, was man unter Genuß versteht.“ 
Nun ließ man sich wieder auf die roten Kissen nieder - 
fallen und griff lachend und schwatzend nach den auf 
gestellten Speisen. 
„Diesen Hummer zu verzehren, ist allein schon ein 
Genuß.“ 
„Einer von vielen, die uns noch erwarten.“ 
„Gott, wie kann man so materiell sein?“ Hedda, die 
eine große Hummerschere mit spitzen Fingern hielt, 
und sie in die Tunke tauchte, lachte dem Sprecher, der 
ihr gegenüber saß, zu. 
„Scheint Ihnen doch aber zu schmecken, Fräulein 
Hedda?“ 
„Ganz vorzüglich.“ 
„Ohne materielle Genüsse, keine geistigen und keine 
körperlichen. Sehen Sie, wenn Sie nur aus Geist be 
ständen, könnten wir Ihre körperlichen Vorzüge nicht 
genießen. Und ebenso umgekehrt. Wären Sie Körper 
ohne Geist, wie kämen Sie da zum Genuß?“ 
„Oh Gott, Sie sprechen von Geistern — ich fange an, 
mich zu fürchten. Sind Sie Spiritist?“ fragte eine der 
beiden Frauen, 
Ein lautes Gelächter folgte ihrem Ausspruch. 
„Ich sprach nicht von Geistern, sondern von Geist.“ 
„Na ja — und wenn mehrere beisammen sind — dann 
sind es Geister.“ 
Das Gelächter wurde jetzt brüllend und übertönte 
das Rauschen des Meeres. 
„Stimmt, gnädige Frau. Wir alle zusammen hier 
sind eine Geisterschar.“ 
„Um Gotteswillen, ich mache nicht mit.“ 
„Brauchen Sie auch nicht — denn Sie sind die Frau 
ohne Geis t.“ 
Nun kannte die Fröhlichkeit keine Grenzen. 
Die junge Frau, die merkte, daß man sie gefoppt 
hatte, kniff den Sprecher in den Arm. 
„Au!“ schrie er auf. 
„Soo — Sie fühlen das? Wenn Sie ein Geist sind, 
müssen Sie das gar nicht merken.“ 
„Mein Geist sitzt aber in einem Körper und der ist 
empfindlich. Und Ihr Körper, süße kleine Frau, wenn 
ihm auch kein Geist innewohnt, ist besonders reizvoll. 
Die Durchsichtigkeit Ihres Kleides gestattet mir dieses 
Urteil.“ Er umfaßte ihren Leib, zog sie an sich und 
drückte seine Lippen auf ihren Busen. 
„Ist denn der Körper nicht die Hauptsache?“ 
„In unserem Falle sicherlich.“ 
Elisabeth lag mit im Nacken verschränkten Händen, 
den Kopf zurückgelehnt und schaute der Reihe nach in 
die erhitzten, lachenden Gesichter. Sie selbst war 
bleich. Nur ein ganz klein wenig war ihre Haut von 
der kräftigen Seeluft gebräunt. In ihren Augen, unter 
denen, wie stets, leicht hingehauchte Schatten lagen, 
um sie groß erscheinen zu lassen, glitzerten helle Pünkt 
chen. Sie hatte nach dem Sekt zwei Gläser schweren 
Rotwein getrunken. Sie fühlte ihr Blut aufgepeitscht. 
Es schien flüssiges Feuer, das durch ihre Adern rann. 
Zwei rote Rosen hingen ihr tief in die Stirn und gaben 
ihrem Aussehen etwas Mädchenhaftes. Auf Hedda 
blieben ihre Augen haften, die, immer näher sich zu 
Baßwitz neigend, ihre Lippen in gefährliche Nähe seines 
Mundes brachte. 
„Dich dürstet, Kleine“, rief er, „warte, ich will dir zu 
trinken geben.“ Er bog ihren Kopf weit zurück und 
zwischen die halbgeöffneten Lippen goß er eine Schale 
Sekt. 
Prustend schnellte sie den Kopf zurück. „Das ist 
eine Gemeinheit!“ schrie sie und fuhr wütend fort: 
„Kleine! Immer nennt ihr mich Kleine! Ich habe mehr 
Erfahrungen hinter mir, als mancher von euch.“ 
„Was für Erfahrungen denn?“ riefen mehrere Stim 
men ihr zu. 
„Na, der Punkt Liebe.“ 
„Die Liebe ist also ein Punkt bei dir, Hedda?“ 
„Und ob. Ein großer, dicker, schwarzer Punkt, um 
den sich alles dreht. Manchmal kommt auch ein Strich 
dahinter.“ 
„Strich — ist gut!“ schrie der kleine Schwarze. 
„Zuweilen ein sehr dunkler Punkt“, sagte Baron Berg 
dicht an Elisabeths Ohr. 
Die sah ihn an und schwieg. 
.„Na, so beichte doch mal, wann hast du dein erstes 
Liebesabenteuer gehabt?“ 
„Sage, wieviel Erfahrungen du schon gemacht hast?“ 
r iefen andere Stimmen dagegen. 
„Ach, wenn ich das nachrechnen sollte!“ 
„Also, so toll hast du es schon getrieben?“ 
„Als ob ihr nicht wißt, daß der Flirt für die heutige 
Jugend ein Sport ist.“ 
„Den du recht ausgiebig und weitgehend betrieben 
hast.“ 
„Weil es ein Sport ist, der mir behagt. Und nun 
laßt mich in Ruh. Mit euch diesen Sport zu betreiben, 
habe ich keine Lust.“ 
„Na, na“, riefen mehrere Stimmen zugleich. 
Da streckte Hedda ihre kleine rote Zunge heraus, 
so lang wie sie war. 
„Hedda, ich weiß ja, wonach dich dürstet“, flüsterte 
Baßwitz ihr zu, „warte noch ein paar Tage.“ 
„Ich will aber nicht“, sagte sie eigensinnig, „Elisabeth 
braucht doch nichts davon zu wissen.“ 
Verblüfft sah er ihr in die Augen. „Du bist frech, 
Krabbe.“ 
„Na ja — frech. Schadet das was?“ 
„Nein, bei mir schadet das nichts. Im Gegenteil, es 
gefällt mir.“ 
Dann wandte er sich zu Elisabeth. „Baronin, 
wollen Sie es glauben, diese Hedda ist unglaublich 
frech.“ 
„Sie meinen, weil sie durch und durch unmoralisch 
ist?“ 
„Moral? Was ist das?“ mischte Baron Berg sich ein. 
Elisabeth sah einen Augenblick vor sich hin, dann 
erwiderte sie: „Moral? Ja — wenn man sie nicht emp 
findet, dann hat man das Recht, sich über das, was die 
Menschen so nennen, hinwegzusetzen.“ 
„Bravo! Baronin — ganz meine Meinung.“ Berg 
sprach so lebhaft, daß Elisabeth sich aufrichtete, ihn 
interessiert ansah und, sich ihm zuneigend, leise und 
eindringlich sprach: „Berg — sagen Sie mir jetzt, was 
Sie auf dem Gewissen haben.“ 
Em Lächeln legte sich um seinen Mund. „Wieso 
glauben Sie, daß ich etwas auf dem Gewissen habe? 
Und wie komme ich dazu, Ihr Interesse erregt zu 
haben?“ 
„Ich möchte nur wissen, ob mein Gefühl mich nicht 
täuscht.“ 
„Glauben Sie wirklich, Baronin, ich würde Ihnen ein 
mich kompromittierendes Geheimnis — wenn ich eins 
hätte — preisgeben, nur damit Sie wissen, ob Ihr Ge 
fühl Sie täuscht oder nicht? Nein, dazu fehlt uns die 
Intimität. 
Wir stehen uns noch fern, Baronin, aber — ich weiß 
es bestimmt, daß unsere Wege in kurzem zusammen 
laufen werden und dann wird Ninon de Barry er 
fahren, was ihr zu wissen nötig ist.“ 
Als er ihren zweiten Namen nannte, zuckte Elisabeth 
zusamen, dann aber sagte sie lächelnd: „Woher wissen 
Sie den Namen?“ 
„Ängstigt Sie das?“ 
„Ängstigen?“ erstaunt lächelte sie ihn an. „Warum 
sollte mich das ängstigen?“
        
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