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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 29 
Jahrg. 27 
22 
„Wer sagt Ihnen denn, daß ich fort will?“ Die Be 
rührung seiner Hände empfand sie wie einen elek 
trischen Strom, der durch ihren Körper ging. 
„Elisabeth, komm in die Dünen. Man könnte uns 
hier überraschen.“ 
„In der Hitze, mein Junge. Wir würden den Sonnen 
stich kriegen.“ 
„Dann komm mit zu mir.“ 
„Du wirst kühn, mein Kleiner.“ 
„Du hast mich kühn gemacht." Er griff nach ihren 
Nun ließ man sich wieder auf die roten Kissen niederfallen... 
Strümpfen. „Ohne Schuh und Strümpfe kannst du 
nicht gehen. Komm, ich helfe dir hinein.“ 
* 
Der kleine Baßwitz hatte Wunder vollbracht. In 
festlichem Glanze erstrahlte „die Burg der Genießer“, 
wie sie von den übrigen Badegästen genannt wurde. 
Zwar war es nur ein matter Schein, cJ er von vier, mit 
roten Gazeschleiern verhängten Windlichtern hervor 
gerufen wurde, der aber Helligkeit genug gab, um das 
festliche Gewand dieser kleinen Höhle zu erkennen. 
Neben jedem Sitz waren Büschel von roten Rosen in 
den Sand gesteckt. Die Holzplatte, die in der Mitte der 
Grube den Tisch bildete, war mit Rosenblüten über 
schüttet. Delikatessen und eine Batterie Flaschen 
standen bereit. Sämtliche Sitze waren mit purpurroten 
Sammetkissen belegt, auf denen je ein Kranz aus Rosen 
ruhte. 
Um elf Uhr, als der Strand leer wurde von Menschen, 
die in der kühlen vom salzigen Meergeruch durch- 
schwängerten Abendluft Erholung gefunden hatten, 
fand sich Elisabeths Gesellschaft zusammen. Kurt 
Baßwitz empfing sie an den Stufen, die in die Unter 
welt führten. 
„Donnerwetter, Baßwitz, wer hat Ihnen denn die 
Kultur eingehaucht?“ 
„Die gnädige Frau.“ Baßwitz hielt Elisabeth die Hand 
entgegen, um ihr beim Herabsteigen behilflich zu sein. 
Er drückte ihre Finger so, daß es sie schmerzte und sie 
aufschrie. 
„Mit diesem Händedruck zeigen Sie keine Kultur.“ 
„Die Freude, Sie zu sehen“, flüsterte er ihr ins Ohr. 
„Und die Kränze? Kurtchen, was soll mit ihnen ge 
schehen?“ schrie Hedda, „die keusche Jungfrau“ aus 
Berlin W. 
„Aufsetzen.“ 
„Himmlische Idee! Sie riß ihre Kappe vom Kopfe 
und drückte die Blüten in ihr schwarzes Wuschelhaar. 
„Kurtchen, haben Sie auch an einen Spiegel gedacht? 
Man will doch sehen, wie man aussieht, mit so einem 
Festkranz.“ 
„Noch pikanter als sonst, Heddakind, zum Anbeißen 
— ich werde Ihnen das nachher beweisen.“ 
„Ach, Sie“ — und Hedda schob den kleinen 
schwarzen Kerl, der sich neben sie gedrängt hatte, bei 
seite. „Sie wissen doch, daß ich mir aus Ihren Kom 
plimenten nichts mache.“ 
„Aber — warum mir gegenüber so grausam, wo doch 
andere —“ 
„Weil Sie nicht mein Geschmack sind. Und nun 
lassen Sie mich zufrieden. Frank komm, sieh, ob der 
Kranz sitzt und wie er mich kleidet.“ 
Frank, ein hellblonder junger Mann mit schlaffen, 
abgelebten Zügen trat vor sie hin und hielt ihr einen 
Spiegel entgegen. „Sieh selbst, wie nett du aussiehst.“ 
„Nett — was ist das für ein Ausdruck? Nett! 
Weiter nichts, als nett?“ 
„Du hast recht, ich habe mich im Wort vergriffen. 
Du siehst nämlich sehr verführerisch aus.“ — Seine 
Züge belebten sich ein wenig. 
Hedda war schon auf ihren Sessel gesunken, hielt 
den Spiegel in der Rechten und zupfte an ihren Haaren 
herum. „Steht mir wirklich ausgezeichnet. Gut, daß 
du einen Spiegel hast. Wäre schade, wenn ich mich 
nicht hätte beaugenscheinigen können.“ Sie reichte 
ihm den Spiegel zurück. „Bleib an meiner Seite, du 
sollst mein Kavalier sein für diesen Abend, der Baßwitz 
wäre mir lieber, aber, der hat ja nur Augen für Elisa.“ 
„Nett von dir, daß du mir das sagst.“ 
„Schon wieder nett! Wo hast du nur das Wort her?“ 
„Du tust gerade, als ob ich es heut zum ersten Mal 
gebrauche. Damit läßt sich so vieles abtun. Ich wende 
es sehr oft an.“ 
„Abtun ist sehr richtig. Es gibt dasselbe wieder wie 
eine fortschiebende Handbewegung.“ 
„Du hast also Absichten auf Baßwitz? Übrigens 
habe ich bemerkt, daß du heut im Bad stark kokettiert 
hast mit einem alten Herrn, der immer um dich herum 
pendelte.“ 
„Es machte mir Spaß, seine verliebten Augen zu 
sehen. Und welche Mühe er sich gab, mein Bein zu 
erhaschen. Er schwimmt gut. Doch ich bin flinker als 
er. Aber schließlich tat er mir leid. Ich schwamm unter 
Wasser und war dann dicht neben ihm.“ 
„Du bist ein Teufel.“ 
„Nur einer?“ 
„Zehn, vielleicht auch mehr. Aber sage mal, du, 
meiner bist du wohl überdrüssig?“ 
„Wenn ich offen sein soll — ja. Man muß dir das 
Feuer erst einblasen und das langweilt mich. Der Baß 
witz hat mehr Temperament als du.“ 
„Glaube doch das nicht. Der ist den Frauen gegen 
über genau so blasiert, trotzdem er acht Jahre jünger 
ist als ich. Das ist Strohfeuer. Sinkt zusammen, sobald 
das neue alt geworden ist. Du wirst ja sehen, lange 
dauert die Geschichte mit der ( Baronin nicht, dann 
kannst du dich ihm ja anbieten.“ 
„Was habt ihr miteinander zu schwatzen? Seht ihr 
nicht, daß ich die Gläser gefüllt habe?“ 
Baßwitz, der auf der anderen Seite neben Hedda Platz 
genommen hatte, hielt sein Glas erhoben. „Also, ich 
bitte die Runde, sich zu erheben und mit mir an 
zustoßen auf den Genuß.“ 
„Warum nicht auf die Liebe?“ fragte der kleine 
Schwarze. 
„Weil mir der Genuß höher steht, als die Liebe und 
weil der Genuß die Liebe mit einschließt.“ 
Alle hatten sie sich erhoben, standen mit bekränzten 
Häuptern phantastisch anzusehen in dem matten roten 
Licht. Lachend ließen sie die Gläser aneinanderklingen- 
und tranken sie in einem Zuge leer. Die Herrjen 
griffen nach den Flaschen und füllten von neuem die 
flachen Schalen. 
„Die zweite Runde. Aus!“ kommandierte Baßwitz.
        
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