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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 29 
Johrg. 27 
18 
lief sie. Dahin das süße heimliche Glückl Dahin die 
Abwechselung, deren sie bedurfte, um nicht zu ver- 
stumpfen und zu veröden! Das durfte nicht geschehen, 
nein, niemals! 
Sie bat den Geliebten, zu gehen. Sie erhoben sich. 
Dort saß das indiskrete Ehepaar noch immer auf seinem 
Platz. O, diese erbärmlichen Menschen, die vermeinen, 
aller Rücksicht, jedes Feingefühls entbehren zu dürfen, 
wenn sie nur Geld haben. O, wie sie sie verachtete,haßte! 
Hochaufgerichtet, in stolzer Haltung, rauschte Liane 
vorüber, mit hochmütigem Blick über das Ehepaar hin 
wegsehend. 
Als sie sich draußen auf der Straße befanden, blieb 
Liane einen Augenblick stehen, reckte und dehnte sich, 
wie um all die ungesagten Erbärmlichkeiten, die sie da 
drinnen hatte hinunterschlucken müssen, wieder auszu 
atmen. 
„Was nun?“ fragte sie den Geliebten. 
„Ja, was nun?“ wiederholte er mechanisch. 
Sie war überlegender, zielbewußter. „Wir haben eine 
kurze Spanne Zeit für uns. Für die nächsten Tage werde 
ich dafür sorgen, daß niemand an meinen Mann heran 
kommt. Dann aber müssen wir fort aus Berlin.“ 
Klaus war erschrocken. „Und meine Stellung?“ 
„Liegt dir an deiner Stellung mehr, als an mir?“ Ihre 
Stimme klang gereizt. „Willst du mich aufgeben? Dich 
scheu zurückziehen bei der ersten Prüfung? Nun gut, 
brauchst es nur zu sagen.“ 
Die Tränen waren ihm nahe. Lianen entsagen? Un 
möglich! Lieber hinein ins Ungewisse, in Elend und 
Not vielleicht, aber doch mit ihr gemeinsam. 
Allmählich beruhigten sich beide, die gereizten 
Nerven revoltierten nicht mehr. Fast geschäftsmäßig be 
sprachen sie ihren Plan. Erst wollten sie nach Hamburg 
gehen und von dort nach Buenos Aires, wohin er für 
sein Geschäft in der nächsten Zeit sowieso reisen sollte. 
Die Ausreisepapiere besaß er bereits. Bis dorthin würde 
Lianens Gatte sie nicht verfolgen, denn er fürchtete die 
Seekrankheit. In der großen argentinischen Hafenstadt 
aber, in der sich so viele Deutsche in guten Positionen 
befanden, konnte es auch Klaus nicht fehlen. Liane 
sprach so überzeugend, daß Klaus Unruhe und Zu 
kunftssorge energisch von sich abschüttelte. 
Noch einmal brachte Klaus seine zagenden Bedenken 
vor. „Vergiß nicht, was du auf gibst: Glanz, Reichtum, 
Stellung.“ 
Geringschätzig zuckte sie die Achseln. „Ich liebe dich, 
und meine Liebe ist so groß, daß ich dies alles nicht 
vermissen werde.“ 
Programmäßig verlief die Flucht. Liane, der es ge 
lungen war, sich die zur Reise nach Argentinien er 
forderlichen Dokumente sehr schnell zu verschaffen, 
zeigte sich auf der Reise von siegender Anmut und 
triumphierender Hoffnungsfreudigkeit. Selige Wochen, 
in denen ihnen die kleine Schiffskabine schöner dünkte, 
als der glänzendste Prunksalon. Das Leben im Paradiese 
mußte schal gewesen sein, gegen diese Sonnentage des 
Glucks, das ihnen jede Stunde zur Weihestunde machte. 
Nur sich allein lebten sie, nicht ermüdend, einander 
anzuschauen, sich die Hände innig zu drücken und 
heimliche Zärtlichkeiten auszutauschen. 
Über ein halbes Jahr bereits weilten sie in der argen 
tinischen Hauptstadt. Die ersten Wochen waren ihnen 
verflogen, ohne daß sie zur Besinnung kommen konnten. 
Das neue, fremdartige Milieu der exotischen Stadt 
reizte ihr Interesse, die schöne Umgebung erfüllte sie 
mit Bewunderung. An den Spätnachmittagen saßen 
sie meist in Palermo, dem Hauptvergnügungsort von 
Buenos Aires. In diesem natürlichen Palmengarten, 
bei den Klängen der guten Kapelle, beim Anblick der 
köstlichen Korsofahrten, lebten sie ein Märchendasein. 
Es war wie in einem verzauberten Schloß: er der Prinz, 
sie die Prinzessin! 
Allmählich erst kamen sie wieder ins Alltagsgleise. 
Nun begann Klaus sich um eine Anstellung zu be 
mühen. Nicht so leicht war es für ihn, unterzukommen. 
Seine Sprachkenntnisse waren gering, die besseren 
Positionen besetzt, und so mußte es Klaus für einen 
Glücksfall ansehen, als er nach monatelangem Be 
mühen eine kleine Buchhalterstelle ergatterte. 
Darüber waren ihre Barmittel zusammengeschmolzen, 
denn Liane, wie die meisten Frauen aus reichem 
Stande, achtete das Geld nur insoweit, als es zur Be 
friedigung ihrer luxuriösen Bedürfnisse diente. Sie 
hatte es mit vollen Händen ausgegeben. Wie der Luft 
zum Atmen, so benötigte sie des Geldes zum Leben, 
ohne weiter darüber nachzudenken. Sie nahm beides 
als etwas Selbstverständliches hin. Und Klaus war es 
zu peinlich, der Geliebten Vorstellungen zu machen. 
Nun aber war der Zeitpunkt gekommen, da die Not 
wendigkeit Einschränkungen erforderte. Ihm tat es 
nichts. 
Anfänglich nahm es auch Liane mit Gleichmut hin. 
Gott, dann ißt man eben eine Zeitlang weniger gut. 
Doch aus dem Zeitlang wurde eine lange Zeit. Die 
nüchterne Prosa verwehte den zarten Blütenstaub ihrer 
Liebe. Immer begehrlicher schweiften Lianes Gedanken 
nach Berlin, wo sie Reichtum und Behaglichkeit ver 
lassen, um einer Aufwallung des Herzens zu folgen. 
Nicht, daß sie Klaus weniger lieb hätte! O nein, das 
mochte sie nicht sagen. Indessen, ohne Liebe kann man 
leben, nicht aber ohne Geld. 
Noch ein paar Jahre dieses proletarischen Daseins, 
und ihr Gesicht würde Falten bekommen, scharfe Züge, 
alt werden vor der Zeit! Sie schauerte zusammen. Das 
Alter fürchtete sie mehr noch als den Tod. 
Erst täglich, dann stündlich kam Liane der Gedanke, 
das Joch der Armut abzuschütteln, zurückzukehren zu 
dem Manne, der ihr so viel geboten. So viel Schönes, 
was sie damals mißachtete. Wer immer nur im lichten 
Raum sitzt, glaubt nicht an dunkle Stelle. Jetzt saß 
sie ganz in der Finsternis. 
O, wie gut hatte sie es bei ihrem Manne gehabt! Der 
würde gutmütig und vernarrt genug sein, ihr zu ver 
zeihen und sie wieder in Gnaden aufzunehmen. Sie 
brauchte ihn nur ein bißchen kokett anzublinzeln, und 
sie hatte ihn wiedergewonnen, und er saß aufs neue in 
der Schlinge. 
AH’ das bohrte und bohrte in ihr. Was hatte dieses 
armselige Leben doch aus ihr gemacht! Ihren Stolz 
gedemütigt, ihre Liebe zerbrochen, ihr Selbstbewußtsein 
vernichtet. Sie war mürbe geworden. Ihr Charakter 
war auf den Kopf gestellt; das Hohe in ihr erniedrigt, 
das Niedrige in ihr erhöht. Aber nöch hielt sie aus. 
Noch war die Scham vor der Verachtung des Geliebten 
stärker, als der Wunsch nach Rückkehr. Bis ein Er 
eignis eintrat, das alle Bedenken verjagte. 
Ihre Garderobe war defekt geworden, sie bedurfte der 
Erneuerung, Liane mußte sich neu einkleiden. Zum 
ersten Male seit ihrer Verheiratung hieß es für Liane, 
auf Seide und Wolle zu verzichten und mit den billigsten 
Stoffen vorlieb zu nehmen. Das war das Schlimmste, 
was ihr passieren konnte. Der Armeleutestoff brannte 
ihr auf dem zarten, gepflegten Körper. Sie fühlte sich 
grausam unbehaglich in den billigen Kleidern, geradezu 
deklassiert, erniedrigt, entwürdigt. Ihr war miserabel 
zu Mute. Die widerlichen Kleider steigerten ihre Nervo 
sität zu Verzweiflung. Das war kein Leben mehr, das 
war ein Verkümmern. Unhaltbarer Zustand! 
O, diese Kleider, diese Fetzen, diese Lumpen! Sie 
machten sie wahnsinnig! 
Und nur ein Gedanke beherrschte sie jetzt, und er 
kam immer wieder: „Zurück nach Berlin! Zurück nach 
Berlin!“ 
Als Klaus eines Abends aus dem Büro heimkehrte, 
war Liane davongeflogen. Der Dampfer, der morgens 
abgegangen, führte sie nach Deutschland. Nur einige 
gequälte, inhaltslose Zeilen. Die kläglichen Reste einer 
großen Leidenschaft. 
Er ballte die Faust, und während ihm die Tränen aus 
den Augen schossen, schrie er immer wieder, immer 
wieder: „Diese Dirne! O, diese Dirne!“
	        
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