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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 29 
16 
JULIUS 
laus Hopfe war reichlich toll verliebt 
in die schöne Frau. Dreißig Jahre war 
er alt geworden, ohne daß sein Herz 
ernstlichen Attacken ausgesetzt ge 
wesen. Keine seelischen Beschwerden 
hatten ihn bis dahin heimgesucht. Er 
lebte vergnügt und friedlich, flirtete 
bald hier, bald dort, ohne tieferes Ge 
fühl, und war ein oberflächlicher 
Liebesamateur geblieben. Aber nun hatte es ihn gepackt, 
fest und bezwingend. Aus der zahmen Liebelei mit der 
schönen Frau Liane war die große Leidenschaft seines 
Lebens geworden. Sein Geschick war mit dem ihrigen 
zusammengekettet, unlöslich. Er, der kühle Skeptiker, 
war sich selbst entsprungen. Fiebernd, wie ein unreifer 
Primaner, harrte er der Stunden, die ihn mit ihr zu 
sammenbringen sollten. Deren gab es leider nicht viele. 
Lianens Mann war zwar behäbig, bequem und neigte 
nicht zur Eifersucht, doch ihre Ehe und gesellschaftliche 
Verpflichtungen kürzten ihre freie Zeit. Sie empfand 
es schmerzlich, denn ihr war der Gatte zuwider, der 
zwanzig Jahre älter war als sie und sie durch seinen 
Reichtum einst geblendet hatte. Es war keine Ehe, es 
war ein Leben zu zweien. Der Mann trug sie zwar auf 
Händen, aber die Hände waren ihr zuwider. Zu dem 
molligen Nest, das er ihr gebaut, hatte er nach Raub 
vogelart die Wolle anderer verwandt. Und die tempe 
ramentvolle junge Frau, die das bald erkannt, wurde 
davon abgestoßen, sie fühlte sich geniert, wenn sie auch 
in der besten Gesellschaft verkehrten. Er war eben 
reich, und nach der Ziffer des Vermögens rundet sich 
die Achtung der Mitwelt. Die Welt urteilt nach dem 
Schein. — Zwar über das Benehmen ihres Mannes 
konnte Frau Liane durchaus nicht klagen. Er war auf 
merksam, liebenswürdig und erduldete ihre Launen; es 
erfüllte ihn schon mit Befriedigung, mit seiner schönen 
Frau paradieren zu können. Er protzte mit ihr, wie mit 
den Brillanten, die er selbstgefällig zur Schau trug. 
Alle Welt beneidete Frau Liane um die gute Partie; sie 
habe ihr Glück gemacht, hieß es. Und doch war sie 
nicht glücklich. Ihre Ehe war ein ständiger Wintertag; 
die Sonne schien, aber es war kalt. Sie fror. 
Warum sie ihn geheiratet hatte? Oft hatte sie darüber 
nachgedacht. Dieser kahlköpfige, gutmütige Mann war 
ihr zuerst gar nicht so sehr auf die zarten Nerven ge 
fallen. Als er der jungen Waise, die an ein luxuriöses 
Leben gewöhnt war, seine Werbung vorbrachte, und sie 
damit der drohenden Not entriß, war ihr Herz frei 
gewesen. Sie fürchtete sich vor dem Elend, die Eltern 
hatten nur wenig hinterlassen — warum sollte sie nicht 
zugreifen? Ihre Schönheit bedurfte des Reichtums. Und 
die Liebe? Gott, sie verglich sie mit den Gespenstern! 
So viele glauben daran, und doch hat sie noch niemand 
kennen gelernt. 
So hätte sie an der Seite des gleichgültigen Mannes 
ruhig weiter dahingedämmert, — da mußte sich nun ihr 
und Klaus’ Lebenspfad kreuzen. Auf Helgoland war’s; 
ihr Mann kurierte sich in Marienbad von seinem Fett. 
Liebe auf den ersten Blick — das war das Zeichen, 
unter dem sie beide standen. Half nichts, daß sich 
Frau Liane gegen diese Liebe auf lehnte, die ihr unbe 
quem war und so gar nicht in ihr Lebensprogramm 
hineinpaßte. Nützte nichts, daß sie beide versuchten, 
durch zeitliche Trennung diese aussichtslose Leiden 
schaft aus dem Herzen zu jagen — sie saß fest. Der 
ungewünschte Gast ließ sich häuslich nieder und dachte 
nicht daran, wieder davonzugehen. 
In mancher nachdenklichen Zukunftssorgenstunde 
war es Frau Liane schon leid geworden, daß sie auf 
KNOPF 
Helgoland ihrer Leidenschaft so vollkommen die Frei 
heit gegeben. Indes, was half nun alles Lamentieren und 
Spintisieren?! Sie allein trug die Schuld. Keiner ihrer 
Wünsche war ihr bisher versagt worden — es verlangte 
sie nach Klaus’ Liebe — und sein Herz kapitulierte be 
dingungslos. 
Kein Wunder! Noch niemals war Klaus Hopfe einer 
derartigen Frau begegnet, die so ganz Dame und Weib 
zugleich war. Es gibt Menschen, denen gegenüber man 
eine kosende Namensverkürzung nicht anwendet. So 
war es noch nie jemandem eingefallen, die stolze Frau 
Liane in eine neckische Li oder in eine gezierte Lia zu 
verwandeln. Ihr augenfälliges Selbstbewußtsein, ihr vor 
nehmes Auftreten, die Unnahbarkeit der schlanken Er 
scheinung verboten die vertrauliche Abkürzung. 
Zwei Jahre waren seit Anbeginn ihrer Bekanntschaft 
mit Klaus Hopfe vergangen. So oft sie es vermochte, 
traf sie mit ihm zusammen. Meist in entlegenen Gegen 
den, wo sie sicher war, nicht gesehen zu werden. Sie 
mußte vorsichtig sein, denn eine Entdeckung hätte die 
Trennung von Klaus nach sich gezogen. Sie wußte, ihr 
Mann war derartig vernarrt in sie, daß er, anstatt die 
Scheidung einzuleiten, sie nicht aus den Augen lassen 
würde. Und der Gedanke, ihn immer zur Seite zu haben, 
erfüllte sie mit Abscheu. 
Doch neben dem Gefühl der Liebe beherrschte sie 
die Vorsicht. Der Ruf einer Frau ist dünner als ein 
Spinngewebe, und gar erst der Ruf einer schönen Frau! 
Die häßlichen Vertreterinnen ihres Geschlechts 
wünschen nichts sehnlicher, als ihn zu vernichten. Das 
einzige, was sie tun können, um sich an der Natur, die 
sie schnöde behandelt, zu rächen. 
Darum ließ Liane den Geliebten lieber einmal ver 
gebens warten, ehe sie sich einer Gefahr aussetzte. 
Aufregende, qualvolle, zermürbende Stunden — die des 
nutzlosen Wartens. Sie rüttelten an seinen Nerven, 
vernichteten seinen Stolz, verwundeten seine Eitelkeit, 
schwächten sein Selbstgefühl. Aber niemals dachte er 
daran, ein Ende zu machen; die Leidenschaft überwand 
alle Bedenken. Wenn Liane in ihrer strahlenden Schön 
heit erschien, waren all die einsamen Stunden der 
Seelenqual verschwunden, entschädigten ihre Lieb 
kosungen ihn für die Pein, die er erduldet. Die Tage, 
da er sie nicht sah, existierten für ihn nicht; er vege 
tierte von einem Beisammensein zum andern. Wohl 
wußte er, daß sein Gefühl tiefer war, als das Lianens, 
doch seine Liebe ward dadurch nur noch leidenschaft 
licher. 
Da brach die Katastrophe über sie herein. In das 
kleine, entlegene Vorortslokal, in dem sie vergnügt und 
verliebt bei einer Flasche Burgunder saßen, trat ein Ehe 
paar, das Liane kannte. An ein Entrinnen war gar nicht 
zu denken. Hieß es also, tapfer sein und aushalten. 
Schwer genug wurde es Liane. Sie fühlte die schaden 
frohen Blicke dieses Weibes auf sich ruhen, deren böse 
Zunge gefürchtet war, wie die Grippe, und die so 
wenig Vornehmheit besaß, daß sie Takt und Zartge 
fühl für die überflüssigsten Dinge auf der Welt hielt. 
Sie war verloren, das sah Liane ein. Vielleicht gab ihr 
das Weib da noch eine kurze Galgenfrist, um sie noch 
länger im Netze zappeln zu lassen, aber dann wußte es 
außer der gesamten Bekanntschaft auch ihr Mann. 
Totsicher. — Mechanisch trank Liane den schweren 
Wein, der sie erhitzte. 
Und sie dachte an die Folgen. Ihr Mann glaubte sie 
im Opernhaus, und sie saß hier in der Mausefalle. 
Würde einen Hauptskandal geben! Und das Schlimmste 
— der teure Gatte würde sich an sie heften, wie ein 
Detektiv, zähe, nicht abzuschütteln. Ein Schauer über-
        
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