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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 29 
10 
»ESCHICHTE VON 
HEBE UNO WEMPF äüt OER ZEIT PETER OES 
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GROTTE 
s war im Jahre des Heils dreizehn- 
- hundertundeinundsechzig. 
Einsam lag Schloß Burgos im Glanze 
der aufgehenden Sonne Kastiliens. Die 
Hallen, in denen König Peter das Licht 
der Welt erblickt hatte, waren verwaist. 
Kein Höfling bestaunte die kalte Pracht 
der Säle, kein eisernes Klirren von 
Ritterrüstungen und Heldenschwertern 
tönten vom Hofe herauf, wie vor kurzer Zeit, da Peter 
der Grausame mit stolzem Lachen zu Pferde gestiegen 
und mit seinen Edlen hinausgezogen war zum Kampf 
gegen aufständige Rebellen, die seinen Launen zu 
trotzen wagten und sich unterfangen hatten, der Köni 
gin zuliebe gegen Donna Maria Padilla, seine schöne 
Geliebte, schmähende Worte auszustoßen. Der Löwen 
brunnen im Hofe spie keine glitzernden Wasserstrahlen 
mehr gen den tiefblauen Himmel und die feuchte 
Morgendämmerung kroch durch die weiten Wandel 
gänge und tropfte leise von den geschwungenen Bogen 
der maurischen Säulenkapitel. 
Zwei Rivalinnen bewohnten das Schloß, von denen 
die eine eine hohe, schlanke Frau aus fürstlichem Ge 
blüt und die andere eine zierliche, anmutige Edeldame 
mit den großen, dunklen Augen der heißblütigen Frauen 
Estramaduras war. Die hohe, schlanke Frau war Köni 
gin Blanka, die Tochter Peters von Bourbon, deren 
sanfte Schönheit Frankreichs begeisterte Troubadoure 
und Spaniens stolze Sänger in klingenden Liedern ge 
feiert. Die andere war Donna Maria Padilla, des 
Königs Geliebte, die stolze Gebieterin über Kastilien, 
über Palencia und Walladolid, Avila, Segovia, Bogrouo 
und Santander, die mit einem einzigen leichten Kosen 
ihrer schmalen, weißen Hände die Zornesfalten von 
des Königs Stirne strich und mit einem kleinen 
Lächeln sich den Willen des mächtigen Herrschers zum 
Sklaven machte. 
Maria Padilla lag in den knisternden Spitzen ihres 
großen Bettes. Vor ihr standen der Burghauptmann, 
verschiedene Würdenträger und ihre Zofen. Das be 
rückend schöne Weib lag nachlässig in den Kissen und 
nahm die Berichte des Burghauptmanns entgegen. 
„Seht mich nicht so begehrlich an, wenn ich mit Euch 
spreche, edler Herr”, scherzte die Donna grausam. 
„Meine Schönheit ist nur für den König da, und wer 
sie ihm stiehlt, verliert seinen Kopf.” Der Ritter kniete 
nieder und küßte hündisch ergeben seiner Gebieterin 
weiche, weiße Hände. 
„Ist die Königin aufgestanden?” 
„Ihre Dienerinnen kleiden Ihre Majestät soeben an”, 
antwortete eine Zofe. 
„Schön, die Königin wird mit dem Frühstück warten, 
bis ich fertig bin.” Und als sie die entsetzten Blicke 
der Umstehenden sah, runzelte sie ihre Stirn und setzte 
scharf hinzu: 
„Oder wißt ihr nicht, wer in Burgos Herrin ist? — 
Hinaus, Gesindel!” Die Würdenträger verbeugten sich 
tief und zogen sich zurück. 
Königin Blanka wartete in dem hohen Speisesaal auf 
ihre Rivalin. Die Königin, die nur Königin war, um an 
der Seite Peters sich dem Volke zu zeigen, und die 
noch nie ein freundliches Wort aus dem Munde ihres 
königlichen Gemahls gehört hatte, stampfte leiden 
schaftlich mit dem Füßchen auf. 
„Schmach und Schande, daß eine Prinzessin aus dem 
Hause der Bourbonen einer Dirne nachstehen muß. 
Sie schellte heftig. Ein grauhaariger Diener trat ein. 
„Mein Frühstück!“ befahl die Königin kurz. 
„Majestät verzeihen”, antwortete der Diener leise, 
„aber Donna Padilla . , .” 
„Ich bin die Königin und mir schuldet Ihr noch vor 
jener Maitresse Gehorsam.” 
„Der König hat befohlen . . .” 
„Ja, der König hat befohlen”, rief Donna Maria aus, 
die im Türrahmen stand und sich hoch aufrichtete. 
„Ich bin die Herrin auf Burgos und meine Befehle 
werden ausgeführt. — Bringe das Frühstück.” 
Die Königin war erblaßt und hatte sich auf die 
Lippen gebissen. Mit ruhiger Würde setzte sich Blanka 
von Bourbon zu Tisch und verharrte in eisigem 
Schweigen. 
Aber Donna Marias Augen funkelten in unaus 
löschlichem Haß. Ihr Ehrgeiz trieb sie dazu, die ver 
haßte Nebenbuhlerin vom Throne zu stoßen und selbst 
Königin zu werden. „Der König ist ausgezogen, um 
Rebellen zu züchtigen. Daß der Aufstand meinetwegen 
ausbrach, weil ich dem König besser gefalle, wie Ihr, 
ist nichtiger Vorwand.” 
„Ihr seid des Königs Geliebte”, erwiderte Blanka 
leidenschaftlich, „nicht mehr und nicht weniger. Ihr 
habt mir die Liebe meines Gatten gestohlen und wagt 
dazu, über mich zu bestimmen.” 
Da sprang die schöne Padilla auf und zitterte vor 
Wut am ganzen Leibe. 
„Ich habe die Macht, über Euch zu gebieten. Für 
diese Beschimpfung rächt mich der König. Ihr aber 
verlaßt heute Euer Zimmer nicht.” 
Stolz verließ die Donna den Saal und rauschte hinaus. 
Einige Augenblicke später führte der Burghauptmann 
seine Königin in ihr Gemach und stellte Posten vor 
die Türe. 
Die Königin warf sich auf ihr Lager und weinte 
bitterlich. 
Noch bevor Donna Maria Padilla ihr Gemach er 
reicht hatte, kam ein Bote des Königs atemlos herbei 
geeilt und warf sich vor der schönen Maitresse nieder: 
„Viktoria! Es lebe der König! Der König sendet mich, 
Euch seinen Sieg zu melden und Euch zu sagen, daß er 
am heutigen Abend noch in Euren Armen ruhen wird.” 
Da war der Donna schlechte Laune verflogen. Sie 
ließ dem Boten einen Beutel Gold reichen und befahl 
ihre Dienerinnen zu sich. Sie wollte sich für Peter den 
Grausamen schmücken. 
In ihrem Zimmer fand sie ein junges Mädchen vor, 
dessen Vater dem kastilianischen Adel angehörte und 
der mit dem Halbbruder des Königs, Heinrich von 
Trastamara und mit Alvaro Perez de Castro gegen den 
König zu Felde gezogen und nun gefangen genommen 
worden war. In Marias Augen sprühte es. Sie hob 
das junge, um das Leben ihres Vaters bettelnde 
Mädchen nicht auf, sondern stieß es mit ihren Füßen 
von sich. Endlich ließ sie sich scheinbar erweichen 
und fragte; 
„Hast du gehört, wie Heinrich von Trastamara mit 
der Königin über den Aufstand beriet?” 
Das junge Mädchen erbleichte und sprang entsetzt 
auf. Mit starren Blicken sah sie die schöne lächelnde 
Herrin an. „Ich soll die Königin verleumden?“ 
„Nun, wenn du nichts gehört hast, brauchst du nichts 
zu sagen! Aber dein Vater stirbt als Rebell!” 
Die junge Adelige schrie auf und fiel zu Marias 
Füßen. 
„Hast du vielleicht doch etwas gehört?” 
Da senkte die Edeldame den Kopf und sprach ein 
leises „Ja“.
        
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